Die neuen Star Trek“-Helden (v. li.): Shazad Latif als Ash Tyler, Doug Jones als Saru, Sonequa Martin-Green als Michael Burnham, Jason Isaacs als Captain Lorca Foto: CBS ALL ACCESS

In der Halbzeitpause von „Star Trek“-Serie „Discovery“ haben sich bei einem Netflix-Event in London drei der Hauptdarsteller den Fans gestellt. Sonequa Martin-Green, Jason Isaacs und Shazad Latif sind sich bewusst, welch großes Erbe sie da angetreten haben.

London - „Ich bin der Kommandeur dieses Schiffs, ich gebe hier die Befehle!“, schrie der Blues Brother John Belushi (Gott hab ihn selig) und weigerte sich, die Brücke des Raumschiffs Enterprise zu verlassen, während um ihn herum Mitarbeiter des TV-Senders die Kulissen abbauten – die Serie war abgesetzt. Dieser Sketch der US-Comedy-Show „Saturday Night Live“ über Schauspieler, die sich in ihren Rollen verlieren (als Spock: Chevy Chase, als Dr. McCoy: Dan Aykroyd), brachte schon 1974 auf den Punkt, was heute Millionen Fans weltweit fühlen: „Star Trek“ ist nicht einfach nur Fernsehen, sondern eine Lebenseinstellung.

Darum ist es für Trekkies auch keine Kleinigkeit, einmal selbst im Captain‘s Chair sitzen zu dürfen. Bei einem Event zur Halbzeitpause der aktuellen Serie „Star Trek: Discovery“ stehen sie dafür Schlange im obersten Stock eines Wolkenkratzers mit Panoramablick über London. Sie können sich auch im Herzen des Sporen-Raumschiffantriebs filmen lassen und in Vitrinen Handphaser und Klingonenmesser bewundern. Netflix feiert mit diesem Event einen Coup: Der Streamingdienst hat „Star Trek“ ein Zuhause gegeben, er zeigt alle Folgen aller früheren Serien sowie J. J. Abrams‘ gelungenen Neustart einer Spielfilm-Reihe von 2009.

In der Dauer eines Wimpernschlages 90 Lichtjahre überwinden

Die Attraktion aber ist „Discovery“, die von CBS und Netflix produzierte, im Jahr 2056 angesiedelte Vorgeschichte zur Originalserie „Raumschiff Enterprise“ (1966-1969). Sie bietet in den unendlichen Weiten ausgeprägte Charaktere, pfiffige Wendungen und technische Verblüffungen wie besagten Sporenantrieb. Mit Hilfe eines Pilzes kann die Discovery in einem Wimpernschlag bis zu 90 Lichtjahre durch den Raum springen, sie ist die einzige Gegenwehr der Sternenflotte gegen die barbarischen Klingonen, deren Schiffe Dank Tarnkappenvorrichtung drückend überlegen sind. Ein Bärtierchen von monströsen Ausmaßen wird zum Schlüsselwesen, eine idealistische Schwarmexistenz zum Risiko. Die Tricktechnik ist brillant, der Look zeitgemäß.

Sehen Sie hier den Trailer zur Serie:

Jenseits der Folklore setzt „Discovery“ eigene Akzente in einem dramatischen Plot auf Leben und Tod. Und bricht dabei Regeln wie der neue Captain Lorca, der ambivalenteste Kommandeur, den ein Sternenflottenraumschiff je hatte, und auch die anderen menschlichen Hauptfiguren. Drei Schauspieler sind nach London gekommen, der Lorca-Darsteller Jason Isaacs, Sonequa Martin-Green, die Spocks streitbare Adoptivschwester Michael Burnham spielt, und Shazad Latif, der als Soldat in klingonischer Haft von einer Barbarin missbraucht wurde und nun traumatisiert ist. Die Trekkies applaudieren ihren Stars heftig – wollen dann aber ganz genau wissen, ob sie die wichtigste Sache der Welt ernst genug nehmen.

Michael Burnham – eine Frau in einer Identitätskrise

Der Brite Isaacs lässt daran keinen Zweifel. Er trägt besondere Verantwortung, er folgt als Lorca berühmten Captains nach wie Kirk (William Shatner, 1966-69), Picard (Patrick Stewart, 1987-1994) und Janeway (Kate Mulgrew, 1995-2001). „Wir haben gar nicht erst versucht, irgendetwas nachzueifern“, sagt er, der in „Harry Potter“ als Bösewicht Lucius Malfoy zu sehen war. „Die Originalserie ist Kult, da kommt man nicht heran. Deshalb ist es gut, dass Lorca seine ganz eigene Problemlage hat: Er steht im Konflikt mit seiner Crew und dem Rest der Föderation und fühlt sich, als läge die Aufgabe, den Krieg zu gewinnen, allein auf seinen Schultern.“

Starke Frauen an Bord

Die Afroamerikanerin Sonnequa Martin-Green spielt Michael Burnham, eine impulsive junge Frau, die auf dem Planeten Vulkan darauf getrimmt wurde, so zu tun, als wäre sie ein Krieger – und auch so agiert. „Das ist eine komplizierte Frau“, sagt Martin-Green und lächelt, „so ein großer innerer Konflikt. Ich dachte erst, da ginge es um Menschen contra Vulkanier, Gefühle contra Logik, aber es ist viel schwieriger – eine echte Identitätskrise.“

Die Geschlechterrollen sind fließend

Dass ihre Figur einen Männernamen trägt, passt ins tolerante „Star Trek“-Universum, wie es dessen Schöpfer Gene Roddenberry angelegt hat. Legendär ist der erste Kuss eines Weißen und einer Afroamerikanerin im US-Fernsehen, den 1968 Kirk und Uhura zeigten. „Die Geschlechterrollen sind viel fließender in der Zukunft“, sagt Martin-Green, „ein Mädchen kann seinem Vater nacheifern, ein Sohn seiner Mutter. Ein Mädchen kann einen Jungennamen haben – und hoffentlich auch umgekehrt.“

„Star Trek“ habe ihm als schwulem Jungen immer Hoffnung gegeben, bekennt ein junger Mann im rot-schwarzen Raumschiff-Dress, wie ihn Patrick Stewart einst trug als Captain Picard. „Für mich ist Vielfalt normal, deshalb ist es für mich eine Ehre, in einer Serie zu sein, die sie propagiert“, sagt Shazid Latif, der auch und pakistanische Wurzeln hat. Der US-Produzent Aaron Harberts ergänzt: „Michael Burnham, eine dunkelhäutige Frau, ist die treibende Kraft der Geschichte, und in der Zukunft, die wir zeigen, ist das für alle ganz selbstverständlich. Entscheidend ist, welche Funktion man den Figuren in der Handlung gibt. Der Wissenschaftler Paul Stamets zum Beispiel ist nicht in erster Linie schwul, sondern ein echter Held, ohne den das Raumschiff seine besondere Stärke nicht ausspielen könnte.“

Die eng anliegenden Uniformen haben ihre Tücken

Ist „Star Trek“ also politischer, als die meisten annehmen? Oder hat sich nur die Wahrnehmung verändert als Folge eines von Populisten manipulierten Zeitgeistes? „Vor zwei oder drei Jahren hätte niemand gedacht, dass die Spaltung und der Hass mit solcher Macht zurückkehren“, sagt Isaacs. „Es ist eine Unterhaltungs-Show, die Botschaft unterschwellig. Aber ich bin froh, dass meine Töchter in ,Discovery‘ starke Frauen sehen können, die Bösewichten in den Hintern treten, ohne dass ein Mann es ihnen sagen muss.“ Sonequa Martin-Green hat schon in der Tombie-Serie „The Walking Dead“ gezeigt, dass sie eine Kämpferin spielen kann. In „Discovery“ macht sie nicht nur in einer spektakulären Szene in einer Raumschiffs-Kantine ein gute Figur, als sie ein paar üble Gestalten vermöbelt. „Ich liebe es, zu kämpfen, wenn es der Geschichte dient“, sagt sie. „Ich habe an der Hochschule Zertifikate für alle acht Theaterwaffen gemacht.“

Zu „Star Trek“ gehören eng anliegende Uniformen – wie spielt es sich darin? Isaacs zitiert dazu Jonathan Frakes, der in „Next Generation“ den ersten Offizier Wiliam Ryker spielte: „Er hat uns gesagt: Ihr werdet Probleme mit euren Händen haben, denn es gibt keine Taschen. Und er hat uns geraten: Beginnt niemals in eine Szene mit den Händen in den Hüften! Eine Toilette zu benutzen ist jedenfalls mit großen Aufwand verbunden in der Zukunft.“

Die Klingonen sehen nun ein wenig aus wie Orks

Als die unvermeidliche Frage nach der Umgestaltung der Klingonen kommt, die neuerdings monströser aussehen und ein wenig wie die Orks im „Herrn der Ringe“, kommt Harberts ins Schlingern. Er beruft sich auf den „Discovery“-Schöpfer Brian Fuller, der schon an den „Star Trek“-Serien „Deep Space Nine“ (1993-1999) und „Voyager“ (1995-2001) mitgearbeitet hat, und darauf, dass man den „Barbaren des Universums“ in „Discovery“ näher komme als je zuvor. „Ich kann verstehen, dass die Leute alarmiert sind, aber wir haben uns da sehr viele Gedanken gemacht und stehen zum Ergebnis.“

Die Trekkies, zumindest die Anwesenden, sind nachsichtig. Auch zum Abschied spenden sie tosend Applaus. Im Zweifel verteidigen sie ihr anderes Universum. Etwa, wenn wenn jemand anmerkt, der kriegerische Inhalt von „Discovery“ erinnere ein wenig an die Konkurrenz, an „Star Wars“. „Das stimmt nicht, da ist alles hundert Prozent ,Trek‘!“, ruft entrüstet eine junge Frau mit grünschwarzen Haaren und grünschwarzem Lipgloss. Dann erläutert sie ernsthaft und minutiös, warum. „Star Trek“ ist eben nicht einfach nur Fernsehen.

Die erste Staffel von „Star Trek: Discovery“ wird am 8. Januar auf Netflix fortgesetzt.

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