„Die Nachfrage nach Wohnimmobilien ist in Stuttgart ungebremst hoch“, sagt der Leiter des Marktforschungsinstituts des Immobilienverbands (IVD. Foto: dpa

Aktuell fehlen laut einer Studie 8000 Wohnungen – Makler kritisieren Baurechtsamt.

Stuttgart - Die Preise in Stuttgart steigen und steigen. Sowohl bei den Kaufimmobilien als auch bei Mietobjekten. Mit einer Entspannung der Lage ist kaum zu rechnen. Schuld daran hat nach Meinung des Immobilienverbands auch das städtische Baurechtsamt.

In der Degerlocher Reginen­straße entstehen derzeit moderne Einfamilienreihenhäuser. Details gibt’s im Internet: Für 669.200 Euro erwarten einen 146 Quadratmeter Wohnfläche im von ausgedehnten Wäldern umgebenen Stadtteil. All das ist im Grunde nichts Außergewöhnliches. Dennoch ist dieses Beispiel bemerkenswert. Denn am Bauzaun prangt ein Schild mit der Aufschrift, das nicht der allgemeinen Marktlage entspricht : „Noch ein Haus frei!“

„Die Nachfrage nach Wohnimmobilien ist in Stuttgart ungebremst hoch“

Nach Meinung von Stephan Kippes dürfte sich das bald ändern: „Die Nachfrage nach Wohnimmobilien ist in Stuttgart ungebremst hoch.“ Dies wäre für jeden Immobilienmakler eine gute Nachricht, wenn der Leiter des Marktforschungsinstituts des Immobilienverbands (IVD) nicht noch folgende Ergänzung machen müsste: „Das Angebot dünnt sich trotz einiger großvolumiger Neubauprojekte zunehmend aus.“ Und was das bedeutet, kann sich jeder vorstellen: Die Preise für Miet- und Kaufobjekte steigen – teilweise auf Rekordniveau.

Eigentumswohnungen: In diesem Bereich sind Bestands- und Neubauobjekte gefragt. Laut IVD-Statistik des Frühjahrs 2012 kostet eine Eigentumswohnung mit gutem Wohnwert aus dem Bestand im Schnitt 2600 Euro pro Quadratmeter. In Spitzenlagen klettert der Preis auf 6600 Euro pro Quadratmeter. Für neue Wohnungen muss man in Stuttgart durchschnittlich zwischen 4100 und 7650 Euro pro Quadratmeter anlegen. Die Tendenz geht seit Jahren nach oben.

Baugrundstücke: Bauplätze zur Neubebauung sind in Stuttgart heiß begehrt. Der Grund ist laut IVD „eine mangelhafte Erschließung von Bauland“.

Einfamilienhäuser: Die Nachfrage nach frei stehenden Häusern ist bedeutend größer als das Angebot. Der Immobilienverband rechnet daher mit weiter steigenden Preisen. Aktuell müssten für ein Reihenmittelhaus aus dem Bestand etwa 340.000 Euro bezahlt werden. Eine Doppelhaushälfte (Bestand) wird mit 430.000 Euro taxiert. Die Spanne für frei stehende Häuser liegt zwischen 715.000 und 3,2 Millionen Euro.

Mietwohnungen: Das knappe Wohnraumangebot führt dazu, dass die Mietpreise erneut um bis zu zwei Prozent gestiegen sind. In Altbauwohnungen liegt der Quadratmeterpreis bei elf Euro, im Neubau bei 12,60 Euro. „Teilweise werden aber auch bis zu 20 Euro pro Quadratmeter verlangt“, sagt Kippes, „das gab’s noch nie.“ Laut einer aktuellen Studie des Pestel-Instituts fehlen bereits heute etwa 8000 Mietwohnungen in Stuttgart. „Die Landflucht und das Verbleiben in den Städten führen zu wachsenden Leerständen in ländlichen Räumen bei gleichzeitiger Verknappung von Wohnraum in den Ballungsräumen.

Weiter steigende Preise

„Deutschland hat eine neue Wohnungsnot“, heißt es in der Pestel-Studie zum Mietwohnungsbaus. Sollte sich diese Wohnungsnot verschlimmern, befürchtet der IVD „einen erheblichen Standortnachteil für die Region“. Aber nicht nur wegen der Knappheit auf dem Wohnungsmarkt büßten Stuttgart und die Region an Attraktivität ein.

Mit großer Sorge betrachtet Stephan Kippes auch, „dass sich die Mietsteigerungen proportional zum verfügbaren Haushaltseinkommen entwickeln“. Die Folge sei Konsumverzicht, um die steigenden Mieten wieder ausgleichen zu können.

Nach Ansicht von Stephan Kippes, der auch als Professor an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen doziert, sollte die Stadt Stuttgart diesen negativen Tendenzen mit guten Konzepten entgegentreten. Einer seiner Ratschläge lautet: „Gewerbeflächen für den Wohnungsbau mobilisieren“. Konkret: „Büros zu Wohnungen umbauen“ oder die „schrittweise und behutsame Verdichtung von Wohnraum“. Ein gutes Beispiel böte München: „Dort wird gerade das alte Siemenshaus in ein Studentenwohnheim umgebaut.“ Doch so ­etwas sei in Stuttgart kaum denkbar.

„Die Verfahren dauern oft mehrere Monate“

„Wer in Stuttgart etwas bauen will, stößt auf ein weiteres Problem“, sagt Kippes, „aufgrund eines Personalmangels kann zurzeit keine fristgerechte Bearbeitung der Bauanträge gewährleistet werden. Die Verfahren dauern oft mehrere Monate.“ Selbst Gespräche zwischen der Stadt und Wohnungsunternehmen hätten zu keiner Verbesserung geführt, was der IVD „nachdrücklich verurteilt“.

Erich Hildebrandt, Makler und Ehrenmitglied des IVD, geht sogar noch einen Schritt weiter. Er kritisiert nicht nur die Personalknappheit im Baurechtsamt, sondern auch die Qualität der Mitarbeiter: „Selbst gut gemeinte Bauanträge werden einfach abgeschmettert, weil normale Sachbearbeiter mit den Themen teilweise überfordert sind.“ Die Folgen münden laut Hildebrandt in „eine Katastrophe“: „Bevor jemand dann irgendeine Entscheidung trifft, lehnt der den Antrag lieber ab.“

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