Niemand bringt Schönheit und Schrecken des Automobils so gekonnt auf den Punkt wie Stefan Rohrer – eine seiner Installationen in der Göppinger Kunsthalle Foto: Kunsthalle

Crashs wie im Comic: Der Stuttgarter Bildhauer Stefan Rohrer inszeniert Unfälle mit Autos und stellt seine stilisierten Karambolagen in der Göppinger Kunsthalle aus – als Dekonstruktionen des liebsten Fetischs der Deutschen.

Göppingen - Sein Ruf ist schon länger beschädigt. Abgasschwindeleien, Fahrverbote und Feinstaubdebatten haben dem einstigen Statussymbol Auto am Lack gekratzt. Doch allen umweltbewussten Bedenken zum Trotz geht von windschnittigen Karosserien und gepflegter PS-Stärke weiterhin eine hohe ästhetische Faszination aus. Den Zwiespalt zwischen Schönheit und Schrecken des Automobils bringt wahrscheinlich niemand so gekonnt auf den Punkt wie Stefan Rohrer, stellt der Stuttgarter Bildhauer in seinen Objekten doch bevorzugt stilisierte Unfälle dar. Mit umgemodelten Autos, Rollern und Motorrädern lässt er es jetzt auch in der Kunsthalle Göppingen krachen. Aber die Ausstellung passt nicht nur in die gesellschaftliche Diskussion um den liebsten Spritfresserfetisch der Deutschen. Rohrers poppige Farben und verwirrende Formen begeistern auch durch ihre perfekte technische Ausführung.

 

Der alte Porsche zum Beispiel, der da aufgefahren ist, treibt wahrscheinlich jedem Lenkrad-Nostalgiker Tränen der Rührung in die Augen. Wer indes die Kühlerhaube des schicken Flitzers sieht, dem bleibt das Herz stehen. Der vordere Wagenteil ist grotesk in die Länge gezogen, aus der geöffneten Klappe springen Räder, Scheinwerfer und Achsen heraus. Ein Crash wie im Comic. Auch die himmelblaue Vespa nebenan scheint von der Fahrbahn abgekommen zu sein. Zur Blechschlange geworden, wickelt sie sich um einen eingedellten Laternenmast. Wie in den Mehrphasenbildern der italienischen Futuristen fasst das auseinanderfliegende Blech den zeitlichen Ablauf eines Unfalls simultan zusammen. Rasen, rutschen, aufprallen – bei Rohrer sind diese Schritte in einer Figur konzentriert.

Sein Kindertraum: Autodesigner

Gekonnt verbirgt die kautschukartige Geschmeidigkeit die aufwendige Arbeit, die hinter all dem steckt. Aber mit Schweißen, Schrauben und Hämmern hat der jugendlich agile 51-jährige Künstler kein Problem. Handwerkliches Knowhow eignete er sich bei einer Steinmetzlehre an, auf der Akademie kam er dann zum Metall. Seine heutige Kunst ist quasi die Verwirklichung eines Bubentraums. „Als Kind“, verrät er, „wollte ich immer Autodesigner werden und habe auch selbst schon Modelle gezeichnet.“ Erst als Stefan Rohrer älter wurde und sich im linksalternativen Milieu bewegte, begann er, den Kult um den fahrbaren Untersatz kritisch zu sehen und sich von dem frühen Berufswunsch zu distanzieren.

Nun aber ist ein ironischer Ausweg zwischen den konträren Positionen gefunden. Einerseits sind die Blechmonumente moderne Vanitas-Symbole, die daran erinnern, wie schnell eine Spritztour am Betonpfeiler oder im Straßengraben enden kann. Andererseits wird uns der bittere Kater nach dem Geschwindigkeitsrausch wieder ein wenig versüßt. Und zwar durch die schwerelose Dynamik des Metalls, das hierhin und dorthin durch den Raum kurvt und aus jeder Perspektive eine neue ornamentale Gestalt annimmt. Als wolle er die automobilen Edelwracks aus der Gegenwart wegrücken, bevorzugt der Künstler ältere Modelle und Designfarben aus den siebziger und achtziger Jahren, als die Fortbewegungswelt noch halbwegs in Ordnung war.

Schrott für 50 000 Euro

Schon einige renommierte Sammler sind auf Stefan Rohrer aufmerksam geworden. „Am beliebtesten“, sagt er, „bin ich bei Unternehmern aus dem technischen Bereich.“ So kauften etwa Alison und Peter W. Klein aus Eberdingen-Nussdorf eine Skulptur Rohrers für ihr Privatmuseum. Auch in der Sammlung Biedermann in Donaueschingen ist der Künstler vertreten. In Göppingen dagegen, seiner Geburtsstadt, kennt man den Künstler schon seit Jahren mit spektakulären Werken aus dem öffentlichen Raum. Inmitten eines Kreisverkehrs schraubt sich da ein knallblauer, wie aufgesprengt wirkender VW Golf spiralförmig in die Höhe.

Rund 50 000 Euro kosten Dekonstruktionen wie diese auf dem Kunstmarkt, kleinere Objekte aus Modellautos liegen bei 2000 Euro. Darüber freilich spricht der Künstler nur ungern. Der Preis, so seine Befürchtung, erwecke falsche Vorstellungen über seine tatsächlichen Einnahmen. „Ich habe hohe Betriebskosten, dazu kommt der Anteil für den Galeristen.“ Voraussetzung für Rohrer sind passende Gebrauchtwagen der älteren Generation. Dabei ist das Angebot nicht mehr so üppig wie zum Anfang seiner Karriere. „Rund um mein Atelier in den Wagenhallen standen früher immer alte Autos herum, die man mir gern geschenkt hat.“ Das wird weniger, der größte Engpass bestehe derzeit aber bei Motorrollern.

Vertreten wird Stefan Rohrer von der Galerie Scheffel in Bad Homburg. Ist es den Kunsthändlern zwischen Untertürkheim und Zuffenhausen zu heikel, Werke auszustellen, in denen das Heilig’s Bleche gegen die Wand fährt? Rohrer winkt ab, er habe durchaus schon Anfragen von kommerziellen Galerien aus Stuttgart erhalten, musste aber absagen. Das Problem sei, dass er nicht schnell genug arbeite. „Für eine Skulptur brauche ich oft sechs Monate oder länger. Mehr als eine Galerie kann ich damit nicht bedienen.“