Hier ist nicht immer freie Fahrt: der Engelbergtunnel bei Leonberg. Foto: Imago/Eibner/Kuhnle

Seit knapp zwei Jahren wird der Engelbergtunnel bei Leonberg saniert. Die Strecke, die ohnehin ein Nadelöhr ist, ist dadurch noch brenzliger für Autofahrer.

Wer rund um Stuttgart mit dem Auto unterwegs ist, weiß: Der Engelbergtunnel bei Leonberg ist eines der nervigsten Nadelöhre der Region. Der Streckenabschnitt der A 81, über den täglich gute 100 000 Fahrzeuge rollen, ist prädestiniert für ein hohes Unfallaufkommen und Staus.

 

„Als zentrale Nord-Süd-Verbindung in Baden-Württemberg zählt die A 81 im Bereich des Engelbergtunnels zu den besonders staugefährdeten Autobahnstrecken“, sagt auch Melanie Hauptvogel, Sprecherin des ADAC Württemberg. Für die Strecke zwischen Dreieck Leonberg und Feuerbach, die durch den Engelbergtunnel führt, hat der Verein in diesem Jahr pro Tag durchschnittlich 5,7 Staus mit einer Länge von 15 Kilometern erfasst. Zur ohnehin brenzligen Staulage trägt nicht zuletzt die scheinbar endlose Baustelle im Engelbergtunnel bei, bei der zwar alle drei Spuren in beide Fahrtrichtungen erhalten bleiben, aber verengt und teils verlegt werden.

Anhydrit macht Sanierungsarbeiten nötig

Schuld an der Großbaustelle im Engelbergtunnel ist: ein Mineral. Der Engelbergtunnel ist reich am sogenannten Anhydrit, durch welches der Tunnel auf rund 450 Metern Länge führt. „Dieses Gestein wandelt sich bei Kontakt mit Wasser in Gips um und kann sich dabei um bis zu 50 Prozent ausdehnen“, erklärt Petra Henschel, Sprecherin der Niederlassung Südwest der Autobahn GmbH. Durch das aufquellende Gestein entsteht so ein enormer Druck auf die Röhren des Tunnels.

Dieser Druck war es auch, der die ursprünglichen Baukosten des Tunnels enorm steigen lies, weil die Wände an einigen Stellen von 70 Zentimetern auf drei Meter verstärkt werden mussten. „Wir haben nicht damit gerechnet, dass es so stark drückt“, sagte der Bauleiter Mitte der 1990er Jahre gegenüber unserer Zeitung. Auch nach der Inbetriebnahme der ersten Röhre im Jahr 1998 musste im Tunnel noch mehrfach nachgebessert werden.

Und auch die aktuellen Sanierungsarbeiten sind auf das aufquellende Gestein zurückzuführen. „Im Laufe der Zeit entstanden dadurch auf einer Strecke von etwa 180 Metern in der Weströhre und circa 170 Metern in der Oströhre gravierende Schäden, die eine Sanierung erforderlich machen“, sagt Henschel. Deshalb wurde ein Ertüchtigungskonzept erarbeitet, welches die Schäden beheben und gleichzeitig die Tunnelschalen so stärken soll, dass sie künftig dem Gebirgsdruck besser standhalten können, heißt es von der Autobahn GmbH. „Beide Röhren des Engelbergbasistunnels erhalten dabei eine zusätzliche Tunnelinnenschale aus Beton mit eingestellten Stahlträgern.“

Zwei Jahre Bauarbeiten pro Tunnelröhre

Die rund 360 Stahlträger, die auf den 180 Metern kritischer Strecke in der Weströhre eingebaut werden, dienen dem Tunnel so zukünftig als eine Art „Korsett“. Außerdem wird eine Zwischendecke mit Hydraulik eingebaut, um dem Druck auch künftig Stand zu halten. Zusätzlich wurde im gesamten Tunnel gleichzeitig die Sicherheits- und Betriebstechnik erneuert, die etwa Temperatur, Kohlenmonoxidgehalt oder Luftstrom kontrolliert. Rund 500 Kilometer Kabel werden hierfür ausgetauscht.

Und das dauert: 2016 starteten die Vorbereitungen für das Großprojekt, 2019 wurde die Fahrbahn im Tunnel verstärkt. Im April 2021 begannen die Bauarbeiten an der Weströhre – mit ordentlich Verspätung, nicht nur wegen Corona, sondern auch, weil die aus der Ukraine angelieferten Stahlträger Qualitätsmängel aufwiesen und teils nachgebessert werden mussten. Ist die Weströhre wie geplant im Jahr 2023 fertig, wird die Oströhre in gleicher Weise verstärkt. Die Fertigstellung der Gesamtmaßnahme wird derzeit auf 2025 geschätzt.

ADAC mahnt zu erhöhter Vorsicht

Bis dahin bleibt der Engelbergtunnel mit seinen verengten Fahrspuren ein Flaschenhals, den viele auf ihrer Fahrt wohl oder übel passieren müssen. Denn ideale Ausweichrouten gibt es nicht, die umliegenden Bundesstraßen können das Verkehrsaufkommen auch laut ADAC nicht mehr aufnehmen. „Wie bei jeder Großbaustelle gilt erhöhte Vorsicht“, sagt Hauptvogel. „Durch die Verengung der Fahrspuren in beiden Richtungen kann es trotz Geschwindigkeitsreduzierungen leichter zu Unfällen kommen.“ Zwar bleiben alle Fahrspuren erhalten. Dadurch würde bei Unfällen jedoch eine Spur für Pannenfahrzeuge fehlen, was die Situation noch einmal verschärfe.

Im Deutschen Unfallatlas zumindest sticht der Engelbergtunnel heraus: Mit bis zu 55 Unfällen mit Personenschaden im Jahr 2021 liegt die Strecke vor den meisten anderen Autobahnabschnitten um Stuttgart.