Szene aus „Star Wars“. Foto: www.mauritius-images.com

Der amerikanische Drehbuchlehrer Christopher Vogler erklärt im Stuttgarter Literaturhaus, weshalb das Konzept der „Heldenreise“ des Mythologen Joseph Campbell ein dramaturgisches Vorbild für viele Filmemacher wie George Lucas und seine „Star Wars“-Filme ist.

Stuttgart - Herr Vogler, wie sind Sie auf Joseph Campbells Konzept von der „Heldenreise“ gestoßen?
Ich war schon als Kind fasziniert von ­Mythen, meine Eltern haben mir griechische, römische, keltische und nordische ­Sagen besorgt. Ich war also bereit für Campbell, als ein Lehrer an der Filmschule mich auf ihn aufmerksam gemacht hat. Sein Buch hat mein Leben geändert, ich kannte nun das tiefere innere Muster einer jeden Geschichte! Eine Woche später habe ich im Kino „ Star Wars“ gesehen und mir war klar, dass Lucas auch Campbell gelesen haben musste. Leider habe ich ihn nie getroffen. Aber Campbell, und der hat mir seinen Segen gegeben.
Was ist entscheidend?
Der Einsatz muss hoch sein, Leben, Tod, eine ganze Welt. Der Ruf des Abenteuers wird fast immer von Musik begleitet, oft von Fanfaren: Du bist der Einzige, der die Welt retten kann! Wenn der Held sich weigert, spüren wir: Das ist ernst. Bei der entscheidenden Prüfung muss es so aussehen, als könnte der Held das niemals schaffen, deshalb ist die Belohnung groß, der Heilige Gral, ein Schwert, Liebe. Der Held muss etwas gelernt haben und das in der realen Welt in einer letzten Prüfung beweisen. Er hat sich dann verändert, ist nicht mehr derselbe, und das muss man als Zuschauer sehen und spüren.
Haben bei Disney alle gleich verstanden, was Sie meinten, als in den 1970ern Ihre berühmte mehrseitige Anleitung die Runde machte?
Dort hat man uns beigebracht, klare Memos zu schreiben, beinahe militärisch. Ich sage dir, was ich dir sagen werde, dann sage ich es dir, dann werde ich dir sagen, was ich dir ­gesagt habe; Leutnant, das Skript muss so simpel sein, dass es sogar der General versteht! Mein Papier war so, aber die Studioleute dachten, Mythen wären immer mit Göttern verbunden oder mit Magie wie bei König ­Artus. Zuerst glaubten sie nicht, dass „Star Wars“ mythisch ist, dann dachten sie, das Konzept gälte nur für Genrefilme und nicht für Komödien oder Romanzen. Dabei gilt die Heldenreise universell, so erleben Menschen Geschichten, deren Natur zu entkommen nahezu unmöglich ist.
Das klingt, als wäre diese Form des Geschichtenerzählens Teil der menschlichen DNA . . .
So ist es. „Motion pictures“, wie bewegte Bilder auf Englisch heißen, sind eigentlich „emotion pictures“. Geschichten erzeugen eine Vibration, eine körperliche Reaktion, so wie wir Liebe physisch fühlen in unserer Brust. Wenn ein Affe dem anderen hilft, überkommt uns ein warmes Gefühl, das ist uns einprogrammiert. Gute Geschichten verändern unser Bewusstsein. Bei „2001“ fühlt man sich verbunden mit etwas viel Größerem als man selbst. Wenn ein Mensch allein gegen den Rest der Welt kämpft und ihm ein zweiter beisteht, spüren wir etwas. Wenn sich dann die ganze Stadt um ihn schart und dem Bösen die Stirn bietet, ­berührt und bewegt uns das sehr. Es lässt uns nicht kalt, wenn C.C. Baxter in „Das Appartement“ auf das Mädchen wartet und sie nicht kommt, wenn eine Frau ein Kind ­beschützt, das nicht ihr eigenes ist, wenn keiner Sheriff werden will und einer dann doch die Verantwortung übernimmt.
Gibt es einen Moment in Ihrer eigenen Arbeit, an den Sie sich besonders gerne erinnern?
Als ich bei „König der Löwen“ die Szene mit dem Baby sah, dachte ich sofort an einen Lichtstrahl – wie in katholischen Kirchen, die so gebaut sind, dass genau zur Messe Sonnenlicht durch die Rückwand fällt. Ich habe das vorgeschlagen und sie haben die ganze Szene noch mal gemacht.
Campbells Buch ist 1949 erschienen, doch auch vorher gab es schon große Filme mit epischer Handlung – woher kam die?
Die Filmemacher hatten eine klassische Bildung, sie kannten die Mythen. Die Form hat ja vor Campbell existiert, er hat sie nur klar identifiziert, den Stadien der Geschichte Namen gegeben und eine Verbindung zur Psychologie hergestellt.
„Star Wars“ hat es damit zum Kult gebracht, Leute schauen die Filme immer wieder an.
Abgesehen von der Dramaturgie ist es einfach ein tolles Gefühl, unter Fans zu sein, die Witze zu kennen und die Figuren – wir alle lieben Han Solo und hassen Jar Jar Binx.
Was glauben Sie, wieso Lucas die später gedrehten Episoden eins bis drei weit weniger gut gelungen sind?
Als er die ersten Filme gemacht hat, war er noch näher an seiner Kindheit. Dann wurde er mächtig und erfolgreich, da verändern sich Ansichten, man wird vielleicht ein bisschen zynischer und auch isolierter, und es ist ein weiter Weg zurück zu den puren Gefühlen der Kindheit. Man könnte auch ­sagen: zur unschuldigen Energie eines Narren. Die braucht man für mythische und epische Filme, man darf nicht zu viel darüber wissen, wie die Welt funktioniert.
Was sagen Sie zu neuen Qualitätsserien wie „True Detective“ oder „Sense8“?
Das ist überhaupt nichts Neues. Sie besinnen sich einfach auf die „Ilias“ und die „Odyssee“, das finnische „Kalevala“ und die „Nibelungen“, all die großen Epen. Jede Episode beinhaltet eine Heldenreise, eine geht über die ganze Staffel hinweg. Wie bei mathematischen Fraktalen. Eine Spirale etwa besteht da in der Vergrößerung aus vielen kleinen Spiralen, und das geht so weiter bis ins Unendliche, von der atomaren bis zur kosmischen Ebene.
Kritiker bemängeln, die Heldenreise führe zu formelhaften Filmen.
Das liegt nicht am Konzept, sondern an der Ausführung. Besonders meine deutschen Fans neigen dazu, das zu wörtlich zu nehmen. Sie schreiben die Stadien in ihre Skripte, und das macht sie kaputt. Die Dramaturgie soll da sein, sie ist das Skelett, aber niemand möchte die Knochen sehen – sie sollen von Fleisch bedeckt sein.
In Deutschland haben die Nazis die großen Mythen für ihre Propaganda missbraucht, was viele Autoren bis heute abschreckt.
Große Mythen sind eine Quelle, die allen gehört. Die Nazis haben sie vergiftet und es schwierig gemacht, damit umzugehen. Es ist die Aufgabe besonders der jüngeren Generation, den Brunnen zu reinigen und neue Ausdrucksformen zu finden. Ich würde gerne sehen, wie jemand eine zeitgemäße Version der Nibelungensage als Science-Fiction-Fantasy-Film inszeniert. Der Stoff gehört uns, und da schließe ich mich ein, weil ich einen deutschen Nachnamen trage. Geschichten sind ein universelles Geschenk, das unsere Vorfahren uns gemacht haben, sie sind ein wichtiges Mittel, um zu überleben, uns an neue Energien, Formen, Umstände anzupassen. Die Gegenwart mit all ihren Gräueltaten ist verrückt, nervös, paranoid, außerdemwerden wir ein neues Klima bekommen. Bei all dem können Geschichten uns Orientierung geben, uns an menschliche Werte erinnern und daran, was wichtig ist im Leben. Geschichten machen Menschen Mut.