Statistik Zensus kostet Stuttgart 22 377 Einwohner

Von Josef Schunder 

Viel Volk in Stuttgart wie hier auf der Königstraße, doch die Zahl der gemeldeten Einwohner ist jetzt um 22 377 nach unten korrigiert worden – eine Folge der Volkszählung 2011 Foto: PPFotodesign.com
Viel Volk in Stuttgart wie hier auf der Königstraße, doch die Zahl der gemeldeten Einwohner ist jetzt um 22 377 nach unten korrigiert worden – eine Folge der Volkszählung 2011 Foto: PPFotodesign.com

Über Jahre hinweg klafften die Einwohnerzahlen, die das Statistische Landesamt und die Stadtverwaltung für Stuttgart nannten, oft stark auseinander. Mit dem Zensus nähern sie sich wieder an. Anders als in Mannheim redet im Stuttgarter Rathaus denn auch niemand ernsthaft von einer Klage.

Stuttgart - Seit Freitag liegen die Zahlen auf dem Tisch – gut zwei Jahre nach dem Zensus. Ergebnis: Im Land hat nur der Stadtkreis Mannheim ( – 23 473 Einwohner) einen stärkeren Rückgang zu verzeichnen als Stuttgart. Das Niveau der Stuttgarter Einwohnerzahl sinkt um 22 377.

Am Zensus-Stichtag 9. Mai 2011 gab es in der Landeshauptstadt 585 890 Einwohner. Bis Ende 2011 stieg diese Zahl durch Zuzüge und Geburten auf 591 015 an. Zu dem Zeitpunkt hätten in Stuttgart freilich bereits 613 392 Menschen gemeldet sein müssen, wenn man das Ergebnis der Volkszählung 1987 und die in der Zwischenzeit registrierten Geburten und Todesfälle, Zu- und Wegzüge zusammenbringt. Somit fehlten 3,6 Prozent.

Eine Inventur, sagte die Chefin des Statistischen Landesamts, Carmina Brenner, sei von Zeit zu Zeit eben bitter nötig. Besonders in einem großstädtischen Ballungsraum wie Stuttgart gebe es viele Fehlerquellen. Etwa das etwas spezielle „Meldeverhalten“ der zahlreichen Ausländer und Studenten. Aber auch die exportorientierte Wirtschaft mit hohem Anteil von Industrie und verarbeitendem Gewerbe trägt dazu bei: In Krisen und Zeiten der Hochkonjunktur kommen und gehen die Arbeitnehmer. Manche ziehen wegen mehrjähriger Projekte ins Ausland – und nicht alle melden sich ab oder an.

Wie viele Muslime in Stuttgart wohnen, bleibt im Dunkeln

Die neuen Daten beleuchten auch jenseits der Einwohnerzahl einige interessante Aspekte für Stuttgart neu: Die Zahl der leerstehenden Wohnungen beispielsweise wird nach dem Zensus auf 11 408 beziffert. Aber just bei den Leerstandsquoten empfahl Brenner, „diese Zahlen vorerst nicht ganz so genau zu nehmen“. Wie in anderen Bereichen seien hier vertiefende Auswertungen nötig. Da werde es Januar 2014.

Erhärtet hat der Zensus, dass in Stuttgart nach wie vor deutlich mehr evangelische als römisch-katholische Christen leben, dass aber die Einwohner mit anderen Religionen und jene, die keine Angaben machten, in der Mehrheit sind. Wie viele Muslime in Stuttgart wohnen, bleibt im Dunkeln. Fürs Land gibt es eine Hausnummer, die aber mit Vorsicht zu genießen ist, weil die Angaben in dem Punkt freiwillig waren. Für Stuttgart existiert auch eine solche Zahl noch nicht.

Unterstrichen hat der Zensus die hohe Quote von Einwohnern mit Migrationshintergrund, also zumindest mit nahen Verwandten aus dem Ausland: Es sind über alle Altersklassen hinweg 38,6 Prozent, in der Region 28,3 und im Land 25,2 Prozent.

Die Verwaltung reagierte auf die Präsentation „relativ entspannt“, wie Thomas Schwarz, Chef des Statistischen Amtes der Stadt, sagt. Viele Erkenntnisse habe eine Großstadtverwaltung schon selbst. Anderes werde erst eine vertiefende Zensus-Auswertung bringen. Gut sei aber, dass jetzt die Daten landesweit besser vergleichbar seien.

Das Minus von 3,6 Prozent ist zwar über dem Landesschnitt, aber noch moderat

Der Rückgang der Einwohnerzahl überraschte die Stadtverwaltung nicht sehr. Sie hatte in der Vergangenheit bereits eine abweichende Statistik geführt – mit deutlich niedrigeren Zahlen. Die höheren Zahlen des Landesamts waren aber, weil amtlich, Grundlage für Finanzzuweisungen vom Land. Damit konnte man gut leben.

„Die Schere geht, was die unterschiedlichen Zahlen angeht, jetzt zusammen“, sagt Ordnungsbürgermeister Martin Schairer (CDU). Insgeheim hatte man früher sogar mit einem Minus von 30 000 Einwohnern gerechnet – und einen Verlust von jährlich rund 25 Millionen Euro befürchtet, weil das Land Finanzzuweisungen pro Einwohner gewährt – jeweils etwa 800 bis 900 Euro. Diese Furcht hat sich spätestens am Freitag verflüchtigt. Grund: Das Minus von 3,6 Prozent ist zwar über dem Landesschnitt, aber noch moderat. Das Zensus-Ergebnis wird auch erst 2016 vollständig auf den Kommunalen Finanzausgleich angewandt. Zuvor gibt es zwei Stufen der Anpassung, bei denen die alte Statistik noch mitspielt. Die Einwohnerzahlen sind in jüngerer Zeit in Stuttgart auch relativ stark gestiegen. Bis 2014, sagt Thomas Schwarz, werde die Stadt vielleicht schon um 7000 Einwohner über dem Zensus-Ergebnis liegen. Auch das werde berücksichtigt. Außerdem: Da fast alle Gemeinden Einwohner verloren, werde das Land pro Kopf wohl mehr überweisen als bisher.

Was das für die Stadtkasse bedeutet, mag im Rathaus noch niemand beurteilen. Man wartet erst auf den Feststellungsbescheid. Dann wird Finanzbürgermeister Michael Föll (CDU) über die Folgen grübeln. Notfalls könnte man Widerspruch dagegen einlegen, dass die neue Einwohnerzahl amtlich wird. Weist Carmina Brenner ihn zurück, kann man klagen. Mannheim erwägt es. In Stuttgart, so Schairer, sei da noch „alles offen“.

Lesen Sie jetzt