Der Demokrat Joe Biden tritt als Präsident eines Landes an, das Europäer schon länger nicht mehr ganz verstehen. In der Reihe „Stars and Stripes“ stellen wir von der Popkultur verstärkte Mythen vor, die Amerikas Selbstverständnis und Konflikte prägen.
Stuttgart - Wie gestaltet man die Amtseinführung Joe Bidens geschichtsbuchträchtig? Aus Gründen politischer Pietät nicht umsetzbar, aber sinnig wäre es, den neuen US-Präsidenten in einem Jeep aus dem Zweiten Weltkrieg durch Washington zu fahren. Die USA als Befreiungsmacht, symbolisiert im Jeep voller GIs, der in eine vom Feind befreite Stadt rollt, das war eines der großen Motive des 20. Jahrhunderts. Als liberaler Europäer oder als Amerikaner links von Trump kann man nicht anders, als einen Zirkelschluss zu sehen: Nun ist es an der Zeit, dass die USA sich selbst von einem Ungeist befreien.
Jeeps und Demokraten
Im Bild des Jeeps, der unter weißen Fahnen hindurch in ein deutsches Städtchen fährt, mit Soldaten, die vielleicht schon Schokolade an Kinder verteilten, fanden Völker zusammen. Große Mythen, bekräftigt in einprägsamen Bildern der Populärkultur, sind wichtig für Individuen, Gruppen und Nationen. Sie können Zeitgeist auf den Punkt bringen, aber auch Wirklichkeit vernebeln, die Kommunikation erleichtern, aber auch trennen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Westdeutschen nicht nur Amerikas Filme, Musik, Literatur und Limonaden freudig aufgenommen. Sie haben einen Identitätswechsel hingelegt. Überzeugte Nazis, das waren höchstens die anderen gewesen, ein paar hohe Tiere, die den Krieg nicht überlebt hatten. Selbst war man im Herzen angeblich schon immer Demokrat und damit auch Amerikaner ehrenhalber gewesen.
Die offenkundige Bestimmung
Eine Weile glaubten die Deutschen, sie verstünden die Amerikaner von Grund auf, im Guten wie im Bösen. Die vergangenen zwei Jahrzehnte aber ließen Zweifel wachsen, nicht nur beim Blick auf die Ultrarechten, auf die Mischung aus evangelikalem Eifer, Waffenfetischismus, Sozialdarwinismus und Erwähltheitswahn. Schon Donald Trumps Vorgänger Barack Obama versetzte Deutsche mit manchem Tun und manchem Lassen in Erstaunen.
Verstehen wir diejenigen noch, die wir so lange als unsere stärksten Partner und als Wertelieferanten sahen? Ist vielleicht schon lange ein tieferes Missverstehen am Werk, ein Übersehen von Selbstverständlichem, das unterschiedliche Deuten derselben Symbole? In der Reihe „Stars and Stripes“ wird unsere Zeitung in den kommenden Wochen einige Mythen der USA vorstellen, die dort von der Popkultur beständig am Leben gehalten werden, die Europäer aber oft unterschätzen. Selbst bei Joe Bidens Amtsantritt schwingt ja etwas mit, das er selbst und die meisten modernen Demokraten als historische Altlast sehen, das aber in die Gegenwart hineinwirkt: das Konzept der „Manifest Destiny“, der offenkundigen Bestimmung.
Auf in die Wildnis
Was sind die USA? Im 18. Jahrhundert hätte da noch keiner das heute auf der Landkarte markierte Areal umfahren und sagen können: „Das da!“ Der britische Kolonialbrocken, der sich 1776 für unabhängig erklärt hatte, saß im Osten des Kontinents. Franzosen und Spanier hatten anderswo noch Flaggen aufgepflanzt, und in weiten Teilen der neuen Welt hatten Europäer noch gar nichts zu sagen.
Im 19. Jahrhundert aber wuchs der Ausdehnungsdruck. Immer mehr Menschen wagten sich dorthin, wo noch kein Staat war. Keine Frage, sagten Denker, Politiker und Geschäftemacher, wo noch nicht USA war, da war bloß Wildnis. Denn die Indianer, wie man die dort Ansässigen nannte, wollte man als Nachbarnationen nicht mehr gelten lassen. Wildnis aber war dazu bestimmt, zivilisiert zu werden.
Der Planwagen als Symbol
Manche beriefen sich dabei auf einen göttlichen Plan, andere auf höhere Notwendigkeit mit quasireligiöser Dringlichkeit. Wenn dieses Projekt USA so viel zusammenhängendes Land wie nur möglich besetzte, schien ihnen das keine Fortsetzung alter Eroberungspolitik, sondern ein neues Kapitel der Menschheitsgeschichte.
Das Kino hat große Begriffe nie verwenden müssen. Es hat die Planwagen gezeigt, die unter großen Mühen gen Westen rollten, hat die neuen Landschaften verherrlicht und die Indianer verteufelt. Die Logik des Films brauchte die Bewegung nach Westen, und so lernten die Nachfahren der Pioniere via Bauchgefühl im Kino und vor dem Fernseher, dass es Amerikas Wesen und Aufgabe sei, Amerika dorthin zu bringen, wo noch kein Amerika ist.
Demokratie und Öl
Tief im Grundgewebe der USA verfilzt das Reaktionäre mit dem Fortschrittlichen: die Gier nach verwertbarem Land und ausbeutbaren Ressourcen mit der Erkenntnis, dass eine Musterdemokratie in einer Welt der Tyrannen groß sein muss, um zu bestehen. Als die USA endlich von Ost nach West reichten, richtete sich das Sendungsbewusstsein auf die Verbreitung der Demokratie. Wieder traf eine hehre Idee – Kampf für Freiheiten – mit einer moralfreien Realität zusammen. Wenn einer Demokratie sagt, liegt oft der Geruch nach Ölpumpen in der Luft.
Manche Konservative streben nach steter Ausbreitung des US-Modells, andere fordern eine Isolationspolitik zum Schutz der erfüllten Bestimmung. Vielen Liberalen ist die Ausbreitungswut von einst suspekt, aber das Eintreten für amerikanische Werte in der Welt gleichbedeutend mit dem Kampf für Menschenrechte. Manifest Destiny steckt tief in der US-Politik, ein Sendungsbewusstsein, das Vorkämpferdenken mit Vorrechtedenken kurzschließt. Auch Joe Biden wird mit diesem Erbe irgendwie umgehen müssen.
Die „Stars & Stripes“ -Serie
Lesen Sie hier:
● Folge 1 Offenkundige Bestimmung
● Folge 2 Die Lüge von Pocahontas
● Folge 3 Custers letzter Kampf
● Folge 4 Die große Gefahr aus Mexiko
● Folge 5 Onkel Tom und Onkel Remus
● Folge 6 Die Helden des Weltkriegs
● Folge 7 Der Griff nach den Sternen
● Folge 8 In der grünen Hölle von Vietnam
Kommende Abschlussfolge
9/11
● Von der Ohnmacht und Wut eines Riesen und angeblichen Lügengespinsten