Oliver Mirkes führt seine Teilnehmer viele Treppen hinauf und hinunter. Foto: Benjamin Schieler

Ein Rundgang über die Stuttgarter Stäffele offenbart unbekannte Ecken der Landeshauptstadt. Insgesamt rund 800 Stufen haben die Teilnehmer von Oliver Mirkes Führung am Ende bewältigt.

S-Süd - Mit Else Himmelheber fängt alles an. Es ist etwa 17.15 Uhr, als der Stäffelesführer Oliver Mirkes den ersten Schritt macht und über die frühe Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus spricht. Himmelheber, an die auch ein Stolperstein vor ihrem einstigen Wohnhaus in der Adlerstraße erinnert, wehrte sich auf ihre Art gegen eine Instrumentalisierung durch Heinrich Himmler, der sie, die blonde Kommunistin, begnadigte: Sie färbte sich die Haare schwarz. Die Stuttgarter Stäffelestour führt Teilnehmer mit Bereitschaft zum Oberschenkeleinsatz aus dem Kessel in die (Halb-)Höhe. Taschenlampen braucht es dafür eigentlich keine. Nun sind die Stäffelesrutscher aber auch abends unterwegs und spazieren vom Marienplatz auf die verlassene Karlshöhe und wieder zurück. Ziel: die Emotionen einer erleuchteten Großstadt einzufangen.

Visuelles Empfinden soll im Vordergrund stehen

Oliver Mirkes weiß auf dem Weg viel zu erzählen: über Else Himmelheber, über den 1899 von den Herren Daimler, Maybach und Bosch gegründeten Württembergischen Automobilclub an der Mörikestraße, über die Volksschauspieler und Komiker Willy Reichert und Oscar Heiler, denen ebenfalls je eine Staffel gewidmet ist, über Industriellenvillen und über den Trollinger vom städtischen Weingut. Doch das Informative taucht eher unter im Schatten der Nacht. Mirkes geht es um die Stimmung. „Das visuelle Empfinden soll bei dieser Führung im Vordergrund stehen“, sagt er und schweigt, als seine Begleiter durch das orangefarben schimmernde Licht der Laternen marschieren.

Der neckische Begriff der Stäffelesrutscher verfolgt Mirkes schon, seitdem er ein kleiner Junge war. Fotos aus dem Herbst 1970 zeigen ihn im Sonntagsanzug inmitten einem der Weinberge, in denen die Geschichte der mehr als 400 Treppenanlagen der Landeshauptstadt einst begann. Es brauchte aber seine Zeit, bis Mirkes selbst zu einem Leidenschaftlichen wurde, bis er die Stäffele, die er „schön alt und schön scheps“ nennt, richtig zu schätzen lernte. Seit 2012 bietet der Wanderbegeisterte rund um den Kessel Stäffelestouren an. Als er im Rahmen der Stuttgart-Nacht im vergangenen Jahr erstmals durch die Dunkelheit schritt, war der Andrang so groß, dass er die Führung in sein Dauerprogramm aufnahm.

Rund 800 Stufen bewältigen die Teilnehmer

Fragt man ihn heute, was seiner Ansicht nach den Charme dieser Stuttgarter Besonderheiten ausmacht, muss er erst einmal eine Weile nachdenken. Manche Schönheiten ließen sich eben nur schwer in Worte fassen. „Die Stadt zu Fuß abseits des Trubels und des Verkehrs zu erleben und mit diesen Ausblicken belohnt zu werden, das ist toll“, sagt er dann.

Einen dieser Ausblicke genießen seine Begleiter bei der Nachttour auf der nur vom Mond beleuchteten Panoramaterrasse der Karlshöhe. Zehn Minuten verweilen sie dort und verfolgen, wie Lichter an und wieder ausgehen. Dann geht es weiter, auf die Brücke über den ehemaligen Steinbruch in der Parkanlage, die Humboldstraße, zum Schwabtunnel und die Hohenzollernstraße entlang zur Friedrich-E.-Vogt-Stäffele. 178 dem schwäbischen Mundartdichter gewidmete Stufen geht es hinunter in die Tannenstraße, insgesamt rund 800 haben die Teilnehmer der Führung letztlich bewältigt, als sie wieder auf dem Marienplatz stehen, der Insel im Verkehr und im Trubel, die Ausgangs- und Endpunkt ist.

Bis Ende März will Mirkes die Führung alle zwei Wochen anbieten. Und weil er notgedrungen mit der Zeit gehen muss, genauer: mit der später eintretenden Dämmerung, beginnt die nächste Runde am Donnerstag, 23. Januar, um 17.30 Uhr.

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