Vor 50 Jahren starb der Stuttgarter Stararchitekt Paul Stohrer. Seine Enkelin aus Aichwald (Kreis Esslingen) und andere blicken zurück. Seine Werke sind derzeit in Nürtingen zu sehen.
Als Angelika Kube 1962 auf die Welt kam, war ihr Großvater Paul Stohrer schon ein sehr bekannter Architekt in Stuttgart. Er hatte zahlreiche ikonische Bauten geschaffen wie Terrassenhäuser in Halbhöhenlage, das Geschäftshaus Radio Barth und zusammen mit Hans Paul Schmohl das Stuttgarter Rathaus. Entwürfe gab es für eine Hotelanlage am Timmendorfer Strand, den Pavillon zur Weltausstellung in Montreal und ein Kurzentrum in Westerland auf Sylt. Daran erinnerte eine Soirée zum 50sten Todestag Stohrers in der Nürtinger Sammlung Domnick.
Seine Enkelin Angelika Kube aus Aichwald erzählte von ihrer Kindheit in Stuttgarts Halbhöhenlage und der schillernden Persönlichkeit Stohrers, der schnelle Autos, Tennis und seine Großfamilie liebte.
Ikonische Architektur und das deutsche Wirtschaftswunder
Mit dem Stuttgarter Rathaus, dem Hofbräueck und dem Gebäude der Handwerkskammer hat Stohrer das Erscheinungsbild der Stadt Stuttgart bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1975 maßgeblich mitgeprägt. Dazu kommen zahlreiche Geschäfts- und Verwaltungsgebäude wie die Fellbacher Coca-Cola Fabrik sowie Bauten in München, Frankfurt und Fulda.
Und die Liste ließe sich noch lange fortsetzen, denn den 1909 geborenen Stohrer zeichnete eine große Schaffenskraft aus. So hinterließ der kreative Architekt im zerstörten Nachkriegsdeutschland vielerorts seine Handschrift, zumal der Wiederaufbau drängte.
Architekt Stohrer privat: Schnelle Autos, Tennis und Familie
Welch lebenslustiger, kreativer Mensch Stohrer war, blitzte an dem Erinnerungsabend in der Villa Domnick vielfach auf, der zahlreiche Fachleute, Architektur- und Kunstinteressierte sowie Zeitzeugen zusammenbrachte. Zum Beispiel auch Stohrers Bauleiter Gunter Pelchen aus Kornwestheim, der den Bau der Villa Domnick verantwortete und nun berichtete, dass zwischen die beiden „Alphamännern“ Stohrer und Bauherr Ottomar Domnick kein Blatt passte.
„Mein Opa liebte schnelle Autos, er spielte Tennis und scharte gerne die ganze Familie um sich“, erinnerte sich Kube an ihre Kindheit und Jugend. Und Stohrer konnte alle verblüffen, wenn er zweihändig zeichnete.
Im Gespräch mit Sammlungsleiterin Vera Romeu in der von Staatliche Schlösser und Gärten verwalteten Sammlung Domnick berichtete Kube aus dem bewegten Familienleben damals in der Stuttgarter Römerstraße in einem Haus voller Verwandter.
Kindheit und Jugend in Stuttgarter Halbhöhenlage
In dem vor dem Krieg entstandenen noch traditionell gehaltenen Haus mit Pool in Stuttgarter Halbhöhenlage wurde vor allem viel gefeiert, denn Familienfeste waren den Stohrers wichtig. Und wenn es Zeit war für die Lese, halfen alle mit im familieneigenen Weinberg an der Weinsteige und später beim Etikettieren der Flaschen.
Schwimmen gelernt habe sie beim Opa im Pool aber auch am Bodensee, berichtete Kube, wo 1961 das legendäre Sommerhaus Moroshito in Dingelsdorf entstand. Der Stelzenbau, der zu Stohrers Meisterwerken zählt, zeige die Weiterentwicklung von Stohrers Architektursprache im Einfamilienhausbau, heißt es in der Stohrer-Dissertation von Ursula Grammel.
Mit zahlreichen Promis in Stuttgart befreundet
Diesen Wandel in Stohrers Formensprache beleuchtete an dem Abend auch der Bad Saulgauer Architekt Manfred Gruber, der skizzierte, wie sich Stohrers Interesse für abstrakte Kunst und die Entwürfe von Marcel Breuer, Corbusier und Frank Lloyd Wright in Stohrers Nachkriegsbauten widerspiegelt.
Viele seiner Arbeiten habe er dank seines sensiblen Gespürs für Material, Maßstab, räumliche Klarheit und Licht so stringent gestalten können. Auch die Nähe zu den Stuttgarter Künstlerkreisen um Willi Baumeister und Oskar Schlemmer, mit denen auch die Auftraggeber der Nürtinger Villa, Greta und Ottomar Domnick, verkehrten, habe ihn beeinflusst.
Stohrers Feriendomizil lag am Bodensee
Aber zurück an den Bodensee: In dem Einraumhaus mit dem asymmetrischen Dach, der komplett verglasten Seeseite und der fünf Meter über dem Boden schwebenden Terrasse verfügt nur das Bad über eine Tür. Geschlafen wurde in kleinen Kojen mit Vorhang, in denen sich Angelika Kube sehr behaglich fühlte. Spannend war für sie als Kind auch die Luke im Terrassenboden, deren Abdeckung als Tisch benutzt wurde. „Den mussten wir jedes Mal wegschieben“, berichtet sie.
Fröhliche Feiern in der Pianobar im Inselhotel
Die Luke führte zu einer Eisenleiter, über die die Familie über einen breiten Doppelsteg direkt zum See gelangen konnte, denn vor allem Paul Stohrer war ein passionierter Schwimmer. Einmal habe er sogar versucht, den See zu durchschwimmen, was nach Angelika Kubes Erinnerungen allerdings misslang. Auch im Sommerhaus habe Stohrer viel an der Staffelei gemalt und gezeichnet. Eine Auswahl seiner Arbeiten ist noch bis Sonntag, 27. Juli in der Villa Domnick zu sehen.
In der warmen Jahreszeit ging es laut der Enkelin oft an den See. „Wenn der Opa rief, packten wir in Windeseile und schon ging es los“, erinnert sich Kube, die ihren Großvater auch gerne zu Ausflügen nach Konstanz begleitete, wo er abends in der Pianobar im Inselhotel mit Freunden feierte. Und auf die Stuttgarter Bälle ging er am liebsten in Begleitung seiner Tochter Liane, der Schwester von Angelika Kubes Mutter Ebba.
„Lass doch die Angelika“, mit diesem Satz habe es Stohrer oft gutgeheißen, wenn seine Enkelin länger wach blieb. An die Autofahrten im Jaguar oder seinem Mercedes Flügeltürer erinnert sich Kube so: „Der Paul hat Kette geraucht und manchmal war es so verqualmt, dass ich Oma und Opa vorne kaum sehen konnte“, bestimmt sei sie deshalb selbst Raucherin geworden.
Gerasterte Fassaden als Markenzeichen
Karriere
Stohrers Weg in die moderne Zeit begann nach seinem Architekturstudium an der Technischen Hochschule Stuttgart bei den beiden wichtigsten Vertretern der Stuttgarter Schule, Paul Bonatz und Paul Schmitthenner Anfang der 1940er Jahre. Bekannt wurde er für seine gerasterten Fassaden und seine Lichtführung im Innenausbau von Kinos und Theatern.
Prominenz
Zu seinen Auftraggebern zählten die Schauspielerin Margot Hielscher, für die Stohrer in München einen Bungalow baute, der langjährige Chef des SDR-Tanzorchesters Erwin Lehn, für den Stohrer in Schönberg eine Villa in Form eines aufgeklappten Flügels plante und der Fabrikant Gottlieb Bauknecht, der ein Landhaus in den Weinbergen beauftragte.