Boss mit Visionen:Howard Schultz. Foto: AFP

Er baute ein milliardenschweres Kaffee-Imperium auf und vergaß doch nie seine sozialen Wurzeln: Howard Schultz könnte ein ernst zu nehmender Herausforderer für US-Präsident Trump werden. Wenn er will.

Washington - Es geht nur selten um Kaffee, wenn Howard Schultz Interviews gibt. Umsatzzahlen der knapp 28 000 Starbucks-Läden rund um die Welt lassen den einstigen CEO der Kette in diesen Tagen kalt. Deutlich größere Leidenschaft entwickelt der 65-Jährige, der vor wenigen Wochen nach 26 Jahren alle Ämter bei Starbucks niedergelegt hat, wenn es um die großen Themen der USA geht. Man könnte meinen, der Kaffeekönig aus Seattle sei dabei, sich für ein politisches Amt in Stellung zu bringen. „Ich konzentriere mich darauf, ein engagierter Bürger zu sein. Ich möchte mich einmischen“, wiederholt Schultz gebetsmühlenhaft. Ob ihn das zu einer Präsidentschaftskandidatur für das Jahr 2020 führt, lässt er offen.

Es wäre immerhin ein perfekter Moment. Der Erfolg Donald Trumps hat gezeigt, wie überdrüssig die Amerikaner ihrer Karrierepolitiker sind. „Der Unterschied zu Trump ist, dass ich ein börsennotiertes Großunternehmen auf der ganzen Welt repräsentiert habe“, sagt Schultz. „Trump dagegen leitet einen Familienbetrieb, der niemandem Rechenschaft schuldet.“

Kindheit in der Sozialbausiedlung

Die Lehre aus dem Erfolg der Populisten nicht nur in den USA ist, dass man zu wenig auf die Sorgen der kleinen Leute gehört hat. Schultz kann glaubwürdig behaupten, dass er diese Sorgen kennt. Er ist in Canarsie aufgewachsen, einer Gegend von Brooklyn, die bis heute als das ärmste und härteste Viertel der Metropole gilt. Schultz‘ Vater war Kriegsveteran und Lastwagenfahrer, das Geld war immer knapp. Vor allem jedoch machte die Kindheit und Jugend in der Sozialbausiedlung den jüdischen Jungen immun gegenüber jedweder Form von Rassismus.

Die Toleranz und das soziale Gewissen hat Schultz mit in sein Berufsleben genommen. So sind 40 Prozent der Starbucks-Angestellten Angehörige nicht weißer Minderheiten. Schultz hat Zehntausenden von Kriegsveteranen Arbeit verschafft. Zudem können die Baristas dank einer Kooperation mit der Arizona State University kostenlos studieren. Schultz selbst mischt sich aktiv in nationale Debatten ein – ungeachtet der Auswirkungen auf den Aktienwert seiner Firma. Er äußerte sich zur Waffenkontrolle in Amerika genauso wie zum Verfall der politischen Kultur in Washington.

Politdebatten zwischen Cappuchino-Shots

Unter linksliberalen Amerikanern werden diese Stellungnahmen eines wichtigen Wirtschaftsbosses gepriesen. Doch Schultz‘ Bemühungen, „Amerika zu einem besseren Ort zu machen“ und „das Land an „seine Versprechen zu erinnern“, sind nicht immer glücklich. So scheiterte seine Initiative, nach den Rassenunruhen von Fergusonim Jahr 2014 über die Starbucks-Läden des ganzen Landes ein offenes Gespräch über das Thema Rasse in Amerika in Gang zu bringen. Die Baristas und die Kunden wurden dazu angehalten, sich an der Theke über das Thema auszutauschen – eine Idee, die im besten Fall als naiv, im schlechtesten Fall als zynisch gewertet wurde.

Die Hoffnung, über die Starbucks-Läden Amerika zu verändern, geht auf Schultz‘ Ur-Vision für die Firma zurück. Er war Anfang der 80er Jahre, während einer Geschäftsreise nach Italien, davon beeindruckt, welche Rolle die Espressobars als Zentrum des gesellschaftlichen Lebens spielen. Jahre später gelang es ihm, Starbucks zu etwas wie dem Treffpunkt Amerikas zu machen. Menschen aller Schichten kommen dort zusammen. Und ja, sie diskutieren dort auch über Politik.

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