Die 1985 eröffnete Röhre musste 2012 für das Bahnprojekt Stuttgart 21 weichen. Foto: dpa/ Marijan Murat

„Chaoten, aus denen was geworden ist“ – so beschreibt Nanno Smeets die „tolle Röhre-Familie“, deren Teil er war. Von 1985 bis 2012 brodelte Subkultur im Club des Wagenburgtunnels. Vorm Riesendurchbruch spielte gar Rammstein 1995 hier.

Stuttgart - Vor langer, langer Zeit, als Events noch Hochzeit, Straßenfest oder Tanztee hießen, wollte das Stuttgarter Ballett aushäusig auftrumpfen. Im Auftrag von Choreograf William Forsythe suchte die Bühnenbildnerin Randi Bubat einen Ort abseits der Oper, wo sich Publikum und Künstler ohne althergebrachte Trennung von oben und unten vermischen konnten. Sie wurde im Wagenburgtunnel fündig. Dort entdeckte sie neben der Autoröhre einen vergessenen und nur nach einer Seite durchgebrochenen Stollen. Dessen Wände ließ man zubetonieren – und feierte ein „Event“, wie auf Plakaten stand.

Es war das Jahr 1979. Kaum einer wusste in Deutschland, was das ist, so ein Event. Randi Bubat, die Witwe von Jazz-Legende Wolfgang Dauner, hat mit Anfang 30 diesen Begriff in Stuttgart etabliert. Event, so hieß es damals, stehe für „erlebnisorientiert“.

„Ein Tunnel ist ein nützliches Loch“, sagte Rommel

An Erlebnissen, mitunter auch orientierungslosen, herrschte in der Nordröhre des Wagenburgtunnels über viele wilde und schnelle Jahre gewiss kein Mangel. Blicken wir noch weiter zurück: 1941 hatte man zwei Röhren in den Berg getrieben, um den Osten mit dem Zentrum zu verbinden. Der Krieg stoppte den Bau, die Menschen suchten dort Schutz vor Luftangriffen.

1958 war die Südröhre fertiggebaut, damals mit 824 Meter der längste Straßentunnel Deutschlands. Die Nordröhre blieb Bunker und diente als Fluchtweg. Am 26. September 1985 wurde der Zwilling des Autotunnels feierlich von Manfred Rommel im Beisein der Stadtprominenz seiner nächsten Bestimmung übergeben. „Ein Tunnel“, referierte der damalige OB, „ist nichts anderes als ein Loch, ein nützliches Loch.“ Dieses Loch war ein Politikum. Die Stadt investierte 650 000 Mark, um musik-rebellische Regungen wachzuküssen, die man in provinzieller Verschlafenheit zu lange übersehen hatte.

Die Röhre, der Name des Musikclubs, wurde zum Inbegriff von Subkultur, von Rockkonzerten, von heißen Partys, gern auch mal mit Schaum (beim Gaytunnel mit Darkroom). Dieser dunkle Schlauch durfte bis ins Jahr 2012 für Live-Auftritte nützlich sein – dann war Schluss, weil Stuttgart 21 sich auch dieses Loch geschnappt hat.

„Wir hielten zusammen, egal, was war“

Den Wirt Nanno Smeets, einen von drei Röhre-Chefs, haben wir in der Stay-at-home-Challenge während der Coronakrise gefragt, woran er sich gern erinnert an seine spannenden Jahre an der Nordseite des Wagenburgtunnels und woran nicht so gern. Die Liste seiner schönsten Erlebnisse ist nahezu endlos. Auf der negativen Seite hingegen bleibt nicht viel übrig. „Eigentlich nur eines war Mist“, sagt er, „unsere Schließung.“

Lassen wir den Nanno, der heute einer der Betreiber der Bar Immer Beer Herzen an der Hauptstätter Straße ist, mit Wonne in den guten, alten Zeiten schwelgen. „Ich habe so viele tolle Menschen in der Röhre kennengelernt, die heute noch ein wichtiger Teil meines Lebens und Herzens sind“, schwärmt er, „wir hatten eine tolle Röhre-Familie, wir hielten zusammen, egal, was war.“

Und dann weiß er gar nicht, wo anfangen mit Geschichten, die er nicht vergessen wird. Bei Kid Rock war das damals so: „Sein Manager wollte, dass wir direkt nach der Show den Laden leeren. Denn Kid Rock wollte in die Garderobe und sich dabei nicht ebenerdig bewegen mit seinen Fans ob seiner Körpergröße.“ Da hatte er schlechte Karten bei Nanno. Ein Bier gab’s für den US-Sänger noch, dann hieß es: Goodbye! Schmollend zog der Kurzzeitgatte von Pamela Anderson in sein Vier-Sterne-Hotel ab.

Rammstein trat am 7. Dezember 1995 in der Röhre auf

Die Jungs von Melvins, erzählt der Röhre-Macher weiter, haben die Tunnelkatakomben durchwandert und nicht mehr selbst zurückgefunden. Lächelnd erinnert sich Nanno Smeets an „das Pärchen, das bei der Reihe ,U-Turn Ungeniert’ mitten auf der Bühne unter dem DJ Pult zur Belustigung der Crew versucht hat, sich ungeniert im Nahkampf zu beglücken.“ Im Zeitungsarchiv ist von Schlammschlachten mit der Musikinitiative Rock (MIR) zu lesen, die forderte, die Röhre müsse „sauber“ werden.

Von Jan Delay bis zu Fantas, von den Ärzten bis zu den Sportfreunden Stiller – so viele traten im Stuttgarter Musiktunnel auf, bevor sie den Sprung in große Hallen und Stadien schafften. Am 7. Dezember 1995 spielte die Band Rammstein – gerade war ihr Debütalbum „Herzeleid“ erschienen – in der Röhre Songs wie „Du riechst so gut“ und „Heirate mich“. Bei „Wollt ihr das Bett in Flammen sehen?“ donnerte der hart gesungene Ruf von Till Lindemann zu einpeitschenden Rhythmen durch den coolen Stage-Subway: „Sex ist eine Schlacht, Liebe ist Krieg!“

Der Musikclub fiel dem Projekt Stuttgart 21 zum Opfer

27 Jahre später war die Schlacht verloren. Der Musikclub fiel dem Bahnprojekt Stuttgart 21 zum Opfer. Warum es nicht mit der Fortsetzung an einem anderen Ort geklappt hat? „Weil es in der Stadt nichts dergleichen zu finden ist, was Form und Infrastruktur betrifft“, antwortet Nanno Smeets und erzählt, was aus den beiden anderen Macher der Röhre geworden ist: „Peter Reinhardt genießt seinen Lebensabend in Ruhe und ist noch involviert im Climax, Jan Drusche arbeitet weiterhin in der Konzertbranche.“

Am 15. Januar 2012 bat die Clublegende zum letzten Tanz nach fast vier Jahrzehnten. Der Verlust war hart für das Stuttgarter Livekonzertleben. Für Nanno Smeets ist die Röhre der Beweis: „Aus Chaoten kann tatsächlich mal was werden!“

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