Der VfB Stuttgart startet am Samstag als Vizemeister in die neue Saison der Fußball-Bundesliga. Die Erwartungen sind trotz der prominenten Abgänge hoch. Intern allerdings gilt ein anderes Motto.
Er will nicht zu viel versprechen. Nie. Als Sebastian Hoeneß seinen Trainerjob beim VfB Stuttgart antrat, da hat er schnell verdeutlicht, dass er kein Mann für laute Töne und spektakuläre Ansagen ist. Vielmehr geht es dem 42-Jährigen immer um die nächste Aufgabe. Das ist es, worauf sich Hoeneß fokussiert. Darauf sollen sich auch die Spieler konzentrieren. Daran hat sich nach bald 17 Monaten im Amt nichts geändert – und daran wird auch die außergewöhnliche Saison, die hinter dem Bundesligisten liegt, nichts verändern. Wenngleich Hoeneß schon immer um das enorme Potenzial des Traditionsvereins von 1893 wusste. Jetzt hat er den schlafenden Riesen fußballerisch erweckt und es wird spannend sein, zu sehen, wie der VfB die neuen Herausforderungen bewältigt.
„Wir haben eine gute Mannschaft“, sagt Hoeneß kurz vor dem Auftakt am Samstag (15.30 Uhr) beim SC Freiburg, „wir haben uns in der Kaderbreite verbessert – mit Spielern, die schon nachgewiesen haben, dass sie in der Liga bestehen können, aber auch noch einiges an Leistungsvermögen in sich haben. Wir haben zudem gute Charaktere dazubekommen. Dennoch benötigen wir noch eine Verstärkung in der Abwehr, um in der Kaderspitze den Extraschuss zu erhalten.“
Das zielt bei den Neuzugängen zum einen auf die verheißungsvollen Justin Diehl, Nick Woltemade und Yannik Keitel, die in Stuttgart den nächsten Karriereschritt gehen sollen. Zum anderen geht es aber auch um den robusten Innenverteidiger Jeff Chabot und den dynamischen Angreifer Ermedin Demirovic, die nicht zuletzt bei der Supercup-Niederlage gegen Bayer Leverkusen (3:4 im Elfmeterschießen) bleibenden Eindruck hinterlassen haben.
Die vergangene Spielzeit soll nicht der Maßstab sein
Beide Neuzugänge haben Erfahrung als Führungskräfte, und beide sollen in Stuttgart in entsprechende Rollen hineinwachsen. Das braucht Zeit und es erfordert Geduld, um junge Spieler zu entwickeln und eine neue Mannschaftsstruktur herauszubilden. Doch Zeit ist keine Einheit, die im Profifußball zählt. Denn je erfolgreicher ein Club arbeitet, desto höher steigen die Erwartungen und umso weniger Zeit erhält der Trainer, um sie zu erfüllen.
Da stellt der überraschende Vizemeister keine Ausnahme dar. Auch wenn rund um den Wasen in Bad Cannstatt Verantwortliche und Fans ständig beteuern, sich nicht an der vergangenen Spielzeit orientieren zu wollen. Im Grunde war sie mit dem mutigen Fußball, den zahlreichen Siegen und einer Rekordpunktzahl am Ende zu schön, um wahr zu sein. Nun stecken die frischen Erinnerungen in den Köpfen und nähren die Hoffnung, der VfB möge sich nach Jahren im Abstiegskampf nun endlich wieder oben in der Tabelle festsetzen.
Vielleicht nicht der zweite Platz, aber ein dritter oder vierter Rang dürfte es insgeheim schon sein für die VfB-Gemeinde. Für Fabian Wohlgemuth geht das in Richtung Träumereien. Der Sportvorstand leitet im Clubhaus mit dem roten Dach vor allem die Abteilung Realität, mit der gebotenen verbalen Zurückhaltung. „Welchen Wert es hat, Saisonziele mit der Posaune unter die Leute zu bringen, hat das letzte Jahr gezeigt. Und nur weil wir nicht hergehen und sagen, wir wollen wieder Zweiter werden, heißt das natürlich nicht, dass wir unsere Ambitionen begraben“, sagt Wohlgemuth.
Der VfB fuhr zuletzt bestens damit, erst einmal nach dem Klassenverbleib zu streben. Und nachdem früh Planungssicherheit herrschte, war zunächst auch nichts von der internationalen Bühne zu hören. Trotz großer Stabilität in den Leistungen. Ähnlich soll es wieder funktionieren, wenn die Stuttgarter in der Bundesliga beim SC Freiburg starten. Tendenz einstelliger Tabellenplatz.
„Niemand bei uns möchte nur 15. werden. Nach oben schielt es sich immer besser als nach unten. Grundlage für unser Auftauchen von Platz 16 auf Platz zwei war aber eben, dass wir unseren Willen zum Erfolg und unseren Anspruch immer auf den Platz getragen haben und nicht vor die Mikrofone“, betont der VfB-Sportchef.
Getragen haben die Verantwortung auf dem Platz in der Vorsaison vor allem der Abwehrchef Waldemar Anton und der Torjäger Serhou Guirassy. Sie sind nun ebenso weg (beide Borussia Dortmund) wie Hiroki Ito (FC Bayern München). Ein Umstand, der verdeutlicht, dass die zwei Branchengrößen den alten Rivalen wieder ernst nehmen. In Uli-Hoeneß-Manier haben die Bayern und der BVB den VfB personell geschwächt, um sich nach einem zeitweise schwachen Jahr selbst zu stärken.
Hohe Einnahmen, große Investitionen
Viel Geld haben die Schwaben für die Wechsel erhalten, die sie auch aufgrund von Ausstiegsklauseln nicht verhindern konnten. Da wurde bereits der Ausverkauf eines Teams befürchtet, in das sich der VfB-Anhang eben erst verliebt hatte. Doch die Stuttgarter haben mit dem Rekordtransfer von Deniz Undav gezeigt, dass sie nicht gewillt waren, sich die besten Spieler einfach wegkaufen zu lassen.
„Das war wichtig“, sagt Hoeneß, „Deniz wäre ansonsten der vierte Stammspieler gewesen, der weg ist.“ Für 27 Millionen Euro (plus Boni) wurde der Publikumsliebling und Supercup-Torschütze nach einer Leihe fest von Brighton & Hove Albion verpflichtet. Erleichterung machte sich danach breit, und es herrscht pure Euphorie rund um Undav und seine Kollegen.
Bei aller Lockerheit des Nationalspielers drücken aber die hohen Erwartungen auf Undavs Schultern. Der 28-Jährige verkörpert wie kein anderer die neue Lust auf den VfB – mit Champions League. Alle paar Tage ein Spiel bedeutet das ab September. Eine Belastung, die kaum einer im Kader kennt. Und warnende Beispiele von Vereinen, die den Alltagsanforderungen nach den Feiertagen im Europapokal nicht mehr gewachsen waren, gibt es genug. Zuletzt der 1. FC Union Berlin, der aus der Königsklasse in den Abstiegskampf trudelte.
Doch der VfB, mit Wohlgemuth und Hoeneß an der sportlichen Spitze, will seinen Weg nicht verlassen. Der großen Sehnsucht folgt die große Demut. „Unser Weg geht über mehrere Spielzeiten. Zunächst wollen wir möglichst schnell über die 40-Punkte-Hürde kommen. Solange wir uns dann im mittleren Drittel der Tabelle bewegen, sind wir voll auf Kurs“, sagt Wohlgemuth.
Überraschende Manöver sind aber nicht ausgeschlossen.