Eingang zur Staufer-Kaserne in Pfullendorf Foto: dpa

Die Staufer-Kaserne in Pfullendorf fällt schon wieder negativ auf: Die Bundeswehr bestätigt, dass ein Vorgesetzter die Ausbildung so sehr übertrieben haben soll, dass ein Soldat ohnmächtig zusammengebrochen ist. Erste personelle Konsequenzen sind gezogen.

Pfullendorf - Die Bundeswehr bestätigt Vorwürfe gegen einen Vorgesetzten des Ausbildungszentrums Spezielle Operationen in Pfullendorf. Demnach soll der Ausbildungsfeldwebel Unteroffiziersanwärter im Gelände so lange angetrieben haben, dass einer der Soldaten bewusstlos zusammengebrochen sei.

Ein Sprecher des Heeres schilderte unserer Zeitung, dass Anfang Januar ein Geländelauf stattgefunden habe. „Sechs Soldaten brachen den Lauf auf Grund von körperlicher Erschöpfung oder Verletzung ab“, sagte er. „Ein Soldat wurde vorsorglich zur weiteren medizinischen Behandlung in ein nahegelegenes Krankenhaus gebracht.“ Ein weiterer Soldat habe den Lauf nach einer Unterbrechung beenden können. Wie es zu dieser Überforderung kam, werde derzeit untersucht. „Das Heer nimmt den Vorfall sehr ernst und ist dabei, die Umstände, die dazu führten, umfassend zu ermitteln“, betonte der Sprecher. Dazu sei eine Untersuchungsgruppe eingerichtet worden, die die Vorbereitung und Durchführung dieser Ausbildungsabschnitte genau prüfe. Als erste Maßnahme sei ein Ausbilder von seiner Aufgabe entbunden worden.

„Spiegel online“ berichtete, der Inspekteur des Heeres, Jörg Vollmer, und der Kommandeur der deutschen Anteile im Multinationalen Korps, Frank Leidenberger, seien schon in der Staufer-Kaserne gewesen, um sich über den Ermittlungsstand zu informieren. Zudem prüft die Staatsanwaltschaft Hechingen, ob strafbares Verhalten vorliegt. „Wir sind jetzt mit der Sache befasst“, sagte am Dienstag ein Sprecher unserer Zeitung. Der Vorgang sei bisher nur bundeswehrintern bekannt gewesen und „uns von dort aus nicht mitgeteilt worden“.

Rückschlag für den neuen Kommandeur

Die jüngsten Meldungen sind auch ein Rückschlag für den neuen Pfullendorfer Kommandeur Oberst Carsten Jahnel. Er war Anfang März 2017 eingesetzt worden, um im Ausbildungszentrum Spezielle Operationen für Ruhe zu sorgen. Jahnel war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Beim Neujahrsempfang Anfang Januar in Pfullendorf hatte er noch betont: „In der Staufer-Kaserne wird nichts unter den Teppich gekehrt.“ Dafür stehe er mit seinen Offizieren und Unteroffizieren. Er verwies auf den Neustart mit veränderten Strukturen und neuem Personal. „Die Ausbildung wurde verbessert, Ausbildungsgrundlagen wurden geschaffen.“ Diese Einschätzung könnte sich nun als verfehlt herausstellen.

An diesem Mittwoch tagt in Berlin der Verteidigungsausschuss, der bisher offenbar noch nicht über den Vorgang informiert wurde. Von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen wird wegen der vielstimmigen Kritik an Ausrüstungsmängeln der Bundeswehr ohnehin eine Stellungnahme erwartet. Der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Wolfgang Hellmich (SPD), mochte noch keine Einschätzung zu dem Pfullendorfer Fall abgeben.

Grüne fordern schnelle Aufklärung von der Leyen

Die Grünen-Verteidigungsexpertin Agnieszka Brugger hingegen, in deren Wahlkreis die Staufer-Kaserne liegt, forderte gegenüber unserer Zeitung: „Bei so gravierenden Vorwürfen muss die Verteidigungsministerin wenigstens einmal schnell und konsequent für Aufklärung sorgen.“ Der Verteidigungsausschuss wolle die Neuaufstellung des Standortes Pfullendorf begleiten und erfahre schon wieder über neue Vorkommnisse nur aus der Presse und nicht von der Ministerin. „Auch über ein halbes Jahr nach dem schrecklichen Todesfall in Munster hat das Verteidigungsministerium noch immer keinen Abschlussbericht vorgelegt“, rügte die Grünen-Fraktionsvize, die dem Verteidigungsausschuss angehört. Die Parallelen zwischen den Meldungen aus Pfullendorf und dem schrecklichen Vorfall bei einem Ausbildungsmarsch in Munster Mitte vorigen Jahres seien besorgniserregend. „Wenn man solche tragischen Ereignisse verhindern will, darf die Aufklärung nicht dauernd verschleppt werden.“ Bei einer Übung im Munster waren am 19. Juli mehrere Offiziersanwärter kollabiert, einer starb später offenbar an den Folgen eines Hitzschlags.

Ermittlungen gegen sieben Soldaten eingestellt

Vor einem Jahr war die Staufer-Kaserne erstmals mit sogenannten „Taufen“ und „Gefangenenspielen“ ins Gerede geraten, was sich später aber großteils als weniger brisant herausstellte. Zwar bestätigte vor fast zwei Wochen der Verwaltungsgerichtshof (VGH) Baden-Württemberg, dass vier Soldaten wegen der Teilnahme an entwürdigenden Aufnahmeritualen zu Recht aus der Bundeswehr entlassen worden seien. Die Beteiligung sei ein „schwerwiegendes Fehlverhalten“, das den Zusammenhalt der Truppe gefährden könne, hieß es zur Begründung. Im gleichen Kontext hatte freilich auch die Staatsanwaltschaft Hechingen gegen sieben Soldaten ermittelt – mit dem Resultat, dass den Beschuldigten ein strafbares Verhalten nicht nachgewiesen werden konnte. Ohnehin wurden nicht mehr alle Urheber der Rituale ermittelt, und ein Wissen von Vorgesetzten über die Durchführung der „Taufen“ konnte nicht verifiziert werden. Das Ermittlungsverfahren wurde daher eingestellt.

Von der Leyen hat viel Zorn auf sich gezogen

So kann sich die Verteidigungsministerin in ihrem strikten Kurs gegen herabwürdigende Ausbildungspraktiken, Mobbing von Neulingen und ein frauenfeindliches Klima einerseits bestärkt fühlen. Andererseits war das Ministerium selbst schwer in die interne Kritik geraten. Jahnels geschasster Vorgänger, Oberst Thomas Schmidt, beschwerte sich – ein einzigartiger Vorgang – via „Bild“-Zeitung über die Ministerin, man habe ihn zum „Bauernopfer“ gemacht. Neben Spitzenoffizieren pflichtete später der Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels (SPD) bei – von der Leyen hätte mit Schmidt vor dessen Ablösung reden müssen.

Auch in der Staufer-Kaserne und deren Umfeld zeigte man sich irritiert bis zornig über die Skandalisierung durch die Ministerin, die die „sadistischen Rituale bei der Kampfsanitäter-Ausbildung“ vor einem Jahr „abstoßend und widerwärtig“ fand, Aufklärung „mit aller Härte“ versprach und entsprechende Konsequenzen einleitete. Fast alle Soldaten fühlten sich pauschal verunglimpft. So sagte Pfullendorfs Bürgermeister Thomas Kugler bei dem Neujahrsempfang: Da seien „drei voneinander völlig unabhängige Vorfälle mediengerecht zu einer gewaltigen Blase aufgepumpt und – vorsichtig ausgedrückt – politisch suboptimal behandelt“ worden, schimpfte er.

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