Der Landrat Roland Bernhard bei der Besichtigung in der Sindelfinger Messe: eigentlich steht das Kreisimpfzentrum für den Betrieb bereit. Foto: Simon Granville

Eigentlich hätte der Betrieb in der Sindelfinger Messehalle jetzt starten sollen. Doch weil zu wenig Impfstoff zur Verfügung steht, werden die Dosen direkt in den Pflegeheimen des Kreises verabreicht. Alle anderen Senioren sollen sich um Termine in Stuttgart und Tübingen bemühen.

Böblingen - Der Landrat Roland Bernhard hatte es bereits kommen sehen: Es lohnt sich noch nicht, das Impfzentrum in der Sindelfinger Messehalle in Betrieb zu nehmen. Ursprünglich war die Eröffnung für den 15. Januar vorgesehen gewesen. Doch nun nimmt das Kreisimpfzentrum seine Tätigkeit nur rein mobil auf. „Angesichts der aktuell geringen Mengen an Impfstoff legen wir den Schwerpunkt auf die Alten- und Pflegeheime“, erklärt der Landrat die Entscheidung. Dabei sei das Impfzentrum innerhalb eines Monats von der Verwaltung in einem „enormen Kraftakt“ eingerichtet worden. „Wir wären startklar gewesen“, betonte Roland Bernhard.

Zunächst ist der Start sämtlicher Kreisimpfzentren in Baden-Württemberg auf den 22. Januar verschoben worden. Jetzt ist vom Krisenstab des Landkreises Böblingen entschieden worden, die Sindelfinger Einrichtung erst einmal nicht für Termine zu öffnen. „Der Impfstoff ist Mangelware“, teilt der Landrat mit. Er werde zum Großteil mit den mobilen Teams (MIT) des Kreisimpfzentrums in die Alten- und Pflegeheime gefahren. Zudem sei beabsichtigt, einen Anteil von 20 Prozent der Dosen an den Klinikverbund Südwest zu geben. Damit sollen die Mitarbeiter in den Intensivstationen und den Covid-nahen Bereichen gegen die Krankheit geimpft werden.

Eine Mangelverteilung innerhalb des Landes

„Was wir erleben, ist eine Mangelverteilung, die innerhalb des Landes so gut und gerecht wie möglich organisiert wird“, sagte Roland Bernhard. Momentan bekommt jedes der 50 Kreisimpfzentren im Land gleich viele Impfdosen, aktuell sind es rund 475 Stück pro Woche beziehungsweise 550 Stück, wenn daraus eine sechste Dose gezogen wird. Diese müssten aufgeteilt werden auf die mobilen Teams und die stationäre Einrichtung. Mit der Menge könnte das Kreisimpfzentrum gerade einmal einen halben Tag in der Woche betrieben werden. Bei gleich bleibender Zuteilung würde es außerdem mindestens drei Monate dauern, bis alle Bewohner der Alten- und Pflegeheime durchgeimpft sind.

„Die Menschen in den Heimen verdienen unser besonderes Augenmerk, ihre besondere Vulnerabilität muss im Fokus stehen“, findet der Landrat. Es müsse auch unbedingt verhindert werden, dass das Gesundheitssystem kollabiere. Denn vor allem die Bewohner der Einrichtungen müssen ins Krankenhaus eingeliefert werden. Deshalb soll der Impfprozess für sie beschleunigt werden, weshalb mobile Impfteams vom Kreis und vom zentralen Impfzentrum in Stuttgart direkt zu den 42 Einrichtungen geschickt werden.

Bittere Nachricht für Kreisseniorenrat

Die Nachricht über den viel zu knapp bemessenen Impfstoff ist für Manfred Koeb­ler bitter. „Wir müssen uns dagegen wehren“, sagt der Vorsitzende des Kreisseniorenrats. Doch die Strategie des Landkreises, die Impfungen in den Pflegeeinrichtungen mit höchster Priorität durchzuführen, unterstützt er. Seiner Berechnung nach müssten die Heimbewohner bei 250 bis 300 Impfungen am Tag in 20 Tagen geschützt sein. „Das wäre sehr wünschenswert“, sagte der 81-Jährige. Er rechnet damit, dass sich die Öffnung des Kreisimpfzentrums dadurch um rund drei Wochen verschiebe. „Das ist brutal für die Generation der über 80-Jährigen, die auch mit höchster Priorität jetzt ihre Möglichkeit zur Impfung bekommen sollten“, findet er. Zumal die anrollende Bedrohung durch die leichter übertragbare Mutation des Coronavirus die Situation noch verschlimmere.

Laut dem Landratsamt leben im Kreis Böblingen rund 25 000 Menschen, die 80 Jahre oder älter sind und sich somit impfen lassen können. Hinzu kommt noch das medizinische Personal. „Es war nicht absehbar, dass wir auch innerhalb der ersten Personengruppe schon priorisieren müssen“, erklärt Roland Bernhard. Aber mit nur wenigen Terminen im Kreisimpfzentrum erzeuge man mindestens ebenso viel Frust und Enttäuschung als mit einem verzögerten Start in der Sindelfinger Messe, ist sich der Landrat sicher. Seine Empfehlung lautet, sich um Termine in den zentralen Impfzentren in Stuttgart oder Tübingen zu bemühen. Beide seien gut erreichbar vom Kreis Böblingen aus und würden besser mit Impfstoff versorgt.

Bereitschaft, jederzeit zu öffnen

„Natürlich hinterfragen wir unsere Entscheidung ständig und sind bereit, jederzeit zu öffnen“, versicherte Roland Bernhard. Er untermauert die Entscheidung noch mit Zahlen: Theoretisch wären im Kreisimpfzentrum in der Woche 5600 Impfungen möglich, gerade könnten nur rund 100 gemacht werden. Den Betrieb unter diesen Umständen zu starten, sei nicht wirtschaftlich. „Sobald es zusätzlichen und ausreichend Impfstoff gibt, dass eine Öffnung des Zentrums sinnvoll ist, tun wir das selbstverständlich und schalten die Termine frei“, versichert er.

Der Landrat ist sich bewusst, dass die nun getroffene Entscheidung nicht populär sei. Sie sei schwierig gewesen, wirbt er um Verständnis. „Die Menschen in den Heimen sind die, die dem Virus am schutzlosesten ausgeliefert sind“, sagt er: „Sie gilt es, als Erstes zu impfen.“ Jedes Leben sei es wert, geschützt zu werden. Auch Manfred Koebler hält die Entscheidung zugunsten der Heime für berechtigt. „Es ist nur zu wünschen, dass sich das Pflegepersonal und die Bewohner impfen lassen“, fügte der Vorsitzende des Kreisseniorenrates an. Denn mit „einer Halbdurchdringung“ werde wenig erreicht.