Auch das ist Berufsschule: Friederike von Sichart lernt Zimmerin. Foto: dpa

Wirtschaft und Eltern unterstützen den Verband in der Forderung nach zusätzlichen Stellen.

Stuttgart - Mit der Forderung, 400 zusätzliche Lehrer zu beschäftigen und 700 verwaiste Stellen wieder zu besetzen, hat der Berufsschullehrerverband eine erregte öffentliche Debatte ausgelöst. Während das Kultusministerium auf „große Anstrengungen“ verwies, die Lage der Schulen zu verbessern, übten Unternehmen, Eltern und die Opposition aus CDU und FDP heftig Kritik an der grün-roten Landesregierung.

„Die beruflichen Schulen rücken immer mehr ins Abseits der Bildungspolitik“, sagte die Landesvorsitzende des Berufsschullehrerverbands, Margarete Schaefer, vor Medienvertretern. Während die Schülerzahl im kommenden Schuljahr an den beruflichen Gymnasien um sechs Prozent steige und auch bei der dualen Berufsausbildung nicht mit einem massiven Einbruch zu rechnen sei, stehe der Umfang der Lehrerversorgung noch in den Sternen.

„Die Schüler werden auf die Warteliste gesetzt und wissen nicht, wie es weitergeht“, sagte Schaefer. Zwar seien von den 700 jetzt frei werdenden Stellen bis März rund 160 ausgeschrieben worden, doch erst im Juli werde über die endgültige Zahl entschieden. Schaefer: „Das ist für Schüler und Eltern unzumutbar.“ Angehende Lehrer orientierten sich angesichts dieser Lage neu und heuerten in anderen Ländern an.

Versprechen der Oppositionszeit

Dabei betrage das strukturelle Unterrichtsdefizit schon jetzt rund vier Prozent, was etwa 700 Deputaten entspreche, rechnete Schaefer vor. Außerdem habe sich die Bugwelle bei den Überstunden auf 1806 Deputate erhöht. Überhaupt benachteilige Grün-Rot die beruflichen Gymnasien ge­genüber den allgemeinbildenden, sagte sie mit Blick auf die Unterschiede der zugestandenen Lehrerwochenstunden.

Die Erwartung der Landesregierung, dass die Schülerzahl in den nächsten Jahren abnimmt, teilt die Interessenvertreterin von rund 10.000 Lehrern nicht. Schaefer: „Die Zahlen des Statistischen Landesamts stimmen nicht, das hat sich um 5000 verrechnet.“

Nicht zuletzt erinnern die Berufsschullehrer – sie unterrichten landesweit 362.000 Jugendliche – die grün-rote Koalition an die Versprechen der Oppositionszeit. Schaefer: „Da gab es die Forderung, in den nächsten drei Jahren 400 Stellen zu schaffen.“ Daran müssten sich Grüne und SPD nun messen lassen. Doch stattdessen drehten sie an immer neuen Stellschrauben.

Wirtschaft springt den Lehrern bei

Führende Wirtschaftsvertreter sprangen dem Lehrerverband bei. Die späte Information über die Personalversorgung sei ein „unhaltbare Zustand“, reagierte etwa Ar­beitgeberpräsident Dieter Hundt. Das Kultusministerium drohe den Blick aufs Wesentliche zu verlieren, und dazu zählten Qualität und Ausstattung der beruflichen Schulen – „nicht jedoch die teure Verlängerung der Hauptschule auf zehn Jahre oder die teilweise Rückkehr zum neunjährigen Abitur“.

Auch die Industrie- und Handelskammern fordern eine „bedarfsgerechte und zeitnahe Lehrerversorgung“. Die Ausstattung der Schulen mit Berufsschullehrern werde aber offenbar zurückgefahren. Dies sei ein „gefährlicher Irrweg“.

Auch der baden-württembergische Handwerkstag äußerte sich besorgt über die Entwicklung. „Mit dem Sparkurs gefährdet die Landesregierung die Attraktivität der dualen Ausbildung und damit auch des Wirtschaftsstandorts Baden-Württemberg“, erklärte Handwerkspräsident Joachim Möhrle. Der Landeselternbeirat wiederum warn­te Grün-Rot vor dem Bruch eines Wahlversprechens und forderte, alle frei werdenden Stellen schnellstmöglich zu besetzen und 157 Stellen zusätzlich einzurichten.

Kultusministerin bittet um Geduld

Das Kultusministerium hingegen bittet um Geduld. Es sei derzeit nicht möglich, nach den bisherigen 120 Ausschreibungen zusätzliche Stellen zu vergeben, solange nicht klar sei, wie viele an den Schulen insgesamt gebraucht würden, teilte Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD) mit.

Sie rechnet zwar damit, dass im nächsten Schuljahr rund 400 – nicht 700 – Stellen frei werden. Wie diese ersetzt werden, sei derzeit aber noch nicht abschließend erkennbar. Sie verwies außerdem auf die 100 zusätzlichen Stellen zum Schuljahresbeginn, mit denen der Unterrichtsausfall bereits gemildert worden sei.

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