Das Start-up Neura Robotics aus Metzingen ist auf der Erfolgsspur – mit Robotern, die alles haben und ganz natürlich mit Menschen interagieren können.
Es riecht in der kleinen Halle ganz nach Produktionsbetrieb. Und es klingt wegen der Geräusche von Fräsen oder Schraubern auch so. In den Regalen stapeln sich Teile aus Gusseisen. An den Montagetischen ziehen Arbeiter Kabelstränge ein. Doch was am Ende zu einem flexiblen und in viele Richtungen beweglichen, modularen Arm „verheiratet“ wird, wie der blumige Ausdruck lautet, ist kein traditionelles Produkt. Die Halle in Metzingen verlassen smarte Roboter made in Germany, die dank Sensorik und Künstlicher Intelligenz wie im Science-Fiction-Film jederzeit flexibel mit Menschen im Team arbeiten können.
Neura Robotics aus Metzingen will unter dem ganz unbescheidenen, an die Firmengebäude drapierten Slogan „We serve Humanity“ – „Wir dienen der Menschheit“ – die Robotertechnik revolutionieren. Roboter sollen letztlich für jedermann ein selbstverständlicher, leicht zu bedienender Alltagsgegenstand werden, nicht mehr nur im Produktionsbetrieb, sondern bald auch im Haushalt. Auf dem bisherigen Hauptmarkt in Asien beispielsweise werden die Roboter schon heute vor allem im Servicebereich verwendet, etwa in Küchen, der Pflege oder in Massagesalons.
Roboter mit allen Sinnen
„Unsere Roboter können sehen, hören und fühlen“, sagt der Firmengründer David Reger. Egal, für welche Anwendung: Neura Robotics baut in jeden Roboter sämtliche Sensoren ein, damit er seine Umgebung wahrnehmen und flexibel mit Menschen interagieren kann. Das Unternehmen entwickelt sie selbst, etwa eine Art„Menscherkennungssensor“, wie Reger ihn nennt.
Die Roboter lernen selber mithilfe von Künstlicher Intelligenz, sie brauchen keine Schutzzäune. Es gibt für die Anwender deshalb auch keine umständlichen Einrichtungs- und Anpassungsphasen: „Man kauft den Roboter, schraubt ihn an – und beginnt mit ihm zu reden“, sagt Reger. Und das kann man wegen der Spracherkennung wörtlich nehmen. „So einfach wie beim Auto: Alles da, alles fertig, starten – und es läuft.“
Standort platzt aus allen Nähten
An seinem Gründungsstandort in Metzingen platzt das 2019 mit zwölf Leuten an den Start gegangene und heute auf 150 Mitarbeiter angewachsene Unternehmen inzwischen aus allen Nähten. Zurzeit ist man auf fünf Standorte im Industriegebiet verteilt, eine sechste Halle wird gerade umgebaut, um die Produktion von bisher 40 Robotern im Monat steigern zu können. Ein Grundstück für eine neue Unternehmenszentrale ist gekauft. Auch wenn die meisten Mitarbeiter Entwickler und IT-Experten sind, so sind auch neue, einfache Arbeitsplätze in Produktion und Montage entstanden.
Von der Massage bis zur Montage
Laut dem Firmengründer sind die Möglichkeiten der standardisierten und dennoch anpassungsfähigen Roboter fast unbegrenzt. „Wir bieten den gleichen Roboter für Massage, Kochen oder Montage“, sagt Reger. Neura Robotics sieht sein Geschäftsmodell als genauso elastisch an: Die Roboter von Neura Robotics können auch unter fremden Marken firmieren, oder man liefert seine leistungsfähigen Sensoren als Bauteile. Zudem vergibt man Lizenzen für die eigene Software. Man hat auch eine weltweite Entwicklergemeinschaft etabliert, die für die Roboter immer neue Anwendungsbereiche erschließt. Einerseits fertigt Neura Robotics die Roboter mit hohen Qualitätsansprüchen in Deutschland. Andererseits profitiert man davon, dass viele externe Anwender deren Möglichkeiten stetig erweitern.
Hochwertige Hardware, offene Anwendungen
„Im Prinzip ist das der Plattformgedanke, der Apple erfolgreich gemacht hat“, sagt der Firmengründer. Also hochwertige Hardware kombiniert mit darauf laufenden, vielfältigen Anwendungen. Sozusagen wie beim Smartphone und den dazu gehörigen Apps.
Maira heißt der wichtigste Allzweckhelfer. Oder ist es eine Helferin? Es ist ein flexibler, mit vielerlei Sensoren ausgestatteter Roboterarm, der vom Schweißen bis hin zum zielgenauen Werfen eines Basketballs seine Beweglichkeit zeigt. Als nächste Vision will man bis Ende 2024 einen Haushaltsroboter auf den Markt bringen, der für unter 5000 Euro zu haben sein soll. Ein erster Prototyp ist auf einer Fachmesse im Sommer schon vorgestellt worden.
Nicht kompliziert denken
Die wichtigste Aufgabe bei der Entwicklung sei bei Neura Robotics, nach einfachen Lösungen zu suchen, sagt Reger: „Wir brauchen keine teuren Spezialsensoren für Tausende von Euro. Wir entwickeln die wichtigsten Komponenten selber. Die Leistung steigern wir dann zusätzlich über die Software.“
Man sei pragmatisch – und schnell. Der Schlüssel sei von Anfang an diese Kultur im Unternehmen gewesen. „Die Teams haben bei uns einen riesigen Einfluss“, sagt er. Dass das Unternehmen erfolgreich wurde, habe vor allem mit der Auswahl der richtigen Mitarbeiter zu tun: „Ich suche Experten, keine Experimente“, sagt Reger.
Bei der Gründung von Neura Robotics hatte der gelernte Modellbauer selber schon viel in der Schweiz gesammelte Erfahrung mit Robotertechnik mitgebracht. Er hatte vorher auch schon drei andere Start-ups aufgebaut. Vor allem brauche es eine Vision, um die Mitarbeiter zu motivieren und mitzunehmen, sagt der Gründer: „Es geht nie um die Technologie als solche, sondern um das, was die Technologie den Menschen bringt.“