Szene aus „Staub“ Foto: JU_Ostkreuz

„Staub“ am 5. Oktober ist ein knapp fünfstündiger Abend ohne Pause. Eine theatrale Zumutung mit Witz, traumverhangen- glanzvollen Momenten – und großartigen Schauspielern.

„Ich glaube, die hören nie mehr auf“, raunt eine Dame ihrem Nebensitzer zu. Vier Stunden hatte sie schon ausgeharrt am Sonntagabend bei Sebastian Hartmanns „Staub“-Abend im Stuttgarter Schauspielhaus. Es hörte dann natürlich doch noch auf. Eine halbe Stunde später verbeugten sich die sechs Schauspieler, der Musiker Steve Binetti und Regisseur Sebastian Hartmann unter – angesichts der arg luftigen Zuschauerreihen – tosendem Applaus.

Regisseur und Darsteller schüttelten, die Reihen durchmarschierend, den Zuschauern persönlich die Hand. So viel Verbrüderungspathos musste nach knapp fünf Stunden pausenlosen Spiels sein, bei dem jeder Zuschauer seine Pause selber wählen konnte – und of genug entschied, einfach nicht mehr wieder zu kommen.

Bei der Gelegenheit hätte man gleich persönlich loswerden können, was einem an dem Mammutabend missfallen hatte. Und was bei der ersten Premiere dieser Koproduktion von Staatsschauspiel Stuttgart und Ruhrfestspielen im Mai in Recklinghausen besser funktioniert hatte. Die Schlusspassage nämlich. Die Trauermusik, zu der die Schauspieler Kulissen im Raum verschoben, und Steve Binettis letzter, nicht enden wollender musikalischer Auftritt hatten eine melancholische Poesie. Die wortlose, traumverhangene Szene wird nun aufgebrochen, etwa wenn Schauspieler vor einem Affenplakat stehen, mit bedeutungsschwerer Miene ausgestanzte Augenteile herausnehmen, Flaschen in der Hand, sich zuprostend.

Auch schon im Mai, als der Abend noch „Purpurstaub“ heißen durfte (der Verlag hat inzwischen die Aufführungsrechte zurückgezogen, weil ihm die Inszenierung zu wenig texttreu erschien), hatte zudem eine andere Szene bemüht gewirkt. In einem auf die Bühnenwand projizierten Interview erklärt Sean O’ Casey, man könne seine Werke auf mindestens 50 Arten lesen. Das wirkt ein bisschen, als wolle man sich für die freie Interpretation des Stückes „Purpurstaub“ irgendwie rechtfertigen.

Muss man aber überhaupt nicht. Der Abend war eine wunderbare Verbeugung vor dieser abwegigen Komödie, wie der Untertitel in einer Übersetzung heißt. Zwei reiche Engländer ziehen mit ihren Freundinnen nach Irland aufs Land, wollen ein altes Schloss renovieren und ein neues, gutes Leben beginnen – was in einer Katastrophe mit sintflutartigem Regen endet.

Tolles Bildertheater schon bei der Eröffnung. Steve Binetti, der mit einem Hut aus hängenden Leuchtkügelchen über die dunkle Bühne geistert. Dann der Neonschriftzug „Dust“, der vom Bühnenhimmel hinunterfährt und drei Schauspielerinnen – im nebligen Gegenlicht als schöne Silhouetten. Sie spielen irische Arbeiter, die über die Engländer lästern, zugleich mädchenhaft quietschen, wenn sie an den Schriftzug stoßen.

Berührend sind leise Momente. Manja Kuhl, in Kampfmontur auf einem Sessel lümmelnd, trauert über den erloschenen Glanz des Lebens, über herrliche Zeiten im Schloss, die nie wiederkehren, zurück bleibt ein „Häufchen purpurner Staub“. Oder wenn alle zusammen das Schunkellied „Was soll ich tun mit ’nem trunkenen Seemann“ als Ballade singen. Oder wenn das schmollende Goldkind (Anja Schneider) über Langeweile klagt und ihr reicher Macker (Peter René Lüdicke) abgeschlafft im Sofa kauert. Währenddessen dann aber auch: Klamauk. Holger Stockhaus robbt unauffällig-auffällig über den Boden und lamentiert, „ich habe meinen Auftritt verpasst!“, was Lüdicke auf bessere Laune seiner Liebsten hoffend mit aufmunterndem „Na, das war doch eine tolle Nummer“kommentiert.

Tatsächlich, das war es. So wie der Abend vor allem von enormem Körpereinsatz mitsamt einem über zwanzigminütigen Tanz lebt, von Slapstick, Nonsense. Holger Stockhaus macht aus zwei Worten eine minutenlange Performance, leiht bei einem Verführungsdialog zwei Perücken seine Stimme, tritt als Feuerwehrmann in pompösem Zebrakostüm auf und animiert als rheinländischer Pater das Publikum zum Kanon-Singen. Manolo Bertling verkauft allen ein Huhn als Kuh und versucht sich als erotische Sternschnuppe. Alle verschwinden in Kaminen, Peter René Lüdicke legt im Traum ein Ei, Sandra Gerling macht als hochnäsiger Akademiker bella figura – wenn sie nicht auf einer Kuh sitzt und glaubt, es sei ein Stier.

Denn dies, bei allen Kommentaren aufs Theaterspielen und bei aller Juxverliebtheit, schwingt immer mit: wie Wohlstandsbürger heute vom irgendwie „authentischen“, besseren Leben auf dem Lande träumen, dies durch kapitalistische Machenschaften finanzieren. Konsequent führt denn auch Anja Schneider in einem der letzten grandiosen Bilder mit einem Kopfschmuck aus Schmetterlingen Klage des armen Postmeisters , der für die nächtlichen Börsenspekulationen dieser Pseudo-Landlords nicht mehr rund um die Uhr parat stehen will.

Großartig, dass an diesem Abend zwar manch eine Figur, manch ein Scherz auch im Wortsinn platt gewalzt wird, nicht aber die durchaus zeitgemäße Gesellschaftskritik.

Termine: 12., 25. Oktober, 2. November, 30. Dezember. Karten: 07 11 /  20 20 90.
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