Die Lehrerverbände wollen das Sitzenbleiben nicht abschaffen. Foto: dpa

Seit 2002 ist in Baden-Württemberg der Anteil der Schüler, die nicht versetzt werden, deutlich zurückgegangen. Jungen bleiben aber weiterhin öfter sitzen als Mädchen. Die Lehrerverbände wollen das Sitzenbleiben nicht abschaffen.

Stuttgart - Der Plan der neuen rot-grünen Landesregierung in Niedersachsen, mittelfristig das Sitzenbleiben abzuschaffen, bewegt die Gemüter – auch im Südwesten. Zumal Baden-Württembergs neuer Kultusminister Andreas Stoch ähnliche Ziele verfolgt. In den neuen Gemeinschaftsschulen könnten Schüler nicht mehr durchfallen, so der SPD-Politiker. Auch in den anderen Schularten solle das individuelle Lernen ausgebaut und jeder Schüler unterstützt werden, den jeweils bestmöglichen Abschluss zu machen. Dann sei Sitzenbleiben unnötig.

Dagegen regt sich Widerspruch. „Was wird künftig mit Schülern, die keinerlei Hausaufgaben machen, keine Unterrichtsmaterialien mitbringen, die Schule schwänzen?“, fragt Michael Gomolzig, Sprecher des Verbandes Bildung und Erziehung. „Optimal wäre es, wenn eine frühe und intensive Förderung das Sitzenbleiben schlichtweg überflüssig machen würde.“ Dafür benötigten die Schulen jedoch mehr und nicht weniger Lehrerstellen. Auch der Realschullehrerverband ist skeptisch: „Hier braucht es verankerte Förderstrukturen und klare Konzepte, wie Defizite abgebaut und Motivation aufgebaut werden können“, sagt die Landesvorsitzende Irmtrud Dethleffs-Niess. Dafür fehlten nicht nur die Konzepte, sondern auch die nötigen Lehrerstunden.

FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke bezeichnet Stochs Ankündigung als weiteren Schritt „zu einem motivationsfeindlichen Einheitsschulwesen, das dazu führen wird, dass die Leistungsfähigkeit junger Menschen verloren geht und die Qualität der Ausbildung immer weiter absinkt“, sein CDU-Kollege Peter Hauk erklärt, er könne sich nicht vorstellen, wie schwache Schüler es schaffen sollten, Versäumtes aufzuholen.

Viele Schüler scheitern in höheren Klassen

Wirklich neu ist die Diskussion nicht. Schon 2001 forderte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, das Sitzenbleiben abzuschaffen und die dadurch rechnerisch eingesparten Lehrerstellen für die frühzeitige Förderung zu verwenden. Auch die Kultusminister befassten sich immer wieder mit dem Thema. Im Südwesten hat sich die Situation in den vergangenen Jahren verbessert. Nach Berechnungen des Statistischen Landesamts erreichte der Anteil der Wiederholer im Jahr 2001 einen Höhepunkt. An den Hauptschulen hat sich seitdem die Quote mehr als halbiert, von 3,2 Prozent auf 1,5 Prozent 2011 – die Zahlen für 2012 liegen noch nicht vor. An den Gymnasien sank der Anteil der Sitzenbleiber im gleichen Zeitraum von 3,7 auf 2,2, an den Realschulen von 4,7 auf 2,7 Prozent.

Am häufigsten scheitern Schüler in höheren Klassen. An Haupt- und Werkrealschulen wiederholten 2,4 Prozent der Achtklässler, an den Realschulen 3,7 Prozent der Achtklässler und 5,3 Prozent der Neuntklässler, an den Gymnasien 2,9 Prozent der Acht- und Neuntklässler und 3,6 Prozent der Zehntklässler. Für die Kursstufe – die beiden letzten Jahre – liegen keine Angaben vor. Ebenfalls nicht erfasst wird, wie viele Schüler nach dem Halbjahreszeugnis die Schulart wechseln. Große Unterschiede gibt es auch zwischen den Geschlechtern: An den Haupt- und Werkrealschulen erreichten 1,7 Prozent der Jungen das Klassenziel nicht, von den Mädchen waren es 1,2 Prozent. An den Realschulen scheiterten 3,3 Prozent der Jungen und 2,1 Prozent der Mädchen, an den Gymnasien 2,8 Prozent der Jungen und 1,6 Prozent der Mädchen.

Seit 2004 können im Südwesten Schüler probeversetzt werden, wenn sie über die Ferien ihre Defizite aufholen und dies nachweisen können. Davon machten je nach Schulart zwischen vier und sieben Prozent Gebrauch. Nicht erfasst ist allerdings, wie viele tatsächlich weiterkamen.

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