Plakate an der Festhalle in Schmiden machen den Abiturienten Mut. Foto: Eva Herschmann

Auch im Rems-Murr-Kreis haben die Abiturprüfungen am Dienstag mit dem Fach Deutsch begonnen. An einem Fellbacher Gymnasium gehen viele Schüler ungetestet in die Prüfung.

Fellbach - Als Amelie Schlauch nach knapp vier Stunden aus der Deutschprüfung am Gustav-Stresemann-Gymnasium in Schmiden kommt, hat sie ihr Kissen fest unter den Arm geklemmt. In der Tasche steckte noch das ganze Essen und die Süßigkeiten, die sie am Morgen als Stärkung eingepackt hatte. „Ich habe nur das Kissen, Wasser und meine Stifte gebraucht“, sagt die Abiturientin.

Der Nachholtermin ist für einige Schüler keine Alternative

Landesweit sind am Dienstag die Reifeprüfungen mit dem Fach Deutsch gestartet. Amelie Schlauch hatte elf Seiten über einen im vergangenen August in der Neuen Züricher Zeitung (NZZ) erschienenen Artikel von Peter Strasser mit dem Titel „Der Selbstbetrug in der digitalen Selbstverwirklichung – über das Elend des Nicht-vergessen-Könnens“ geschrieben. Die Schülerinnen und Schüler sollten die Position des Autors ermitteln und dessen Argumentation herausarbeiten, sowie sich kritisch mit der vertretenen Position zur Selbstdarstellung im Internet auseinandersetzen. Auch mit dem Thema Selbsttest hat sich Amelie Schlauch kritisch auseinandergesetzt. Sie gehört zu den Schülerinnen und Schülern, die ungetestet in die Prüfungen gehen. Aus Sorge vor einem positiven Befund und einem Ausschluss vom Abitur, sagt sie. „Ich will auf keinen Fall am Nachholtermin schreiben.“

Das Thema der Selbstdarstellung im Internet gehörte in Schmiden zur zweitbeliebtesten Aufgabe. Sieben der 19 Abiturienten am GSG ließen sich darauf ein. Auch Lena Kimmerle hatte sie ausgesucht, obwohl sie den Artikel „etwas sperrig fand“. Am beliebtesten unter ihren Mitschülern war jedoch die literarische Erörterung der Pflichtlektüren „Der goldne Topf“ von E. T. A. Hoffmann und „Der Steppenwolf“ von Hermann Hesse im Hinblick auf die Selbstbestimmung von Anselmus und Harry Haller, der beiden Protagonisten in den Büchern. Sarah Trüb hatte diese Aufgabe gewählt. „Ich habe zufällig genau diese Frage in der letzten Deutschstunde vor der Prüfung gestellt“, erzählte sie mit zufriedenem Lächeln.

Am wenigsten kommt die Interpretation an

Am wenigsten kam am Gustav-Stresemann-Gymnasium die Interpretation an. Nur drei Prüflinge beschäftigten sich mit der 1952 erschienenen kurzen Erzählung „Von einem Nachmittag in der großen Stadt“ von Thomas Bernhard. Die Lehrer am Fellbacher Friedrich-Schiller-Gymnasium hatten für die Erörterung die alternative Aufgabe ausgesucht und landeten mit der vergleichenden Interpretation der Gedichte „Der Wanderer“ von Friedrich Schlegel und „Fahrten“ von Stefan Zweig einen Volltreffer. 22 der 41 Abiturienten in Fellbach griffen zu der Frage, und immerhin 17 beschäftigten sich mit Hoffmann und Hesse.

Sarah Trüb und Lena Kimmerle saßen in Schmiden mit den getesteten Schülern in einem Raum. „Ich war hin- und hergerissen, aber es ist verantwortungsvoller, wenn ich mich testen lasse“, erzählte Sarah Trüb. Aber alle, egal ob sie sich testen lassen oder nicht, hätten in den zwei Wochen vor dem Abitur unheimlich aufgepasst, ergänzte Lena Kimmerle.