Was bisher nur mit Testfahrzeugen möglich war, soll jetzt im Alltagsverkehr etabliert werden: Mercedes will Bilder und Sensordaten zum maschinellen Lernen nutzen.
Wenn es gefährlich wird, reagieren die Sicherheitssysteme moderner Autos oft schneller und besser als der Mensch hinterm Lenkrad. Notbremsungen und Ausweichmanöver, die das Auto selbstständig ausführt, gehören mittlerweile zum Standard. Doch die Systeme sind weit von Perfektion entfernt.
Im Zusammenspiel von Kameras, Sensoren und Computer tun sie sich insbesondere schwer, komplexe städtische Verkehrssituationen korrekt zu interpretieren. Eine Illustration, die Mercedes jetzt bei einem Pressegespräch vorgelegt hat, zeigt das Problem: Von rechts springen zwei Dalmatiner vor einem Lastfahrrad auf die Straße, eine Frau mit Rollator quert die Fahrbahn, dahinter ein Teenager auf einem E-Tretroller. Eine Baustelle erzwingt veränderte Fahrspuren, rechts hinter der Ampel steht eine Frau mit Schleier. Das Auto soll all dies zutreffend identifizieren. Um dabei besser zu werden, brauchen die automatischen Assistenten möglichst viele Daten, aus denen sie „lernen“ können. Mercedes will deshalb ab Ende Juli auch Bilder und Sensordaten der Kundenfahrzeuge auswerten – sofern diese zustimmen.
Mercedes will mit Daten aus dem Alltagsverkehr dazulernen
„Fahrassistenzsysteme und automatisierte Funktionen können nur dann zuverlässig reagieren, wenn sie mit realitätsnahen und vielfältigen Daten trainiert sind“, sagte Renata Jungo Brüngger, Vorständin für Integrität, Governance und Nachhaltigkeit bei Mercedes-Benz, bei einem Pressegespräch in Stuttgart.
Mit den Daten aus dem Alltagsverkehr könnten „die Systeme künftig noch besser auf seltene Personengruppen wie Kinder, Fußgänger, Radfahrer und Menschen mit Mobilitätseinschränkungen reagieren“, so das Unternehmen in einer Mitteilung. Zudem gingen somit auch temporäre Verkehrsführungen bei Baustellen, Pop-up-Radwege und ungewöhnliches Verhalten von Verkehrsteilnehmern in die Daten ein. Bisher verwendet der Stuttgarter Autohersteller dafür nur die Daten aus den Testfahrzeugen des Unternehmens.
Die Auswertung soll erstmals im neuen Kompaktfahrzeug CLA ermöglicht werden, das seit kurzem im Handel ist. Die Bestandsflotte soll nicht nachgerüstet werden. Im Betrieb werden die Bilder und Sensordaten jeweils in 60-Sekunden-Schnipseln gespeichert, jede Minute wird dabei der vorige Datensatz überschrieben. Tritt etwas Außergewöhnliches ein, etwa eine Notbremsung oder eine besonders übersichtliche Verkehrssituation, wird der aktuelle Schnipsel an die Mercedes-Datenbank gesandt und dort „in der Regel anonymisiert“ und von der Fahrzeugidentität getrennt.
Mercedes: Keine Datenspeicherung ohne Zustimmung
Die Fahrerinnen und Fahrer müssen aktiv zustimmen, bevor die Daten erhoben und fallweise gespeichert werden. Sie können diese Zustimmung auch jederzeit widerrufen. Mercedes spricht davon, „digitales Vertrauen“ in die Marke fördern zu wollen. Auch andere Verkehrsteilnehmer bekämen ein Mitspracherecht, versichert das Unternehmen. Wer – beispielsweise als Fußgänger oder Radfahrer – vermutet, von den Kameras in einer Gefahrensituation erfasst worden zu sein, kann der Verwendung der Daten unter Angabe von Ort und Zeit bei Mercedes widersprechen. Die Datenerhebung beginnt in Deutschland, soll später aber auf Europa und andere Länder ausgeweitet werden. „Je mehr mitmachen, umso besser im Sinne von mehr Sicherheit im Verkehr“, sagt Vorständin Renata Jungo Brüngger.
Mercedes ist nicht der erste deutsche Hersteller, der die Daten aus Kundenautos nutzt, um die eigenen Systeme zu verbessern. Auch VW arbeitet in Zusammenarbeit mit Bosch bereits auf vergleichbare Weise. An einen Austausch von Daten unter den Herstellern – von Experten zur Bündelung der Kräfte oft angemahnt – sei derzeit aber nicht gedacht, so Jungo Brüngger.