Start der italienischen Serie A Ronaldo sorgt für Renaissance

Von Marko Schumacher 

Nicht nur Ronaldo, die ganze italienische Liga kann sich freuen. Foto: AP
Nicht nur Ronaldo, die ganze italienische Liga kann sich freuen. Foto: AP

Nach dem Wechsel des Superstars zu Juventus Turin hofft die Serie A darauf, wieder an die glanzvollen Zeiten der Vergangenheit anknüpfen zu können. Der Hype um den Portugiesen kennt vor dem Saisonbeginn keine Grenzen.

Stuttgart - Die Gewerkschaftsfunktionäre der Unione Sindacale di Base (USB) sahen den richtigen Zeitpunkt gekommen, um auf die Barrikaden zu gehen. Zum zweitägigen Warnstreik riefen sie die Arbeiter des Fiat-Chrysler-Produktionswerks im süditalienischen Melfi auf, nachdem Fiat-Chef und Juventus-Turin-Eigner Andrea Agnelli für ein Gesamtvolumen von rund 400 Millionen Euro den 33 Jahre alten Fußballspieler Cristiano Ronaldo aus Portugal verpflichtet hatte. Skandal, so protestierte die Gewerkschaft, schließlich warteten ihre Mitglieder seit Jahren vergeblich auf eine Lohnerhöhung.

Doch kamen nicht alle der 1700 Fiat-Beschäftigten in Melfi dem USB-Aufruf nach, die Arbeit niederzulegen, sondern nur fünf. Viele andere kauften sich nach Feierabend Ronaldo-Trikots.

Mit dem spektakulären Transfer des jeweils fünfmaligen Weltfußballers und Champions-League-Gewinners von Real Madrid zu Juventus hat in Italien eine neue Zeitrechnung begonnen. An diesem Wochenende startet die Saison der Serie A, die nach all den Jahren der Skandale, des Zuschauerschwunds und des Abschieds vieler Topstars an die goldenen Zeiten der Vergangenheit anknüpfen will. Die Verpflichtung Ronaldos soll eine Initialzündung sein. Der Hype kennt keine Grenzen, seit CR7 am Tag des WM-Finales zwischen Frankreich und Kroatien im Privatjet auf dem Turiner Flughafen einschwebte.

600 Polizisten schützen Ronaldo

Vor dem Krankenhaus campierten am Tag darauf die Tifosi, als Ronaldo zum ­Medizincheck erwartet wurde. Fast in ­Ohnmacht fiel vor Glück ein Juve-Fan aus China, nachdem er eines der ersten beflockten Ronaldo-Trikots ergattert hatte. Sicherheitsvorkehrungen wie beim Besuch der Königin von England waren nötig, als Ronaldo zur ersten Pressekonferenz im Stadion erschien. Ausnahmezustand herrschte auch im 4000-Einwohner-Dorf Villar Perosa, wo Ronaldo sein erstes Testspiel bestritt. Selbst 600 Polizisten und 200 Ordner konnten nicht verhindern, dass ein Tifosi während der Partie aufs Spielfeld rannte, um ein Selfie mit dem Mann mit der Rückennummer 7 zu machen. Fast eine halbe Million Ronaldo-Trikots sind inzwischen verkauft worden – bis Ende der Saison sollen es weltweit bis zu drei Millionen sein. Niemand zweifelt daran, dass Ronaldo jeden Cent seines Nettojahresgehalts von 30 Millionen Euro wert ist.

In den Weltstar von der Blumeninsel Madeira mit seinen mehr als 300 Millionen Followern in den sozialen Netzwerken setzt aber nicht nur Juventus sein Hoffnungen. Die ganze Liga spürt nach dem Transfercoup kräftigen Rückenwind. „Die Serie A ist plötzlich wieder zu einer der wichtigsten Meisterschaften der Welt geworden“, sagt José Mourinho, Startrainer von Manchester United. „Für den italienischen Fußball ist es wie ein Lottogewinn“, findet der frühere Nationalstürmer Christian Vieri. Und der deutsche Rekordnationalspieler und ehemalige Italien-Legionär Lothar Mattäus meint: „Der Transfer ist ­sowohl sportlich als auch für die Vermarktung ein Highlight. Die Serie A profitiert ungemein von diesem Wechsel.“

Ende der 1980er und Anfang der 1990er spielte Matthäus für Inter Mailand – in jener Zeit also, als Italien das gelobte Land für Fußballstars aus der ganzen Welt war. Sie alle waren in der Serie A versammelt: zu Beginn Michel Platini, dann Diego Maradona, Ruud Gullit, Marco van Basten, Jürgen Klinsmann, später Zinédine Zidane, Romario, Ronaldo. Dreimal gewann der AC Mailand in jenen Jahren die Champions League. Von den Ligaspielen wurde jede Woche in der ARD-„Sportschau“ berichtet.

Juves Dauerkarten sind heiß begehrt

Inzwischen liegt der letzte Triumph einer italienischen Mannschaft in der ­Königsklasse acht Jahre zurück. Inter ­Mailand besiegte damals den FC Bayern. Während es die Stars nach England oder Spanien gezogen hat, wuchsen den Italienern die Probleme über den Kopf: veraltete Stadien, korrupte Funktionäre, manipulierte Spiele, gedopte Spieler, marodierende Hooligans. Der Tiefpunkt: der Zwangsabstieg des Rekordmeisters Juventus Turin im Jahr 2006 nach einem beispiellosen Manipulationsskandal. Auf 18 000 Zuschauer sank in der folgenden Saison der Zuschauerschnitt. Bei knapp 25 000 lag er in der vergangenen Saison – Platz vier in Europa hinter Spanien (27 000), England (38 000) und Deutschland (45 000).

Jetzt waren bei Juventus die 30 000 Dauerkarten in Rekordzeit vergriffen, obwohl die Preise um mehr als 30 Prozent erhöht wurden. Doch soll Ronaldo in Italien nicht nur einen neuen Zuschauerboom auslösen. Nach seiner Vertragsunterschrift steigerte die Clubaktie an der Mailänder Börse ihren Wert innerhalb von drei Wochen um 30 Prozent. Und weil Ronaldo neuen Glamour versprüht, ist Italien auch für andere Topspieler wieder hochattraktiv geworden. Hartnäckig halten sich die Gerüchte, dass der kroatische Superstar Luka Modric von Real Madrid zu Inter Mailand wechseln wolle. Die „Gazzetta dello Sport“ meldete gar, dass Modric’ Frau und Managerin Vanja Bosnic höchstpersönlich bei Inter angefragt habe, ob Interesse am besten Spieler der WM in Russland bestehe.

Italien zieht an Bundesliga vorbei

Mit großen Augen schaut inzwischen auch die Bundesliga wieder nach Italien. Vor Jahren war Deutschlands Eliteliga in der Fünfjahreswertung der Uefa noch Zweiter und blickte mit ihren vollen Stadien eher mitleidig auf die andere Seite der Alpen. Jetzt ist sie auf Rang vier zurückgefallen, nachdem in der vergangenen Saison auch Italien vorbeigezogen ist. Der Abstand könnte noch größer werden, die Rückkehr nach oben noch schwerer.

Nicht nur Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge musste zuletzt feststellen, „dass die Topstars zuletzt nicht unbedingt in Scharen nach Deutschland strömten“. Als einzige der europäischen Topligen hat die Bundesliga keinen Superstar: Spanien hingegen hat Lionel Messi und Antoine Griezmann, Frankreich Neymar und Kylian Mbappé, England all die anderen von Kevin De Bruyne bis Mohamed Salah. Und Italien hat den größten Star von allen.

Wie es sich gehört, eröffnet Cristiano Ronaldo beim Auswärtsspiel von Meister Juventus Turin bei Chievo Verona an diesem Samstag (18 Uhr) die neue Saison der Serie A. Es könnte gleichzeitig der Auftakt einer neuen Ära werden.

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