Am 28. Juni war die Altstadt von Waldenbuch überschwemmt. Drei Wochen nach dem Hochwasser zeigt sich, dass manches schiefgelaufen ist.
Waldenbuch - Nach dem ersten Schock kommen die kritischen Fragen. Wie konnte es passieren, dass das Wasser am Abend des 28. Juni nach einem Starkregen teils hüfthoch in der Waldenbucher Altstadt stand? Haben die Schutzmaßnahmen versagt? Wurden Fehler gemacht, und was ist zu tun, um künftig besser gerüstet zu sein? Die Menschen sind verunsichert und suchen nach Antworten. Drei Wochen nach den dramatischen Ereignissen haben der Bürgermeister Michael Lutz und der Bauamtsleiter Wolfgang Kloker mit den Experten des Wasserwirtschaftsamts eine erste Bilanz gezogen. Ein Überblick.
Welche Niederschlagsmengen wurden in der Nacht des 28. Juni gemessen?
Innerhalb kürzester Zeit gingen Regenmengen von bis zu 50 Litern je Quadratmeter nieder. Die Radaraufzeichnungen ergaben zwischen 19 und 22 Uhr einen durchschnittlichen Wert von 35 Litern je Quadratmeter. Der Schwerpunkt der Niederschläge lag im süd-östlichen Teil der Glashütte sowie rund um die Waldenbucher Kläranlage.
Welche Hochwasser-Schutzvorrichtungen gibt es , wie haben sie funktioniert?
Oberhalb von Waldenbuch gibt es zwei große Hochwasserrückhaltebecken. Durch das Segelbachbecken bei Weil im Schönbuch konnten in der Unwetternacht rund 50 000 Kubikmeter Wasser zurückgehalten und zeitlich versetzt abgegeben werden. Beim Sulzbachbecken waren es 25 000 Kubikmeter. „Beide Becken haben funktioniert“, bestätigt Daniel Hartmann vom Wasserwirtschaftsamt.
Auch die Renaturierung der Aich und die bereits begonnene Renaturierung des Seitenbachs gehören zum Hochwasserschutzkonzept. Außerdem gibt es über die Stadt verteilt Gräben, Mulden und Retentionsfilterbecken. Allerdings hatte sich die Kommune bisher auf den Schutz vor Hochwasser konzentriert. Bei Starkregen gelten jedoch andere Gesetze.
Wo genau lagen die Ursachen für die Überflutungen und was lief schief?
Als größter Schwachpunkt hat sich der Rechen des Seitenbachs hinter dem Fachmarktzentrum erwiesen. Dort hatten sich große Mengen Schwemmgut und Geröll gesammelt und den Ablauf verstopft. Auch die Rechen im Langen Trieb und an der Brunnenstraße waren zu. Beim Beseitigen des Treibguts kam es zu Verzögerungen. In der Brunnenstraße waren die Privatpersonen, die den Rechen hätten öffnen können, nicht erreichbar.
Am DM-Markt fehlte es erst an schwerem Gerät und dann konnten die Helfer das Rolltor nicht öffnen, das den Zugang zum Rechen ermöglicht. „Nachdem die Mitarbeiter des Bauhofs den Schlüssel vom Betriebsgelände geholt hatten, mussten sie feststellen, dass der Strom ausgefallen war und sich das Tor nicht bewegen ließ. Daraufhin wurde es aufgebrochen. Das war sicher nicht ideal“, sagt Michael Lutz. Einige Geschädigte prüfen derzeit, ob sie deswegen juristisch gegen die Gemeinde vorgehen. Wegen der umliegenden Anhöhen und zahlreichen Zuflüsse ist die Gefahr von Überschwemmungen in der Waldenbucher Altstadt besonders hoch. Auch die Seniorenwohnanlage, das Altenpflegeheim und die Feuerwache stehen hier.
Warum baut man sensible Infrastruktur überhaupt an solche Orte?
Die Schäden in der Seniorenwohnlage Sonnenhof sind enorm. Das Gebäude steht dort, wo mit etwa 50 Zentimetern das Wasser am Höchsten stand. Als über den Standort entschieden wurde, war die zentrale Lage ein Pluspunkt. „Ziel war es, den Senioren einen Lebensabend mit kurzen Wegen im Herzen der Altstadt zu ermöglichen. Das Wetterphänomen Starkregen war damals noch kein Thema“, sagt der Bürgermeister. Beim Bau des Altenpflegeheims habe man später bereits auf einen Keller verzichtet.
Wer heute in den hochwassergefährdeten Bereichen baut, benötigt eine wasserrechtliche Genehmigung des Landratsamts sowie das Einvernehmen des Gemeinderats und muss entsprechende Sicherungsmaßnahmen vornehmen. Was die Waldenbucher Wehr angeht, so gibt es Überlegungen, die technische Leitstelle zum Bauhof im Gewerbegebiet Bonholz zu verlegen.
Was ist geplant, um die Stadt besser vor Überschwemmungen zu schützen?
Waldenbuch hat 2018 als erste Kommune im Landkreis ein Starkregenrisikomanagement durchlaufen. Zu den Hochwassergefahrenkarten gibt es jetzt ein Szenario, das zeigt, wo bei heftigen Regenfällen Überflutungsgefahr besteht. „Wir werden diese Ergebnisse abgleichen und dann sehen, wo es Möglichkeiten für Verbesserungen gibt“, sagt der Bürgermeister. Das Wasserwirtschaftsamt hat zudem vorgeschlagen, weitere Grobrechen außerhalb der Bebauung anzulegen. Auch bauliche Veränderungen an Brücken werden geprüft. Nach der Sommerpause sollen die ersten Vorschläge auf dem Tisch liegen.
Was können die Bürgerinnen und Bürger tun?
Brennholz oder Baumaterial, das in der Nähe von Bächen gelagert wird, kann bei Unwetter vom Wasser mitgerissen werden und erhöht die Verstopfungsgefahr. Für den Schutz des eigenen Gebäudes können Rückstauklappen, Schachtranderhöhungen oder Gestaltungsmaßnahmen im Garten dienen. Michael Lutz hält jedoch nicht viel von Insellösungen: „Ein Schnellschuss hilft uns nicht weiter. Wer sich einmauert, schiebt das Wasser nur zum Nachbarn weiter. Wir brauchen ein Konzept für die ganze Stadt und die benachbarten Gemeinden.“