Seit 1982 ist er DJ, seit 1983 Friseurmeister: Andreas Hillemann alias DJ Hille darf sich jetzt auch noch „Deutschlands erster Radiofriseur“ nennen. Foto: Hille

Im Musicland hat er jahrelang aufgelegt, wo die Fantas in den 1990ern zum Inventar gehörten. Andreas Hillemann alias DJ Hille, der „erste deutsche Radiofriseur“ bei SWR 3, erzählt vom Müsli und Coronacut, dem Haartrend.

Stuttgart - Seine hohe Stirn lässt vermuten, dass er selbst eher weniger darunter leidet, momentan keinen Friseur aufsuchen zu können. Viel zum Schneiden gibt’s bei Andreas Hillemann nicht, der als DJ Hille an der Rille ein bekanntes Gesicht der Stuttgarter Partyszene ist. Aber einer wie er ist raffiniert genug, um eine Gelegenheit beim Schopfe zu packen, selbst wenn diese Gelegenheit eine Glatze ist. Zwar trifft ihn die Corona-Pandemie doppelt, weil er keinen seiner beiden Berufe (er ist DJ und Friseur) ausüben kann. Doch ohne die Krise wäre der 56-Jährige niemals zum „ersten deutschen Radiofrisur“ geworden, als den ihn SWR 3 Nacht für Nacht feiert.

Mit Klebeband werden Ponys geschnitten

In normalen Zeiten gehört Moderator Ben Streubel zu den Kunden von Hilles schneller Schere. Der Salon Wings Hair & Beauty an der Königstraße, den der Radiomann regelmäßig aufsucht, ist geschlossen – wie alle anderen Friseurgeschäfte. „Bennybär“ ruft deshalb in jeder seiner Sendungen in der „ARD Popnacht“ Andreas Hillemann an, um sich Tipps zu holen für sich und seine ob der kuriosen Vorschläge begeisterte Hörerschaft. Die Nation hat nicht mehr die Haare schön? Das muss nicht sein. Man muss sich nur zu helfen wissen!

Der Radiofriseur verbreitet seine witzigen Erfindungen, damit der Coronacut sitzt. Mit Klebeband werden Ponys geschnitten, mit Roter Beete und Kaffeesatz lassen sich Haare färben, ein Staubsauger eignet sich dazu, Locken zu drehen. Die Reaktionen sind bundesweit super. „Natürlich mach’ ich da mit“, sagt Streubel, „nur den Kaffee trink’ ich lieber und schmier ihn nicht in die Haare.“

Die Fantas gingen im Müsli ein und aus

Wer weiß, wo Andreas Hillemann in jungen Jahren an der Machtposition eines DJ-Pults stand, wundert sich nicht, dass ihm immer wieder Verrücktes einfällt. DJ Hille hat die Schule des Lebens nächtens an der Reinsburgstraße besucht. Das 1984 eröffnete Musicland hat ihn geprägt. Das Müsli, wie der Ort bis zur Schließung im April 2004 genannt wurde, besaß einen hohen Coolness-Faktor und galt als Einsteiger-Disco für Nachteulen. In der Stay-at-home-Challenge der Clubs während der Corona-Krise darf das Müsli nicht fehlen. Die Fantas gingen hier ein und aus, zumal Andreas „Bär“ Läsker, ihr Manager, im Haus direkt darüber sein Büro hatte. Hille war dabei, als die Vier 1989 ihr allererstes Konzert im Kindergarten Wangen gaben. Thomas D. war obendrein Kollege, auch ein gelernter Friseur.

Voll auf dicke Hose gemacht

Eine Geschichte erzählen sich Müsli-Fans bis heute gern. Als die Fantas 1992 im Theaterhaus in Wangen ihr Album „4 gewinnt“ präsentierten, ließen sie sich danach in einer sechstürigen Stretchlimou­sine samt Motorrad-Eskorte zur After-Show-Party ins Müsli chauffieren. „Wir haben voll einen auf dicke Hose gemacht und in dem Straßenkreuzer Cognac gesoffen“, erinnerte sich Smudo Jahre später, „und dann hat Bär Umschläge rausgeholt: schnapp, schnapp, schnapp, schnapp. 4500 Mark für jeden.“

Wer cool war, kam zum Abhängen, nicht zum Tanzen

Gespielt wurde im Müsli alles – von AC/DC bis Techno. Wer besonders cool war, kam nur zum Abhängen. In seinem Buch „Lokalhelden“ schreibt Jörg Harlan Rohleder: „Hier wird nicht getanzt, das ist die goldene Regel. Die einzigen, die sich nicht dranhalten, sind Menschen aus Landkreisen mit den Autokennzeichen LB, WN, RT, TÜ, CW und BB und natürlich die Rich Kids von der Merz-Schule.“

In normalen Zeiten legt DJ Hille, der auch in der Boa und im Oz Musik gemacht hat, im Lichtblick bei Müsli-Revival-Partys auf – für alle, die damals dabei waren oder heute so jung sind, dass sie nicht glauben wollen, was damals in Stuttgart abging. 1982 ist Hillemann DJ geworden und 1983 Friseurmeister. In seiner langen Laufbahn an Schere und Föhn hat er mehrfach Winfried Kretschmann als Kunde begrüßt. Wer meint, der Bürstenschnitt des Ministerpräsidenten sei leicht zu schneiden, erfährt von ihm: „Von wegen, er hat etliche Wirbel, was die Sache kniffelig macht.“

Wie Corona die Frisurmode beeinflusst

Kretschmann selbst hält sich, wie jeder sehen kann, an das Friseurverbot. Seiner Gerlinde und ihm mache dies aber nichts aus, sagte er. Am 4. Mai dürfen die Salons wieder öffnen. Andreas Hillemann bereitet sich nun darauf vor. Eine FFP2-Maske wird er tragen und wenig reden, was ihm nicht leicht fallen dürfte. Auch Kunden müssen Maske tragen, die sie nur ablegen dürfen, wenn es der Haarschnitt verlangt. „Ich werde hinter den Kunden stehen“, sagt Hille. Die Schneideposition von vorne – also von Angesicht zu Angesicht – soll vermieden werden.

Wie Corona die Frisurmode beeinflusst? „Der Trend geht ganz klar zu längeren Haaren“, antwortet der Radiofriseur, „und Frauen tragen vermehrt Grau, weil sie jetzt wochenlang nicht färben konnten und merken, dass ihnen das gut steht.“ Der Coronacut wird eines Tages in den Lehrbüchern für Friseure stehen – so wie das Müsli in den Herzen der heute 50-jährigen Stuttgarter fest verankert ist.

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