Die Eheleute Graf/Agassi traten bisher eher selten in der Öffentlichkeit auf – aber das könnte sich bald ändern. Foto: imago/TEAM B

Wie die French Open vor einem Vierteljahrhundert in die Geschichte eingingen und das Leben der Tennissuperstars Steffi Graf und Andre Agassi veränderten – aus den Siegern von damals wird das berühmteste Sportlerpaar des Planeten.

Es ist ein sonniger Maitag, an dem Steffi Graf vor ein paar Jahren an ein „ganz besonderes Wochenende“ zurückdenkt. Sie ist an jenem Tag während der French Open selbst in Paris, sie hat Sponsorentermine, von den Grand-Slam-Matches bekommt sie wenig mit. „Besonderes Wochenende“, das ist eine gewaltige Untertreibung für das, was vor einem Vierteljahrhundert passierte. Denn rund um die beiden Finaltage am 5. und 6. Juni 1999 beim Pariser Grand-Slam-Spektakel veränderte sich das Leben der erfolgreichsten deutschen Sportlerin aller Zeiten. „Es waren unglaubliche Tage, unfassbare Momente“, sagt Graf (54).

 

Die gebürtige Mannheimerin spielt eine der beiden Hauptrollen in dieser filmreifen Story. Die andere Spitzenbesetzung ist Andre Agassi (54), Superstar aus Amerika. Sie treten an unterschiedlichen Tagen auf, Graf als Siegerin in einem hochdramatischen Endspiel am Samstag gegen die Schweizer Teenagerin Martina Hingis, Agassi als Comeback-König im Herrenfinale gegen den Ukrainer Andrej Medwedew, den er nach einem 0:2-Satzrückstand noch besiegt. Seitdem treten sie am liebsten nur gemeinsam auf, sind ein Herz und eine Seele.

Dem großen Sport folgte die große Liebe

Dem großen Sport an jenem Wochenende folgt die große Liebe. Graf und Agassi werden ein Paar, sie werden Eheleute. Und sie werden Eltern von zwei Kindern, von Sohn Jaden Gil und von Tochter Jaz Elle. „Damals sprang irgendwie der erste Funke über“, sagt Graf.

Über das Private spricht Graf ansonsten nicht so gerne, anders als Gatte Agassi. Wenn der über „zwei alles überragende Siege in seinem Leben“ schwärmt, dann meint der ehemals exzentrische Paradiesvogel an erster Stelle nicht den Pariser Triumph, sondern seine Ehe „mit Steffi, denn das ist wie die Erfüllung des Schicksals. Sie ist die Frau, die so perfekt zu mir passt, wie man nur perfekt zusammenpassen kann.“ An seinem 50. Geburtstag setzte Agassi vor Freunden sein berühmtes Buddhalächeln auf und verkündete: „Ihr seht einen glücklichen Ehemann und Menschen vor euch.“

Agassi und Graf – wer sie auf den Reisen durch die Tenniswelt begleitete, hätte sich ihre Liaison und ihr zurückgezogenes Eheleben nicht ausmalen können. Agassis Leben wurde nach dem Ende der Karriere im Jahr 2006 ein Graf-Leben, ohne Seite-1-Präsenz. Die Ausnahmegrößen zogen ihre Kinder auf, arbeiteten für wohltätige Zwecke, entzogen sich dem auszehrenden Tourbetrieb.

Doch der letzte große Grand-Slam-Tanz der Überfrau im Stadion Roland Garros zu Paris hat sich ins kollektive Gedächtnis der Tennisfans eingebrannt. Die wilden Szenen auf dem Centre Court, der Generationenkonflikt, der sich zwischen Steffi Graf und ihrer jugendlichen Herausfordererin Martina Hingis manifestierte. Das aufgeheizte Publikum, das sich auf die Seite von Graf schlug. „Die Franzosen haben mich zum Sieg getragen“, erinnert sich Graf. „Ich war wochenlang verletzt vor dem Turnier. Ohne diese Unterstützung wäre es nichts geworden.“

Hinschmeißen? Hat sie zum Glück nicht getan

Als Graf am Tag nach dem Finale mit Reportern in aller Frühe spricht, hat sie noch Kopfweh von der Feier. „Mensch, bin ich müde“, sagt sie, „es fühlt sich grausam an jetzt.“ Aber da sind eben auch ein „wahnsinniges Glücksgefühl“ und eine „richtige Genugtuung“: „Ich habe es einigen da draußen gezeigt. Einigen, die mich schon abgeschrieben hatten.“ Trainer Heinz Günthardt spricht von einer „außerirdischen Kraft, die in Steffi steckt“. Und meint damit die Zähigkeit und Willensstärke, mit denen Graf Verletzungsprobleme auf der Zielgeraden der Karriere wegsteckt. „Manchmal wollte ich schon alles hinschmeißen“, sagt Graf seinerzeit.

Das hat sie zum Glück nicht getan. Denn dass eine Spielerin bei einem Major-Wettbewerb die Nummer 1, die Nummer 2 und die Nummer 3 der Weltrangliste schlägt, ist ein absolutes Novum. Die Deutsche gewinnt im Viertelfinale gegen Lindsay Davenport (USA), 48 Stunden später gegen Monica Seles (USA) und im Finale gegen Martina Hingis. Die beispiellosen Auseinandersetzungen im Endspiel haben eine Vorgeschichte, die auf den Nenner zu bringen ist: Hingis hat keinen Respekt für die Tennis-Lebensleistung von Graf. Und deren Comeback im Herbst 1998/Winter 1999 hat nach Ansicht der Eidgenossin nur damit zu tun, „dass wir anderen in der Spitze alle zu kaputt waren“.

Hingis gewinnt den ersten Satz überlegen, auch im zweiten Akt liegt sie mit 2:0 vorne. Doch dann leistet sie sich einen Fauxpas. Schiedsrichterin Anne Lassere gibt einen Returnball der Teenagerin Aus, aber Hingis nimmt das nicht hin. Sie bittet die Schiedsrichterin, den Abdruck zu checken. Lassere prüft, gibt den Ball dennoch Aus. Hingis, aufgebracht, marschiert auf die andere Seite, markiert den Abdruck anders. Ein No-go, das Publikum pfeift sie aus, „Steffi, Steffi“-Sprechchöre ertönen. Hingis setzt sich auf ihren Pausenstuhl, lässt Oberschiedsrichterin Georgina Clark kommen. Hitzige Diskussionen, Hingis kassiert eine Verwarnung.

Hingis gerät nun 3:4 in Rückstand, fightet zurück, schlägt bei 5:4-Führung zum Sieg auf. Graf wendet die Partie erneut, schafft ein Rebreak zum 5:5, gewinnt dann auch Satz zwei. Im dritten Satz geht Graf 3:0 in Front, Hingis scheint am Ende, berappelt sich, es gelingt ihr der 2:3-Anschluss. Graf aber lässt sich nicht beirren, bei 5:2 und 40:30 hat sie ihren ersten Matchball – Hingis serviert, von unten – despektierlich „Hausfrauenschlag“ genannt. Graf haut den Ball ins Netz, die Zuschauer brüllen Hingis nieder. Die Schweizerin beschwert sich, die Tumulte werden größer.

Graf ist Königin von Paris

Kurz danach ist alles vorbei, Graf Königin von Paris. Als sie auf dem Centre Court interviewt wird, ist Hingis abgetaucht in den Katakomben. Nach ein paar Minuten kehrt sie – in Tränen aufgelöst – mit Mutter Melanie Molitor zurück. Graf sagt in ihrer Siegerinnenansprache: „Du solltest nicht traurig sein. Du wirst eines Tages auch hier gewinnen.“ Das allerdings passiert nicht, Hingis gewinnt niemals die French Open.

Grafs Ehemann Agassi erlebte 48 Stunden nach dem Damendrama seine Wiedergeburt – nach einer Krise, die ihn bis auf Platz 141 der Weltrangliste gespült hatte. Im Endspiel gegen den Ukrainer Medwedew lag Agassi mit 0:2-Sätzen zurück, ehe er eine Aufholjagd startete und an Ende ergriffen in den roten Sand sank. „Ich habe dem Monster den Kopf abgeschlagen“, sagte der Amerikaner danach. Mit „Monster“ meinte er das Turnier selbst, bei dem er so oft gescheitert war. Und bei dem er nun seinen Karriere-Slam vollendet hatte, den Gewinn aller vier Majors wenigstens einmal.

Jenseits seines 30. Geburtstages erlebte er danach eine Blütezeit, mit kahl geschorenem Schädel, eiserner Fitness, asketischer Lebensweise. Und mit Frau Graf, die ihm auch mit manchem sportlichen Ratschlag half. „Wir haben eine große Harmonie und Geistesverwandtschaft“, sagte Agassi gern. Vorbei waren für den Graf-Gatten die Zeiten, in denen er als Popstar der Branche durch die Welt zog.

Die Champions von einst sind gerade dabei, sich wieder mehr in der Öffentlichkeit zu zeigen. Agassi wurde zum Kapitän der Weltauswahl ernannt, die beim Showkampf „Laver Cup“ stets gegen Europa antritt. Gemunkelt wird auch von einem anderen Termin, den das Paar demnächst hat – als Zeremonienmeister bei der Krönung der French-Open-Sieger 2024. 25 Jahre nach dem „besonderen Wochenende“ unterm Eiffelturm.