Teamorder bei Ferrari: Charles Leclerc (Nummer 16) muss Sebastian Vettel vorbeilassen. Foto: Getty

Charles Leclerc muss in China Sebastian Vettel vorbeilassen – aber das bringt nichts. Diese Aktion stärkt den deutschen Formel-1-Piloten ganz und gar nicht.

Stuttgart - Sebastian Vettel machte keine gute Figur. Das müde Victory-Zeichen wirkte bestenfalls als Ausdruck reiner Podest-Routine und es passte nicht zu seinen heruntergezogenen Mundwinkeln. Dieser dritte Platz, er spürte es, er war zu wenig für die Trendwende im noch jungen WM-Kampf, in dem Mercedes mit drei Doppelsiegen beeindruckend vorgelegt hat. Außerdem, mal Hand aufs Herz, hätte auf diesem dritten Podestplatz eigentlich Vettels Teamkollege Charles Leclerc stehen müssen – und nicht er.

Die umstrittene Stallorder zugunsten Vettels sorgte für das „falsche“ Ergebnis. Leclerc wurde stattdessen noch auf Platz fünf weitergereicht – im Prinzip hätte Vettel dort hingehört. Es wurden Erinnerungen wach an die alten, schandhaften Ferrari-Zeiten, in denen die zweite Geige die erste passieren lassen musste. „Lass Michael für die Weltmeisterschaft vorbei“, hörte Rubens Barrichello 2002 in Österreich und wurde angewiesen, Platz zu machen für den Großmeister Michael Schumacher. Ein Rennen später fragte sich alle Welt: „Tun sie’s im Tunnel von Monte Carlo schon wieder?“

Bei Ferrari verlieren sie bereits im dritten Saisonrennen der Saison 2019 die Nerven. Und die Strategie hat im Gegensatz zum damals dann auch erworbenen WM-Titel von Schumacher etwas von einem verzweifelten Eiertanz. „Wir haben ein starkes Auto, aber wir haben es hier irgendwie nicht hinbekommen. Wir müssen verstehen, was wir brauchen, was ich brauche, um dieses Auto zu entfesseln. Wir haben viel Arbeit vor uns“, so resümierte Vettel, der falsche Dritte, den China-Grand-Prix und wirkte verzweifelt. Er kommt mit dem Auto offenbar nicht zurecht.

Der Nimbus schmilzt

Als Rennstall-Routinier genießt der Hesse noch einen gewissen Nummer-eins-Nimbus, doch der dürfte nach der missglückten Stallregie von China zusammengeschmolzen sein. Mit anderen Worten: Vettel hat sich blamiert, Ferrari hat sich blamiert – das wird Prügel geben in den heimischen Gazetten. Weil sie am Anfang des Rennens Leclerc nicht zutrauten, dem zweiten Mercedes von Valtteri Bottas zu folgen, musste der junge Monegasse dem Stubenältesten Platz machen. Doch was Vettel aus dem Wechsel machte, den Leclerc nur zähneknirschend hinnahm, war nichts weiter als ein laues Lüftchen – und hatte nichts zu tun mit einem erfolgversprechenden Angriff auf Bottas, der am Ende Zweiter wurde, und Lewis Hamiton, der in China gewann.

Als Leclerc mitbekam, dass beim großen Teampartner nach dem unschönen Platztausch auch nichts voranging, fragte er über Funk bissig nach: „Ich weiß nicht, was wir hier machen, aber ich bin schneller.“ Vettel selbst führte die Sinnlosigkeit des Platzwechsels auf eigene Probleme zurück. „Ich konnte schneller fahren als Charles, aber als ich vor ihm war, hatte ich Schwierigkeiten, den Rhythmus zu finden“, gab er zu. Nicht zum ersten Mal in dieser Saison ist Vettel damit beschäftigt, das Auto zu verstehen. Das wirft in der aufgeregten Formel-1-Branche natürlich sofort die Frage auf, ob der 31 Jahre alte Rennfahrer noch gut genug ist für große Dinge wie sen angepeilten fünften Titel.

Auf Irrfahrt

Beim vergangenen Rennen befand sich sein Teamkollege Leclerc auf dem Podest – während sich Vettel mit einem Dreher auf Irrfahrt befand. Diesmal wäre der 21-Jährige wohl wieder vor seinem Kollegen gewesen, hätte man ihn gelassen. „Wenn er wütend ist, dann hat er das Recht dazu – das müssen wir akzeptieren“, sagte der Ferrari-Teamchef Mattia Binotto, der „nachvollziehen“ konnte, wie sich Leclerc fühlte. „Es war schade für ihn, aber vielleicht ist es nächstes Mal zu seinem Vorteil“, meinte Binotto noch und deutete damit an, in der Stallorder-Frage künftig für so etwas Ähnliches wie Gerechtigkeit aufkommen zu lassen. Hat Vettel seinen Kredit verspielt? Der Monegasse Leclerc schaut zwar immer wie ein Engel, doch tief in ihm drin steckt ein selbstbewusster junger Mann, der weiß, was er will – und vor allem was er kann. Man könnte es mit ihm in der ersten Reihe durchaus mal probieren.

Ferrari präsentiert sich trotz des Leistungsvorteils von 40 PS in einem Zustand, den sie in Italien als „Götterdämmerung“ bezeichnen. Die Speed stimmt mittlerweile ebensowenig wie die Balance zwischen quengelndem Newcomer und schwächelndem Champion. Bis in Maranello jedes Rad ins andere greift, macht sich Mercedes vermutlich auf und davon – so wie in China.

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