Süddeutsche.de-Chefredakteur Stefan Plöchinger. Foto: SZ

Fachkongress „Zeitung digital“ auch mit Stefan Plöchinger, Chefredakteur von Süddeutsche.de.

Stuttgart – „Zeitung digital“ – so lautet der Titel des Fachkongresses in Stuttgart, bei dem am Dienstag und am Mittwoch Entscheider der Print- und Onlinebranche diskutieren. Mit dabei: Stefan Plöchinger, Chefredakteur von Süddeutsche.de. Ein Gespräch über die Zukunft der Tageszeitung.

Herr Plöchinger, Zeitung trifft digital, heißt es bei dem Kongress. Sind das nicht zwei Welten?
Klar ist, dass Zeitungen gerade neu erfunden werden, weil die Welt digitalisiert wird. Menschen konsumieren Nachrichten ganz selbstverständlich morgens um 7 Uhr auf dem Handy und abends um 23 Uhr auf dem iPad. Das verändert die Art, wie Journalisten Informationen anbieten müssen.

Was heißt das für klassische Printmedien?
Hochtempo-Nachrichten, also das, was im Moment gerade aktuell ist, die klassischen Berichte, werden den Menschen inzwischen aus anderen Kanälen geliefert. Von diesem Geschäft werden sich Zeitungen zusehends trennen und zu täglichen Magazinen ent­wickeln. Die reine Nachricht verlagert sich zu Medien, die immer live sind – also den ­TV-Sendern, Radioprogrammen und natürlich Online-Seiten. Und das definiert Printprodukte neu.

Welche Verlage sind da weit vorn?
Die angelsächsischen Medien haben einen Vorsprung von etwa fünf Jahren. An Zeitungen wie dem britischen „Guardian“ oder der „New York Times“ können wir sehr genau absehen, was man richtig machen kann, wenn man sich auf diese neue Welt einlässt. Der „Guardian“ ist keine reine Zeitungsmarke mehr, sondern auf allen Plattformen vertreten: Web, Print, Mobile, Tablet. Bei der „New York Times“ ist es ähnlich. In angelsächsischen Ländern haben sich gerade Zeitungshäuser eine starke digitale Präsenz in allen Kanälen aufgebaut.

Aber verdient der „Guardian“ mit seiner digitalen Präsenz auch Geld?
Nicht genug. Würde der Verlag heute die Zeitung zusperren, müsste er morgen den ganzen Laden dichtmachen – mit Print verdient man immer noch viel Geld, und der „Guardian“ ist insgesamt tief in den roten Zahlen. Die einzige Chance, da rauszukommen, ist allerdings das digitale Geschäft. Denn nur das wächst. Es wächst nicht schnell genug, und es werden längst nicht die Umsätze erzielt, die man bräuchte, um große Redaktionen zu erhalten. Trotzdem ist es die vielleicht größte Hoffnung. Im Kern ist das bei allen Medienhäusern so.

Weshalb sollte man für News bezahlen?
Wir haben viele Nutzer, die unsere Marken schätzen. Die Herausforderung liegt genau darin, ihnen beizubringen, dass die Marke dauerhaft nur bleibt, wenn sie bereit sind, für guten Journalismus zu zahlen.

Springen nicht viele Printleser ab, wenn sie Nachrichten online erhalten? Stichwort Kannibalisierung.
Umgekehrt: Wir stellen fest, dass unsere „Süddeutsche Zeitung“ als Marke von so vielen Menschen genutzt wird wie noch nie. Wir sind sehr stark in Print, und wir haben eine sehr starke Online-Marke. Weit mehr als eine Million Menschen lesen die „SZ“, und noch mehr die Webseite. Die Überschneidung beträgt nur um die zehn Prozent.

Welche Rolle spielt Gründlichkeit in der Schreibe und der Recherche im Internet, wo ständig Redaktionsschluss ist?
Live zu publizieren ist nichts Neues, bisher haben das Radiosender und Nachrichtenagenturen geleistet. Es gibt klare ­Vorschriften, wie akkurat und dennoch schnell gearbeitet wird. Be first, but first be right. Auf Deutsch also: Sei der Erste, aber sei zuallererst korrekt. Eine alte Regel, die online mehr gilt. Eine Falschmeldung auf einer Internetseite ist so verheerend wie nirgendwo sonst, weil man im Netz ganz rasch ganz viel Glaubwürdigkeit ­verlieren kann.

Was ist nach Ihrer Einschätzung das Geschäftsmodell der Zukunft?
Erstens: Wir wissen, dass mit Anzeigen im Netz Geld zu verdienen ist, aber noch nicht genug. Zweitens: Wir müssen die Leser zu so treuen Fans unserer Marke machen, dass sie bereit sind, diesen Journalismus finanziell zu unterstützen. Drittens müssen wir versuchen, von klassischen Rubrikenmärkten wie den Stellenanzeigen nicht völlig abgekoppelt zu werden. Aus diesem Dreiklang ­entsteht hoffentlich eine tragfähige Finanzierung – in der im Übrigen auch Print ­vorkommt. Dauerhaft, da bin ich sicher, weil Menschen das haptische Erlebnis einer ­Zeitung schätzen.

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