Beziehungen zwischen drei oder mehr Partnern – klappt das?Für die Anhänger der Polyamorie ist das keine Frage. Foto: picture alliance/dpa//Franziska Kraufmann

Muss man die Liebe zu einem anderen Menschen unterdrücken, wenn man in einer festen Beziehung lebt? Nein, sagen die Besucher eines Polyamorie-Treffs in Stuttgart.

Im Jahr 1775 schrieb der aufstrebende deutsche Nachwuchsautor Johann Wolfgang Goethe ein Theaterstück namens „Stella“: eine Dreiecksgeschichte, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft. Aber sie endet – glücklich: mit einer liebevollen Ménage-à-trois. Es hagelte Aufführungsverbote. Goethe hat später ein moralisch korrektes tödliches Finale nachserviert: besser doppelter Selbstmord als Glück zu dritt.

 

Jenseits der exklusiven Zweierbeziehung

Heute will die Moral der Zweierbeziehung kein Blut mehr sehen (höchstens in Form krimineller Beziehungstaten). Aber nach wie vor prägt sie die Norm, ist die einzige rechtlich institutionalisierte Beziehungsform. Heute hört Tina Jäger (40) Fragen wie „Geht das denn?“ „Und was ist, wenn man Kinder hat?“ Vonseiten der Familie setzte es „gemischte Reaktionen“ zwischen Neugier, Verständnis und Besorgnis, erzählt sie.

Tina Jäger bekennt sich – ebenso wie ihr 46-jähriger Partner, ebenso wie Silvia Ergin (40) und ihr Ehemann Tolga (47) – zur Polyamorie. Poly- was? Das griechisch-römische Mischwort meint einen Beziehungsfreistil jenseits der exklusiven Zweierbindung: Liebesbeziehungen im weitesten Sinne zu mehr als einer Person. Was schnurstracks den kritischen Aufklärer in Tolga Ergin auf den Plan ruft, denn für ihn ist Polyamorie keine Definition, sondern die Aufhebung von Definitionen: „Es geht um geistige Offenheit, nicht um fertige Rezepte, nicht um Aus- oder Abgrenzung von Beziehungsformen.“ Soll heißen: Alles geht – unter drei Voraussetzungen: einvernehmlich und selbstbestimmt; offen und ehrlich; verbindlich und verlässlich. Mit zwei, drei, vier oder Wer-weiß-wieviel-Partnern, mit Sex oder ohne, auf Dauer angelegt oder nicht, mit einer klaren Hierarchie zwischen länger währenden Haupt- und zeitweiligen Nebenbeziehungen oder in vollkommener „Beziehungsanarchie“, wie Tina Jäger sagt. Ihre Sache ist das allerdings nicht, die des Ehepaars mit drei Kindern auch nicht. Es geht eben alles – auch ein Fixstern am polyamoren Liebeshimmel.

Selbstbestimmt, offen, verbindlich

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Kennengelernt haben sich die Vier im Polytreff Stuttgart, einem Gesprächskreis von Interessierten mit Stammtisch in einer Stuttgarter Kneipe, zu dem auch weitere Leute aus dem Kreis Esslingen und aus dem näheren oder ferneren Umland kommen. Laut Tolga Ergin eine bunt gemischte Gruppe von „20 bis 70 Leuten, die Jüngsten sind noch keine 20, die Ältesten über 60, mit ganz unterschiedlichen sozialen und kulturellen Hintergründen“. Fällig ist in dem Zusammenhang aber auch ein deutliches Wort, findet Tina Jäger: „Wir sind kein Swingerclub und auch keine Kontaktbörse.“ Ein Missverständnis, das übergriffigen Folgen haben kann: „Wenn man sich als polyamore Frau outet, wirkt das außerhalb der Poly-Community auf manche Männer wie eine Einladung zu sexueller Anmache.“ Ein Indiz für die Unreife der (Männer-)Gesellschaft in einer elementaren Frage des zwischenmenschlichen Lebens. „Wir streben nicht nach ständig neuen Partnerschaften“, sagt Silvia Ergin, „sondern nach Freiheit der Empfindung: die Angst vor den eigenen Emotionen abbauen, die Erfahrung zulassen, dass man sich auch in einer glücklichen Partnerschaft in einen anderen verlieben kann.“

Keine Einladung zu sexueller Anmache

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Und das ist der polyamor springende Punkt, der entscheidende Unterschied zum Mythos von der anderen, „besseren“ Hälfte, die jedem ganz individuell, einzig und allein zu suchen und hoffentlich zu finden bestimmt ist. In diesem mythischen Ideal der Zweierbeziehung hat der geliebte Dritte keinen Raum. Er oder sie ist ein Eindringling, die Neigung für ihn oder sie gilt es zu unterdrücken. Und wenn dies nicht gelingt , dann ist sie zu verheimlichen. Ein Abstieg vom hehren Ideal zur schnöden Wirklichkeit. Welche die Polyamorie, moralisch, wie sie ist, so nicht hinnehmen will. Weder den Verlust an Lebensintensität noch die Schmach der Verlogenheit.

Freiheit der Empfindung

„Das Amefi-Konzept funktioniert oft nicht“, sagt Silvia Ergin. Amefi? „Alles mit einem für immer. Ein Mensch ist zu vielschichtig, als dass ein einzelner anderer Mensch allen seinen Bedürfnissen und Empfindungen gerecht werden könnte.“ Und funktioniert das andere, das polyamore Konzept? Wer so fragt, erntet den Konter: „Funktionieren Zweierbeziehungen denn immer ?“ Und wie sagt man’s den Kindern? „Durch offene Kommunikation, die Vertrauen schafft und Verlässlichkeit beweist.“ Eifersucht? Kein Riesenproblem, wenn zwei, drei, vier, mehr Partner im Spiel sind? Doch, sagen die Polyamoren, ein großes Thema. Aber wo ist es das nicht? „Durch Heimlichtuerei und Misstrauen wird es noch größer“, sagt Tolga Ergin. In aller Offenheit hingegen könne man die der Eifersucht zugrunde liegenden Ängste ansprechen – für ihn und seine Frau die Voraussetzung, sie zu bewältigen. „Im besten Fall lernen sich die betreffenden Dritten kennen und klären die Situation“, sagt Tina Jäger. Utopisch? Nein, auch wenn es selbst in polyamoren Kreisen noch eine steile Herausforderung ist.

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So kristallisiert sich als eigentlicher Unterschied zur klassischen Zweierbeziehung – zumindest zu ihrer realen Praxis – der Anspruch absoluter Ehrlichkeit heraus, die möglicherweise länger währt als die exklusive, bis zum scheidenden Tod versprochene und doch in mannigfaltiger Weise so oft vorzeitig gelöste Zweierbindung. Die Stetigkeit polyamorer Beziehungen sollte daher durch das Angebot einer Rechtsform für Partnerschaften zwischen mehr als zwei Menschen gewürdigt werden, findet Tolga Ergin: „Für die geltende gesetzliche Einschränkung gibt es keinen Grund außer der Tradition.“

Was ist Polyamorie?

Begriff
 Der Begriff „Polyamorie“ wurde Anfang der 1990er-Jahre geprägt aus dem altgriechischen „polys“ (viele, mehrere) und dem lateinischen „amor“ (Liebe). Gemeint sind Liebesbeziehungen zu mehr als einem Partner. Die Norm der exklusiven Zweierbeziehung wird in Frage gestellt.

Selbstverständnis
 Polyamorie ist weder eine Weltanschauung noch eine Organisation, sondern gelebte Beziehungspraxis. Folglich gibt es keine fixierten Regeln oder Definitionen. Grundkonsens ist eine zwischenmenschliche Ethik der Selbstbestimmung, Offenheit und Verlässlichkeit.

Historie
 Polyamore Ideale sind so alt wie das menschliche Liebesleben. Im engeren Sinn entstand die Bewegung als Folge der Ausbruchsversuche aus der monogamen Norm in den 1960er-Jahren. Allerdings ist die Polyamorie weniger als die damalige „Freie Liebe“ auf Sexualität fixiert.