Kein Liebes-, sondern ein Zuneigungslied: Andrea Bocelli singt mit seinem Sohn Matteo „Fall on me“ Foto: Mark Seliger

Der Startenor Andrea Bocelli hasst das Älterwerden, will nicht verraten, wie er und seine Frau am liebsten ihre Freizeit verbringen, hat mit seinem Sohn Matteo ein Lied aufgenommen – und kommt nach Stuttgart.

Köln - Die Bocellis haben den schmucklosen Garderobenflur des TV-Studios in einem Kölner Außenbezirk unter Beschlag genommen. Ehefrau Veronica Bocelli (34) sitzt in einer ruhigen Ecke und schreibt Emails, Tochter Virginia (6) schlägt im engen Gang Räder, beiläufig beobachtet vom Kindermädchen, Vater Andrea (60) und Sohn Matteo (21, aus erster Ehe) geben unterdessen Interviews zu Andrea Bocellis aktuellem Erfolgsalbum „Si“. Mit der Platte, auf der der Star-Tenor unter anderem Duette mit Ed Sheeran, Dua Lipa, Josh Groban und seinem Sohn Matteo singt, gastiert Bocelli am 11. Januar in Stuttgart in der Schleyerhalle.

Matteo, wie war es denn, den Song „Fall on me“ mit Ihrem Vater zu singen?

Matteo Bocelli: Ehrlichgesagt ist das nichts Neues für mich. Ich singe mit meinem Vater schon, seitdem ich ein Kind war, das ist für mich also seit langem eine schöne Gewohnheit. Über unser Duett bin ich natürlich sehr froh, denn es hat zur Folge, dass wir sehr viel Zeit zusammen verbringen und gemeinsam die Welt bereisen.

Andrea, finden Sie es auch so toll, dass Matteo nun in Ihre Fußstapfen tritt?

Andrea: Nein, das ist Stress.

Weshalb?

Andrea: Die Entscheidung, die Matteo getroffen hat, macht mir gewisse Sorgen und stimmt mich nachdenklich.

Was genau macht Ihnen Sorgen?

Andrea: Der Beruf ist sehr hart. Ich weiß wie fordernd und anstrengend und auch frustrierend er sein kann. Und dann gibt es für Matteo noch die zusätzliche Schwierigkeit, der Sohn eines bekannten Sängers zu sein. Er wird es nicht leicht haben.

Matteo, Sie lassen sich von Ihrem Vater nicht abhalten?

Matteo: Nein. Ich spiele seit meinem siebten Lebensjahr Klavier, und im Moment studiere ich im zweiten Jahr Gesang am Konservatorium in Lucca.

Andrea, wie war Matteo als Kind?

Andrea: Eigentlich hat er sich all die Jahre nicht viel verändert. Er war ein nettes und aufgeschlossenes Kind, sehr lebhaft. Aber die Dinge, die er als Kind geliebt hat, die liebt er immer noch mehr als alles andere.

Und das wäre?

Andrea: Autos und Fußball.

Matteo: Das stimmt. Stell’ mir irgendwas hin, das vier Räder hat, und ich bin glücklich.

In Ihrem gemeinsamen Song „Fall on me“ geht es aber nicht um Autos, oder?

Matteo: Nein. Der Song thematisiert die Beziehung zwischen Vater und Sohn. Genauer, zwischen einem Sohn, der wie so viele andere Schwierigkeiten hat, den für ihn passenden Weg im Leben zu finden. Und einen Vater, der verspricht, er werde immer an seiner Seite sein, egal, was passiert. Ursprünglich war der Song als Liebeslied konzipiert, aber als der Produzent Bob Ezrin es hörte, schlug er vor, ein Duett der Generationen daraus zu machen.

Also ein Liebeslied zwischen einem Sohn und seinem Vater, quasi?

Andrea: In Italien haben wir unterschiedliche Wörter für die verschiedenen Formen der Liebe. „Fall on me“ ist also kein Liebeslied, sondern ein Zuneigungslied.

Können Sie mit allen Nöten zu Ihrem Vater kommen, Matteo?

Matteo: Er ist zwar mein Vater, aber ich sehe ihn auch als einen engen Freund und Vertrauten.

Matteos älterer Bruder Amos spielt auf dem Album auf zwei Stücken Klavier. Wann ist Ihre Tochter Virginia so weit, mitzumachen, Andrea?

Andrea: In gewisser Hinsicht ist sie das schon. Virginia ist oft bei Fotoshootings und Terminen mit dabei. Und sie singt. Den ganzen Tag lang.

Was singt sie denn?

Andrea: Hauptsächlich Michael Jackson. Meine eigenen Lieder leider weniger.

Michael Jackson?

Andrea: Oh ja. Am tollsten fand sie mich, als ich ihr das Video zeigte, auf dem Michael und ich gemeinsam singen. 1999 war das, im Münchner Olympiastadion. Sich diesen Clip anzuschauen, ist immer wieder ein großer Glücksmoment für meine Tochter.

„If only“ ist ein Duett mit Dua Lipa. Haben Sie sich kennengelernt?

Andrea: Nein, leider noch nicht. Das Lied haben wird in zwei unterschiedlichen Studios aufgenommen. Aber ich würde Sie gerne einmal kennenlernen.

Stimmt es, dass „Vivo“ ein Liebeslied für Ihre Frau Veronica ist?

Andrea: Ja, und zwar hat es ein befreundeter Musiker von uns geschrieben, er erzählt die Liebesgeschichte zwischen meiner Frau und mir aus seiner Sicht. Hat er ganz gut getroffen. Von außen sieht man die Dinge ja oft sowieso besser als von innen. Das Lied hat mich jedenfalls sehr berührt.

Ihre Frau auch?

Andrea: Das müssen sie Veronica fragen. Soweit ich weiß schon.

Wie lange sind Sie beide schon zusammen?

Andrea: Seit 16 Jahren. Veronica war erst 18 Jahre alt, als wir uns kennenlernten. Und seit dem ersten Tag sind wir zusammen­geblieben und lieben uns. Das zeigt uns, dass irgendetwas richtig gut funktioniert haben muss. Da ist etwas, das uns nach ­vielen Jahren noch heftig zusammenhält. Die Anziehungskraft ist immer noch ­riesengroß.

Wie verbringen Sie beide Ihre Freizeit?

Andrea: Na, na, mein Freund. Ich glaube, das geht sie gar nichts an.

Sie sind im September 60 Jahre alt geworden. Wie haben Sie gefeiert?

Andrea: Ich war in Brasilien und hatte dort Konzerttermine. Den Geburtstag als solchen habe ich im Flugzeug verbracht.

Hatten Sie sich die Tournee extra so gelegt?

Andrea: Ja klar. Ich bin ein Mensch, der sehr gerne feiert. Aber bitte nicht meinen Geburtstag! Das gefällt mir überhaupt nicht. Ich will gar nicht erst so tun, als wäre ich froh und glücklich darüber, ein gewisses Alter erreicht zu haben.

Ist Älterwerden so schlimm?

Andrea: Oh ja. Das Alter ist etwas, woran ich lieber gar nicht erst denke.

Aber Sie wirken doch sehr fit.

Andrea: Sicher, ich lebe und esse so, dass der Körper nicht wütend auf mich wird, ich bewege mich und gehe regelmäßig zum Arzt. Läuft auch alles prima, aber trotzdem.

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