Natalia Dutschenko will Lebkuchen aus der Ukraine in Stuttgart bekannt machen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski/Leif Piechowski

In der Ukraine war Natalia Dutschenko eine Geschäftsfrau, die mitten im Leben stand. Warum soll das in Stuttgart anders sein, denkt sie sich – und gründet ein Lebkuchen-Start-up.

Wohin die Liebe zu Stuttgart führen kann, zeigt die Geschichte, die Natalia Dutschenko erzählt und gerade auch lebt. Die Spur führt direkt auf die Königstraße. Dorthin, wo die Rolltreppe Reisende und Bummelnde von der Klett-Passage in die Fußgängerzone hochspült. In die Königstraße 1, um genau zu sein. In eine Art Stuttgarter Heiligtum, jedenfalls zu einer Institution, die nicht mehr wegzudenken ist aus der Fußgängerzone und deshalb sogar Bestandsschutz genießt. Richtig: Es geht ums Brezelkörble.

 

Das gibt sich gerade ziemlich weltoffen. Denn zu schwäbischen Brezeln und Sesamlaugenbagels, die spätestens um 15 Uhr ausverkauft sind, gesellen sich in einer zweiten Schicht am Nachmittag seit Neuestem bunte, von Hand bemalte ukrainische Lebkuchen – auf Herz und Nieren geprüft, dem deutschen Lebensmittelgesetz und allen Hygienevorschriften entsprechend. Natalia Dutschenko hat die IHK-Zertifikate mit dabei. Logo. Alles total korrekt. Im Brezelkörble steht die Ukrainerin selbst. Manchmal abgelöst durch ihren Vater, wenn sie mal wieder irgendwo etwas organisieren muss. Kinder von der Schule abholen, für ihre Idee werben oder einen Ämtergang machen. Oder ehrenamtlich anderen helfen. Ja, richtig gehört.

Plötzlich hatte Natalia Zeit ohne Ende

Wie es zu diesem ungewöhnlichem Start-up kam? Natalia Dutschenko nennt es auch Pilotprojekt, das auf das aufbaut, was sie jahrelang in Kiew gemacht hat. Mit Import und Export kenne ich mich aus, dachte sich die 38-Jährige irgendwann im Frühjahr 2022. Denn Zeit hatte sie plötzlich ohne Ende – gut 1500 Kilometer von der ukrainischen Hauptstadt getrennt. Entwurzelt als Kriegsflüchtling mit ihren beiden Kindern, dem Ehemann, den Eltern und der Schwiegermutter, den Alarm für Drohnen-und Raketenangriffe auf Kiew noch immer auf dem Smartphone. „Physisch hier, aber die Seele ist natürlich zu Hause“, kreisten die Gedanken darum, wie sie ihre Ausbildung und ihre Fähigkeiten in Stuttgart umsetzen könnte. Denn nur einfach in den Tag hineinzuleben und abzuwarten entspricht nicht ihrem Naturell. Das merkt man schnell, wenn man ihr gegenübersitzt und zuhört.

Die fürs Arbeiten notwendigen Papiere bekam sie erst acht Monate nach ihrer Ankunft in Stuttgart. Ein für Natalia Dutschenko unerträglicher Zustand. „Wir sind sehr aktiv“, sagt sie und spricht damit für ihre gesamte Familie. Aktiv sein, das hilft auch gegen die Anspannung und die Unruhe, die man nicht ablegt, auch wenn man am sicheren Ort ist. Sie nutzte die Zeit, um die für ihr Start-up nötigen Kurse bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu absolvieren.

Deutsch sprach und verstand sie bereits, weil sie schon in der Ukraine Kontakt mit dem Goethe-Institut und mit deutschen Firmen zusammengearbeitet hatte. Dennoch war der Neuanfang brutal für die Familie, die zuvor in einer großen Wohnung in Kiew lebte, zu deren Leben regelmäßige Urlaube und Ausflüge ans Meer nach Odessa gehörten. Die ein gutes Mittelklasseleben geführt hatte. Mit einem Mal waren alle Sicherheiten dahin. Der Krieg zwang sie, wieder völlig bei null anzufangen. Und gleichzeitig wollen sie mit ihrem Tun auch Danke sagen, dass sie hier in Deutschland „die Chance für ein zweites Leben bekommen“ und so viel Hilfe bei der Wohnungssuche und der schulischen Eingliederung ihres Sohnes und ihrer Tochter erfahren haben. Um deren Zukunft kreisen die Gedanken. Auch darum, wie sie die anstrengende Flucht verarbeiten.

Und dann hatte sie – unterstützt von ihrem Mann – die Idee mit den Lebkuchen und dem Brezelkörble. An den Pioniergeist der Brezelkörble-Erfinderin aus dem Jahr 1969 knüpft nun wieder eine risikobereite Frau an. Vor 55 Jahren brachte die Bäckerin Ursula Zotz-Füess die Idee für den Brezelverkauf aus den USA mit. In Person von Hans Frank, dem Traditionsbäcker aus Cannstatt, fand Natalia Dutschenko einen, der sich für ihren Plan begeistert. „Ich wollte die Leute halt unterstützen“, sagt der 75-Jährige bescheiden zurückhaltend. Er hat die Brezelkörble vor vielen Jahren übernommen und betreibt sie jetzt. Natalia Dutschenko sagt: „Er hat ein großes Herz.“

Der Bierglas-Lebkuchen ist der Renner

Das hat in ihr eigenen Art auch sie selbst. Die Lebkuchen werden in Lwiw, dem ehemaligen Lemberg, in der Ukraine gebacken. Vegan und mit Sirup, ohne Honig, „weil es Kinder gibt, die keinen Honig essen dürfen“. Und die Bäckerei, das Art Manufacture Gingerbread House, bietet durch den Verkauf nach Deutschland Menschen Arbeitsplätze, die in der am Boden liegenden ukrainischen Wirtschaft sonst wenig andere Verdienstmöglichkeiten und auch kaum einen Absatzmarkt für ihre Produkte haben. Wer einen Lebkuchen kauft, unterstützt also auch die Bäckerei. „Das ist wichtig für uns: immer auch etwas Nützliches und Gutes für unser Land zu machen“, sagt Natalia Dutschenko. Und über all das hinaus arbeitet Natalia Dutschenko mit ihrem Mann auch noch ehrenamtlich als interkulturelle Brückenbauerin. Sprich: Sie stellt ihre Kenntnisse und ihr Wissen zur Verfügung, hilft anderen Neuankömmlingen, sich bei Behördengängen, in der Schule oder bei Arztbesuchen im neuen Leben in Deutschland zurechtzufinden.

Auf der Königstraße jedoch führt die Frau mit den vielen Ideen und der vielen Energie einen schier vergeblichen Kampf gegen Graffiti. Kaum geweißelt, schon besprüht, scheint hier die Devise. Sie nimmt’s sportlich, obwohl man merkt, wie wichtig ihr das Aussehen ihres neuen Arbeitsplatzes ist. Wenn sie mit vielen Taschen bepackt auf der Königsstraße ankommt, dauert es keine Viertelstunde, bis sie die Auslagen mit ihren Lebkuchen bestückt und das Brezelkörble von Schwäbisch auf Ukrainisch umgeschaltet hat.

In der Ukraine, erzählt sie, isst man die Backwaren das ganze Jahr über. An Geburtstagen, am Valentinstag oder am 1. September, wenn für die Kinder das neue Schuljahr beginnt. Nicht nur in der Winter-Weihnachtszeit wie in Deutschland. „Für Deutschland ist das Essen ganz neu“, sagt sie. Die Idee ist natürlich zu expandieren und neue Verkaufsorte zu finden. Im Moment laufen die Gespräche. Das beliebteste Motiv? „Der Lebkuchen, der aussieht wie ein Bierkrug“, sagt sie. Aber es gibt auch Herzen, das Stuttgarter-Rössle-Wappen, Lebkuchen in Form von Spielkonsolen oder zwinkernde Smileys.

Eine Kindheitserinnerung für viele

Es ist schon vorgekommen, dass Passanten die bunten Teile für Kühlschrankmagneten gehalten haben. Manchmal stehen aber auch ältere Stuttgarter am Stand und fragen besorgt, ob es denn keine Brezeln mehr gebe. Natalia Dutschenko kann sie dann beruhigen. Aber sie erfährt in diesen mitunter sehr sentimentalen Gesprächen, dass das Brezelkörble für viele Stuttgarterinnen und Stuttgarter ein Bestandteil ihrer Kindheit war. Dann wird der Ukrainerin einmal mehr bewusst, dass sie mitten im Herzen Stuttgarts angekommen ist.