Weil Pflegeheime gerade keine Besucher zulassen, pflegen immer mehr Angehörige ihre Patienten lieber zu Hause. Foto: dpa/Oliver Berg

Der Fellbacher Pflegedienst „Lebenszeit“ begleitet Angehörige auch, wenn sie selbst pflegen – und hat immer mehr jüngere Patienten. Das liegt unter anderem auch an Corona.

Fellbach - Das Ambiente ist ungewöhnlich für einen Pflegedienst: Tina Reimann und Daniela Dietzig haben sich mit ihrem Start-up „Lebenszeit“ in einem restaurierten alten Haus mitten in Fellbach-Schmiden niedergelassen, eine gläserne Tür lädt Passanten zum Eintreten ein. Ungewöhnlich ist auch das Konzept: Die beiden bieten nicht nur Pflege und Unterstützung im Haushalt an. Sie schulen auch Angehörige, die sich entschieden haben, einen Kranken zu Hause selbst zu pflegen.

 

Frau Dietzig, Frau Reimann – was muss ich mitbringen, wenn ich jemanden zu Hause versorgen will? Brauche ich dazu eine Ausbildung?

Dietzig: Nein. Menschen, die sich entscheiden, jemanden zu Hause zu pflegen, die bringen schon genügend mit. Mehr Voraussetzungen braucht es nicht. Denn seien wir ehrlich: Niemand besucht eine Schulung für Pflege, wenn die Pflegebedürftigkeit noch gar nicht eingetreten ist.

Was bringen Sie den Menschen dann bei, wenn es soweit ist?

Reimann: Jeder Fall und jede Wohnung ist anders. Deshalb trifft man sich am besten vor Ort und schaut sich alles miteinander an. Wir beraten unsere Klienten auch bei der Frage, wie man umbauen kann und kommen zum Beispiel zur Begutachtung durch den medizinischen Dienst dazu, wenn die Klienten das wünschen. Und dann zeigen wir ihnen, wie man einen Patienten wäscht, wie man am besten seine Wunden sauber halten und wie man jemanden mobilisieren kann, also etwa einer bettlägerigen Patientin beim Aufstehen hilft. Es geht oft auch darum, wie man bei all diesen Handgriffen den eigenen Rücken möglichst wenig belastet.

Was passiert, wenn der Pflegende Urlaub braucht?

Dietzig: Dann organisieren wir über die Verhinderungspflege Ersatz für diese Zeit. Dafür braucht man etwa zwei bis drei Wochen Vorlauf. Es ist wichtig, dass Angehörige gesund bleiben, seelisch wie körperlich.

Was raten Sie jemandem, der sich überlegt, ob er zu Hause pflegt?

Dietzig: Das kommt auf die Diagnose an – aber generell würde ich sagen, dass man mit einem guten Pflegedienst auf jeden Fall eine Lösung finden kann, die für die Angehörigen und den Patienten passt. Wir haben hier im Ort einen Patienten, der von seiner 74-jährigen Ehefrau gepflegt wird. Ohne sie hätte er niemals zu Hause bleiben können.

Wie viele Ihrer Klienten pflegen selbst?

Reimann: Mehr als die Hälfte unserer Klienten pflegt selbst, und wir unterstützen sie dabei. Das ist auch das, was der Gesetzgeber will: Ambulante Pflege geht vor stationäre Pflege, heißt es dort. Und gerade vor dem Hintergrund der Pandemie halte ich das auch für sinnvoll. Wir alle wissen, wie die Lage in den Pflegeheimen gerade aussieht. Aber vielleicht muss man dazu sagen: Wir sprechen mit unserem Dienst nicht nur ältere Menschen an. Wir pflegen auch jüngere Kranke und sogar Kinder. Gerade bei Krebspatienten und Menschen, die Palliativpflege benötigen, handelt es sich oft um jüngere Menschen.

Das heißt, die Krankheiten haben sich geändert?

Reimann: Ja, die Zahl der Krebserkrankungen nimmt zu. Und dadurch wird auch die Klientel jünger. Diese Zunahme haben wir beide schon gesehen, als wir noch in der häuslichen Intensivpflege gearbeitet haben. Aber auch unter den schwer erkrankten Corona-Patienten sind viele jüngere dabei.

Das bedeutet: Viele Angehörigen entscheiden sich wegen Corona für die Pflege zu Hause?

Dietzig: Ja, auf jeden Fall.

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