Anne-Sophie Mutter Foto: AP

Im Meisterkonzert der SKS Russ mit Anne-Sophie Mutter dirigiert Andris Nelsons im Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle das Royal Concertgebouw ­Orchestra.

Am 11. Mai ist es so weit: Exakt 124 fest ­angestellte Mitglieder der Berliner Phil­harmoniker wählen den Nachfolger von Sir Simon Rattle (60), der von 2018 an als Chefdirigent zum London Symphony Orchestra wechseln wird. Als Kandidaten im engeren Kreis werden neben Daniel Barenboim ­Mariss Jansons (jeweils 75 Jahre alt, Letzterer gesundheitlich labil), Christian Thielemann (56) oder Gustavo Dudamel (34) ­genannt.

Nicht zu vergessen der am Montag in Stuttgart zusammen mit dem Royal Concertgebouw ­Orchestra gastierende Lette ­Andris Nelsons (37). Bis 2009 waltete der ausgebildete Trompeter in der Provinz als Chef der Nordwestdeutschen Philharmonie Herford seines Amtes, ehe ihm plötzlich alle Türen offen standen. Derzeit leitet Nelsons (nach dem Tod von Claudio Abbado) interimsweise das Lucerne Festival ­Orchestra und ist – nach einem Zwischenspiel in Rattles früherer Wirkungsstätte Birmingham – bei seinem Amtsantritt 2014 auch jüngster Music Director des Boston Symphony Orchestra.

Zwar hat Nelsons jüngst – aus Altersgründen – für sich die Rattle-Nachfolge ausgeschlossen. Wer aber will schon Nein sagen, sollte am 11. Mai abends in Berlin der weiße Rauch aufsteigen und bei ihm das Handy klingeln? Noch ist nichts entschieden.

Im Meisterkonzert der SKS Erwin Russ war am Montag der philharmonische Kandidat Nelsons zu erleben, diesmal am Pult des Royal Concertgebouw ­ Orchestra aus Amsterdam: Ein Senkrechtstarter, der in Dimitri Schostakowitschs ­rabenschwarzer Sinfonie Nr. 10 e-Moll (1953) verstand, die Bläser-Streicher-Klangbalance dieses Weltklasseorchesters im depressiv mäandernden, riesigen Eingangssatz souverän zu organisieren sowie seine (bisweilen in körperlicher Schräglage schier überschießende) Energie des Gestaltens problemlos auf die erstaunlich jungen, noch dazu zahlreich vertretenen Musikerinnen zu übertragen.

Schostakowitschs in der Zehnten auskomponierte Abrechnung mit Stalin und dessen System gewinnt in Jansons Lesart eine bedrückende Dichte und Wucht, ­namentlich das zu diabolischer Kenntlichkeit verzerrte Porträt des im Kompositionsjahr 1953 verstorbenen Diktators im zweiten Satz. Beeindruckend seine Weitsicht bei der Gestaltung des riesigen Eingangssatzes, all die herrlichen Klarinetten- und Holzbläser-Soli, vor allem auch die Eindringlichkeit, mit der Nelsons das Personalmotiv des ­Komponisten „D-(e)S-C-H“ geradezu ­manisch oft aufklingen und im wie befreit dahinstürmenden Schluss-Galopp das ­letzte Wort behalten lässt.

Für viele Besucher wohl der eigentliche Grund des Kommens: Anne-Sophie Mutter spielte das Violinkonzert von Jean Sibelius. Herausragend schon ihre CD-Einspielung mit Ex-Ehemann André Previn am Pult. Nun gab es wieder einmal im voll besetzten Beethovensaal ihre enorme spieltechnische Präsenz und Durchsetzungskraft gegen das aufbrausende Orchester-Tutti zu bestaunen. Dabei war der solistische Beginn über ­tremolierenden Streichern (ärgerlicherweise kontrastiert von einem pulsierenden hochfrequenten Dauerton im vorderen Teil des Saales) alles andere als selbstbewusst: Aschfahl und ohne jedes Vibrato intoniert wurden die ersten Töne.

Fortan spannte die in Zitronenfaltergelb auftretende Solistin riesige Spannungs­bögen, mit einer Fülle an Pianissimo-Nuancierungen, dabei sich immer wieder auf ihrer fantastisch klingenden Stradivari mit einem wahren Bratschenton mächtig in Szene ­setzend und dabei auch eine raue Ton­gebung nicht scheuend. Fulminant die nie nachlassende Energie, mit der sie die ­Staccato-Terzgänge des kräftezehrenden Finales nicht nur souverän Revue passieren ließ, sondern gegenüber den Rhythmen von Pauken und Bässen stets die Oberhand ­behielt.

Ovationen im Beethovensaal und die Gigue aus Bachs d-Moll-Partita als sportiv hingelegte Zugabe.

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