Mobiltelefone erzeugen permanent Standortdaten – die jetzt auch für Corona-Auswertungen genutzt werden. Foto: dpa/Hauke-Christian Dittrich

Die Telekom und O2, Apple und Google werten in der Coronakrise Standortdaten aus. Die Analyse zeigt, dass die Mobilität im Land stark zurückgegangen ist – zumindest bis vor Kurzem.

Stuttgart - Im Zuge der Coronakrise werden Standortdaten von Mobiltelefonen zunehmend wichtiger. Neben der Diskussion um eine Tracing-App, mittels derer Kontaktpersonen von Infizierten identifiziert werden sollen, finden sich im Internet eine Handvoll Auswertungen von (anonymisierten) Daten zur Mobilität der Menschen in Coronazeiten.

Mobiltelefone erzeugen permanent Standortdaten, indem sie Kontakt mit Funkmasten aufnehmen. So lassen sich Bewegungsprofile erzeugen. Diese Art von Daten wird seit Jahren von Mobilfunkanbietern wie Telefonica oder der Telekom erhoben und von spezialisierten Dienstleistern wie Teralytics oder Motionlogic anonymisiert verarbeitet – etwa im Auftrag von Verwaltungen, die Pendlerströme analysieren wollen.

Ostdeutsche sind häufiger unterwegs

In der Coronakrise bilden die Daten dagegen eher ab, wie viele Menschen nicht mehr unterwegs ist, so etwa der „Mobility Monitor“ der Berliner Humboldt-Universität. Er zeigt wie stark die Mobilität in den Stadt- und Landkreisen zurückgegangen ist. In Großstädten sowie in Westdeutschland sind die Menschen seltener unterwegs als auf dem Land oder im Osten. Insgesamt ging die Mobilität um bis zu 60 Prozent verglichen mit März 2019 zurück. Derzeit beträgt der Rückgang etwa in der Region Stuttgart noch um die 20 Prozent: Die Menschen sind wieder fast so viel unterwegs wie vor Corona.

Woher kommen die Unterschiede? Der Projektleiter des „Mobility Monitor“, der Physik-Doktorand Frank Schlosser, hat einen Zusammenhang mit den Corona-Infektionen beobachtet: Wo weniger Menschen infiziert sind, sind die Menschen mehr unterwegs. Auch in Grenznähe ging die Mobilität zurück, was mutmaßlich mit den verschärften Kontrollen zu tun hat. In Großstädten wiederum haben es die Menschen oftmals nicht weit bis zum nächsten Supermarkt und bleiben eher in ihrer Mobilfunkzelle.

Was Google und Apple wissen

Auch Google und Apple, deren Betriebssysteme auf fast allen Smartphones installiert sind und ebenfalls Standortdaten sammeln, haben Analysen veröffentlicht. So hat Google seine Nutzer in Baden-Württemberg seit Anfang März deutlich häufiger als sonst in Parks lokalisiert (plus 40 Prozent) und seltener an ihrem Arbeitsplatz (minus 45 Prozent) oder in Geschäften und Freizeiteinrichtungen (minus 56 Prozent). Der Apple-Kartendienst wiederum registriert um die Hälfte weniger Abfragen von Routen mit Bussen und Bahnen als Mitte März. Allerdings nahm auch ausweislich solcher Daten die Mobilität zuletzt wieder zu.

Für Frank Schlosser von der Humboldt-Universität sind die Daten mehr als nur Spielerei: „Die Daten vermitteln einen Eindruck davon, ob und wie lange Vorgaben gegen das Coronavirus eingehalten werden“, sagt der Forscher, „es gab dazu ja keine Erfahrungswerte“. Dass die Aussagekraft anonymisierter Daten Grenzen hat, ist ihm bewusst – möglicherweise aber nicht allen, die Angebote wie den Mobilitätsmonitor mit Tracing-Apps in einen Topf werfen.

Und doch ist Schlosser mit seinen Analysen längst nicht am Ende: In einem Datensatz stecken auch Informationen, wie viele Menschen in Zügen oder Autos unterwegs waren. Je nachdem, wie lange die Coronakrise noch andauert, bleibt Zeit auch für solche Auswertungen. Schlosser hofft, dass sie die Diskussion über den Umgang mit dem Virus verbessern.

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