Der Gründer Artur Oswald (links) und Philipp Seul, der das operative Geschäft leitet. Foto: Susanne Roeder

Das Start-up Retromotion versorgt Fahrzeuge, die älter sind als 20 Jahre, mit Ersatzteilen – wenn es sein muss, auch aus dem 3-D-Drucker.

Stuttgart - Fahrtwind, der ursprüngliche Namen für das Projekt, klingt nicht international. Weil das Start-up aber sehr ambitioniert ist und über kurz oder lang zur Plattform für Klassische Autos nicht nur europaweit, sondern weltweit avancieren will, heißt es jetzt Retromotion. Die Bewegung ist mit Motion geblieben, der Hinweis auf Altes steckt in Retro. Retromotion widmet sich dem Aufspüren oder Konstruieren von Ersatzteilen für ältere Autos und Oldtimer. Damit gehört das Start-up derzeit zu den wenigen Branchen, die in Corona-Zeiten mehr zu tun haben als vor dem ernsthaften Ausbruch der Pandemie – weil die Besitzer klassischer Fahrzeuge nun Zeit haben, sich mit ihren mobilen Schätzen zu beschäftigen. Schon davor wuchs das Start-up schnell.

Problemlöser mit Instinkt zum Gründen

Artur Oswald ist ein umtriebiger Zeitgenosse. Ein echter Automensch ist er nicht, wiewohl er von sich sagt, eine Affinität zu schönen Fahrzeugen zu haben. Wie also kam es zur Gründung von Retromotion? Der Weg dahin war fast schon zufällig. „Ich verstehe mich als Problemlöser“, sagt Oswald von sich. Ähnlich äußert sich Philipp Seul, der letztes Jahr von der Stuttgarter Start-up-Plattform Pioniergeist zu Retromotion wechselte: „Wir sind digitale Profis, haben ein digitales Geschäftsmodell. Wir brauchen daher vor allem auf diesem Gebiet die Kompetenzen. Aber wir haben bei uns im Team auch Schrauber mit Werkstatterfahrung.“

Oswald hat vor sieben Jahren das Start-up Revoprint gegründet, das Studenten kostenloses Drucken anbietet und dessen Kopf er nach wie vor ist. Er tat dies aus dem persönlichen Erlebnis heraus, dass er als Student Probleme mit dem Drucken von Unterlagen hatte. „Bei Revoprint haben wir uns auch mit 3D-Druck auseinandergesetzt, um die Copy Shops ein bisschen sexier zu machen.“

Über den 3D-Druck zur Schrauberszene

Durch seine Expertise und Erfahrung im 3D-Druck führte der Weg nach Stuttgart in die Gründerszene. Der Automobilzulieferer Mahle und Pioniergeist meldeten sich bei Artur im Zuge des Start-up Programms Activatr. Das war vor vier Jahren und im Zuge des ersten Schwungs von Kooperationen mit Gründungswilligen. Mahle suchte nach Ideen für den 3D-Druck. „Das Programm war auf sechs Wochen ausgelegt, mit zwei Personen aus der Corporate Welt – in unserem Fall von Mahle – und zwei Personen aus der Start-up Szene als Sparring Partner“, erinnert sich der Heidelberger. „Mir ging es damals in erster Linie darum, mein Netzwerk in Stuttgart zu vergrößern. Weitergehende Ambitionen hegte ich nicht.“ Weil die Innovations-Herausforderung aber zum Ziel hatte, herauszufinden, ob es für den 3D-Druck in der Ersatzteilversorgung ein plausibles Geschäftsmodell geben könnte, führten viele Gespräche innerhalb dieser sechs Wochen zu Idee und Konzept der heutigen Retromotion. Die Vision: Ersatzteile für die Klassikszene verfügbar machen.

Bescheiden sind die Ansprüche von Retromotion mitnichten. Das derzeit achtköpfige Team will europaweit für die Klassikszene die Nummer-Eins Plattform werden. „Klassikfahrzeuge sind für uns Fahrzeuge, die älter sind als 20 Jahre – also ab den so genannten Youngtimern“, erläutert Philipp.

‚Dreifaltigkeit‘ der Ersatzteilbeschaffung

Nicht viele Kilometer entfernt ihres Sitzes im Impact Hub befindet sich das Classic Center von Mercedes-Benz, wo die Fahrzeuge mit Stern aus mehr als 130 Jahren gepflegt, restauriert und in Stand gehalten werden. Da fehlt schon mal das eine oder andere wichtige Teil – das Ergebnis sind oft Einzelnachfertigungen und die sind richtig teuer. Natürlich kenne Retromotion die Fellbacher, sagt Oswald. „Unsere Mission ist es, Ersatzteile über unsere ‚Dreifaltigkeit‘, wie wir unser Vorgehen nennen, zu beschaffen.“ Drei Stufen hat sich das Start-up aufgebaut: einen Online Shop, eine Plattform für Online-Kleinanzeigen, die Anfragende mit Teilehändlern zusammenbringt, und als dritte Stufe das Nachfertigen von Einzelteilen.

Zusammenarbeit mit Zulieferern

Im Online Shop sei das Einkaufen einfach, weil die Teile gelistet sind, die Retromotion über seine Partner auf Lager hat. „Hier arbeiten wir sehr eng mit Mahle, Mann+Hummel, SKF und Continental und anderen Zulieferern zusammen. Aktuell haben wir 25 Lieferanten mit mehr als 50 000 Ersatzteilen in unserem Portfolio.“

Wer im Shop nicht fündig geworden ist, kann zur zweiten Stufe übergehen, Retromotion nennt sie „Teile Scout“. „Der Ersatzteilemarkt ist zum Teil offline. Man kann sich da die Fernsehschrotthändler Ludolfs vorstellen.“ sagt Oswald. Das höchste der Gefühle der Digitalisierung sei bei vielen eine E-Mail. Doch diese Teile-Händler kennen sich exzellent aus und wissen auch genau, wo bei ihren vielen Teilen der jeweilige Schatz verbuddelt ist. Unbeantwortete Anfragen aus dem Online-Shop schickt Retromotion an das Netzwerk von Teiledealern.

Bleibt die Suche fruchtlos, kommt die „Krönung“. Seul erklärt: „Wenn man einige Daten darüber gesammelt hat, welche Teile es am Markt gibt, welche nicht und wie der Bedarf ist, dann geht man in die Nachproduktion.“ Dabei kann es außer 3D-Druck auch eine konventionelle Fertigung sein, etwa bei einem Industriepartner, der zum Beispiel ab Losgröße 50 produzieren kann. Warum gleich 50 gleiche Ersatzteile? Weil auf der Abnehmerseite ein Klub diese Zahl abnimmt. „Das organisieren wir dann und sind dafür die digitale Schnittstelle.“

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