Steffen Seibert ist der neue Sprecher an Merkels Seite Foto: ddp

Steffen Seibert spricht zum ersten Mal für die Regierung seiner durchaus verehrten Kanzlerin.

Berlin - Da steht er nun und ist plötzlich Partei. Auf ganzer Linie. Vom Scheitel bis zur Sohle. Steffen Seibert wartet vor seinem Amt, dem Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, auf seinen ersten Gast. Zwei Limousinen fahren zügig auf den abgesperrten Vorplatz und bedeuten den Menschen, die wie jeden Tag auf den ihn umgrenzenden Waschbetonbänken ihren mitgebrachten Mittagsimbiss einnehmen, dass sich Ungewöhnliches ereignet.

In taubenblauem Blazer, mit kess kurz geschnittener Frisur und einer Gesichtsfarbe, die an die reifen Äpfel ihrer Tiroler Urlaubsregion erinnert, entsteigt Bundeskanzlerin Angela Merkel dem Gefährt und lässt sich vom neuen Mann an ihrer Seite begrüßen. "Herzlich willkommen, Frau Bundeskanzlerin", sagt Seibert. Lächeln und leises Scherzen. Nun sprechen Sie mal schön.

Der Mann ist nervös. Supernervös. "Mein Puls schlägt in besorgniserregender Frequenz." Minuten vor der Ankunft Merkels erzählt der 50-Jährige noch, wie der Tag an ihm vorbeirauscht "mit lauter Terminen, von denen jeder einzelne so neu und spektakulär für mich ist, dass ich vermutlich erst heute Abend begreife, was das alles bedeutet". Abends, wenn er das ZDF einschaltet und den Mainzer Nachrichtenmachern lauscht, was sie über ihn reden, den Ex-Moderatorkollegen und nun neuen Sprecher? "Dieser Job ist Prozess einer inneren Reifung", sagt er noch; dann ist Merkel da. Er kontrolliert den Krawattenknoten, zieht die weißen Hemdsärmel unter dem Jackett zwei Zentimeter weit über den Handrücken. Und los.

So nervös ist Seibert an diesem Tag, an dem er mit seinem ersten Auftritt vor den in Berlin akkreditierten Hauptstadtmedien die "Feuertaufe" hinter sich bringt, wie es Merkel nennt, dass die Kanzlerin sich erbarmt und Wohlverhalten verspricht: "Ich werde versuchen, mich so vernünftig zu verhalten, dass Sie möglichst wenig Ärger mit mir haben." Er kontert unfreiwillig komisch mit der Bemerkung, "dass diese ersten turbulenten Tage meines neuen kleinen Lebens vermutlich noch ruhige Tage waren, weil Sie im Urlaub waren". Dabei wirkt er so erschöpft und angestrengt, dass Merkel sehr geradeaus zugibt, warum sie sich für den früheren ZDF-Mann als neuen Regierungssprecher entschieden hat: "Sie sind jemand, dem man schnell ansieht, wenn er etwas noch nicht hundertprozentig überschaut. Aber diese aufrichtige Art ermöglicht ehrliche Fragen und Antworten."

Anfang oder Ende aller Ehrlichkeit?

Probleme gibt es schließlich genug - und mindestens so viele Zwänge, den Wählern Politik zu erläutern. Umso sicherer ist sich die Chefin, dass Seibert das wichtige Regierungsgeschäft und das richtige Reden darüber schon sehr rasch sehr genau überschauen wird. "Das wünsche ich Ihnen schon aus Eigeninteresse." Sie selbst, sagt Merkel in seltener Offenheit, neige eher dazu, möglichst erst die Ergebnisse der politischen Arbeit bekanntzugeben. Um den Weg dorthin aber sichtbarer werden zu lassen, werde Seibert jederzeit "dorthin Zugang haben, wo wirkliche Entscheidungen fallen".

Ist das der Anfang oder das Ende aller Ehrlichkeit? Die Politikberaterin Gertrud Höhler hatte Merkel in dieser Zeitung vorgeworfen, Seibert zu berufen, um von dessen Glaubwürdigkeitsbonus zu profitieren. Wird nun auch Merkels schwarz-gelbes Regieren glaubwürdiger, weil sie von diesem smarten, wortmodulierenden Sprechprofi verkauft wird - dessen alter Sender ZDF sich überdies gute Kontakte zur Kanzlerin und CDU-Chefin erhofft? Doch Seibert kann auch pokern, daran sollte niemand zweifeln - schon gar nicht an seinem Talent und Ehrgeiz, sich weitere List zuzulegen.

Am ersten Tag freilich ist nichts davon zu spüren - zu nervös ist Seibert bei seiner Vorstellung vor der Hauptstadtpresse. Das versteht sich von selbst, aber zu offensichtlich auch wollen die Kollegen den Neuen löchern mit Fragen von der Brennelementesteuer und dem Energiekonzept über die Steuerreform bis zum deutschen Botschaftsgebäude in Prag. Seibert wiederholt die Fragen, um Zeit zu gewinnen zum Denken und Formulieren. "Ich habe mir gedacht, dass so ein Moment mal kommt." "Vielleicht kann das Ressort helfen?" "Ich übe noch."

Plötzlich also ist er Partei. In einem früheren Interview bekannte sich Seibert noch dazu, Wechselwähler zu sein. Das steht ihm nach wie vor frei, doch von diesem Montag an ist alles Private politisch. Darum bekundet er "große Sympathie und vielleicht auch Bewunderung für die Arbeit von Angela Merkel - und sicher auch für ihr Auftreten und ihr Wertesystem". Seiberts Begeisterung für alles Merkel'sche war der Kanzlerin zu Ohren gekommen, "als ich noch lange ignorierte, dass sich mein damaliger Regierungssprecher Ulrich Wilhelm beruflich neu orientieren wollte". Plötzlich hätten sich die Dinge gefügt, kokettiert Merkel, der Unions- wie FDP-Koalitionäre vorwerfen, in ihren Regierungsgeschäften gelegentlich zu lang zu warten: "Wie so oft im Leben." Steffen Seibert hätte das nicht besser sagen können.

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