Die Stiftskirche prägt noch immer das Stadtbild, aber immer weniger auch den Alltag der Christen. Foto: Leif Piechowski

Trotz starken Besucherrückgangs wähnt sich der Stadtdekan auf dem richtigen Weg.

Stuttgart - „Sorgenkind Gottesdienst“ – das brisante Thema war bei der Kirchenkreissynode, die sich jüngst im Behindertenzentrum Stuttgart traf, keineswegs ganz oben auf der Tagesordnung. Die dramatische Entwicklung der Gottesdienstbesuche kam erst unter Punkt vier zur Sprache. Dabei sind die Zahlen, die der Kirchenkreis­synodale Martin Dolde zusammengestellt hat, alarmierend. Seit der ersten Erhebung 1985 kamen im Jahr 2010 an einem durchschnittlichen Zählsonntag (Invokavit/erster Sonntag der Passionszeit) 40 Prozent weniger gläubige Protestanten in die Kirchen des Dekanats Stuttgart.

Besonders hart ist der Vergleich zur Mitgliederstatistik: Der Rückgang der Gottesdienstbesucher ist um zehn Prozent höher als die Abnahme der Gemeindeglieder im gleichen Zeitraum. Das bedeutet, dass selbst der harte Kern von dieser Form des Gottesdienstes nicht mehr angesprochen wird. Für Martin Dolde ergibt sich daraus nur eine Schlussfolgerung: „Der herkömmliche Gottesdienst ist in spätestens zehn Jahren tot.“

Doch die drastische Formulierung des Kirchengemeinderats aus Stuttgart-Wangen samt Statistik beeindrucken Stadtdekan Hans-Peter Ehrlich wenig. „Ich bin da anderer Meinung“, sagt er gelassen, „unser Gottesdienst wird auch noch in 30 oder 40 Jahren ein Standardangebot sein.“ Die ­gleichen schwarzen Prognosen habe es im Übrigen schon vor 40 Jahren gegeben.

Für junge Menschen steht der Gottesdienst mit seinen Inhalten und Formen in krassem Gegensatz zu ihrer Lebenswelt

Vielen Pfarrern in der Synode sprach der Stadtdekan damit aus der Seele. Kaum einer wollte Doldes Dramatisierung folgen. Im Gegenteil: Manche versuchten sogar, die vorgelegten Zahlen zu entkräften. Die Statistik sei durch die vielen und gut besuchten Gottesdienste in den Altenheimen oder Schulen verfälscht. Allein der Botnanger Pfarrer Karl Hardecker wollte sich nicht in den gerechten Schlaf wiegen lassen: „Der Gottesdienst hat seine Selbstverständlichkeit verloren und steht damit auf dem Prüfstand – auch in seiner Form. In Zukunft muss sich der Gottesdienst mit anderen kulturellen Angeboten messen.“ Martin Dolde ergänzte scharf: „Vor allem für junge Menschen ist dieser Gottesdienst nicht mehr attraktiv.“

Tatsächlich finden junge Menschen nur noch schwer Zugang zur Kirche. Die Beobachtungen allerorts zeigen: Für junge Menschen steht der Gottesdienst mit seinen Inhalten und Formen in krassem Gegensatz zu ihrer Lebenswelt. Schlagworte der Ablehnung sind „langweilig“, „altbacken“, „weltfremd“, „belanglos“, „staatstragend“. Oft fehlt die Anbindung zu dem, was junge Menschen tatsächlich in ihrem Leben bewegt. Ergebnis: Ein beträchtlicher Teil dieser ­Generation wendet sich ab.

Was also tun? Vorschläge gibt es viele, ­allein über die Wirksamkeit der Vorschläge herrscht in der Synode keine Einigkeit. Strittig sind Gottesdienstzeiten, Musikstile, Arten der Einbindung, aber vor allem die Predigt selbst. Schuldekan Manfred Scholl fordert daher: „Die Qualität der Predigt muss besser werden.“ Vielleicht auch die Ausbildung zum Prediger, wie der Bad Cannstatter Synodale Volker Schmidt ahnt: „Wenn ich mir vorstelle, dass ich 20 Jahre jünger wäre, dann würde ich aus so einer Predigt nicht mehr so viel mitnehmen.“

Mit einer guten Predigt steht und fällt alles

Für die Protestanten ist diese Kritik ein Generalangriff. Denn das Wort hat in der Evangelischen Kirche fundamentale Bedeutung. Die Predigt ist das zentrale Element des Gottesdienstes („So kommt der Glaube aus der Predigt, die Predigt aber aus dem Wort Gottes“, Römer 10, 17). Und damit steht und fällt alles mit einer guten Predigt.

Was eine gute Predigt sein kann, wird der Amtskirche immer wieder von jungen Pfarrern oder Laien vorgeführt. Theo Eißler, Sohn des bekannten Stiftskirchen-Pfarrers Konrad Eißler, ist ein sogenannter Laie. Aber der studierte Theologe gilt als begnadeter Prediger. Eißler schafft es immer wieder, Menschen zu bewegen und zu begeistern – ganz in der Tradition seines Vaters. „Papa ist auf der Kanzel wie eine Kerze, die an beiden Enden brennt. Er ist Feuer und Flamme für seinen Glauben und kann Menschen mit Worten anzünden“, sagt Theo Eißler, der sein Geld in der Werbebranche verdient.

Brücken zwischen Menschen und der Botschaft bauen

Aber die Aufgabe sei eigentlich dieselbe: „Eine Botschaft ist so zu transportieren, dass sie bei Menschen ankommt.“ Gute Kommunikation ist für Eißler wie eine gute Predigt: „Klar und leicht verständlich. Dazu originell und unterhaltsam. Humor ist ein Schlüssel. Er kann Menschen aufschließen. Genauso Metaphern, Sprach-Bilder und gute Geschichten. Sie führen zu Aha-Erlebnissen und lassen Botschaften besser im ­Gedächtnis haften.“

Ob beim Werbe-Texten oder Predigen. Es gehe darum, Brücken zwischen Menschen und der Botschaft zu bauen. Ganz einfache Brücken. Brücken, über die Menschen gerne gehen. „Trotzdem muss eine Predigt mehr sein als ein guter Text“, sagt Eißler und stellt die rhetorische Frage: „Was sucht ein Mensch, der vielleicht nach Jahren wieder einmal eine Kirche betritt? Er sucht in der Person da vorne, die von Gott redet, einen Menschen, der diesen Gott persönlich kennt. Eine gute Predigt ist, wenn aus Begriffenhaben Ergriffenheit wird. Wie bei meinem ­Papa.“

Vielleicht lädt Stadtdekan Ehrlich zur nächsten Synode den Spross des alten Eißlers ein. Von Theo Eißler könnten die Stuttgarter Pfarrer wohl einiges lernen.

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