2023 gehen drei Städte als Europäische Kulturhauptstädte an den Start: das griechische Elefsina, das rumänische Temeswar und das ungarische Veszprém. Wir stellen die drei Orte vor.
Das war Künstlerpech: Die Kulturhauptstädte der vergangenen drei Jahre hatten nicht viel von diesem Ehrentitel, weil wegen der Coronapandemie etliches nicht möglich war und die Besucher sich zurückhielten. Hoffentlich geht es den Titelträgern des kommenden Jahres besser. Es werden wie 2022 wieder drei sein: das griechische Elefsina, das rumänische Temeswar und dazu das ungarische Veszprém, das – ein Novum – mit dem benachbarten Balaton als Region auftritt. Was gibt es bei den dreien zu sehen? Wir sind schon mal vorausgereist.
Elefsina: Griechenlands Aschenputtel
Eine triste Industriebrache wird Europas Kulturhauptstadt: Wie im Märchen vom Aschenputtel soll Elefsina (das altgriechische Eleusis) zur strahlenden Prinzessin werden. Bislang kennt man den Industrievorort 30 Kilometer westlich von Athen aus zwei Gründen: wegen der großen Vergangenheit und des heutigen Schiffsfriedhofs. Im Golf von Salamis, wo 480 vor Christus in der ersten entscheidenden Seeschlacht der Geschichte die Griechen die Perser schlugen, verrotten heute Dutzende halb versunkene Schiffe.
Am Stadtrand mit bestem Seeblick lassen sie sich von den Ruinen von Eleusis aus besichtigen. Knapp 2000 Jahre lang, bis 362 nach Christus, wurde dort der Mysterienkult zu Ehren der Göttin Demeter gepflegt. Die Teilnehmer mussten ewiges Schweigen geloben, deshalb weiß man kaum Details. Die Priesterinnen verkündeten wohl Heilsvisionen, es wurden Feuer entfacht und rituelle Gesänge inszeniert. Obwohl heute nur noch ein paar Säulen stehen, die mit den Fabrikschloten der nahen Zementfabrik kontrastieren, lässt die Stätte doch noch das Geheimnisvolle in den Ritualen erahnen.
Im heutigen Kulturleben der Stadt ragt vor allem das seit mehr als 40 Jahren bestehende Festival „Aischylia“ heraus. Und nun also Europa: „Euphoria“, Euphorie, ist der Titel des Kulturjahrs. „Wir formen den Übergang“, heißt das Motto. Tatsächlich geht es darum, verlassene Grünanlagen wieder aufzuwerten und mit Theater, Konzerten sowie Festivals in die Gassen der Wohngebiete zu gehen und dort neue Lebensfreude zu starten. Der ganze Ort soll mitmachen und sich mit Kunst von Street-Art bis zur griechischen Tragödie am Schopf aus dem Sumpf ziehen.
Veszprém: Stadt mit Strandanschluss
Der Erzbischof hat ein Einsehen. In ein paar Wochen soll das hohe Gerüst abgebaut sein, hinter dem sich die Burg hoch über Veszprém wegen einer umfangreichen Renovierung verstecken muss. Denn 2023 darf sich die kleine ungarische Universitätsstadt mit dem Titel Kulturhauptstadt schmücken. Veszprém repräsentiert rund 220 andere kleinere Kommunen in der Region Balaton-Bakony, in der 2023 ein künstlerisch anspruchsvoll kreatives, wenngleich regional überschaubares Programm auf die Beine gestellt werden soll.
Die hübsche Kleinstadt ist malerisch auf fünf Hügeln erbaut. Trotz des aufwendig restaurierten Zentrums dürfte das deutsch Weißbrünn genannte Veszprém deutlich weniger Menschen bekannt sein als sein Umland. Der Balaton – zu Deutsch Plattensee – ist schließlich Ungarns Urlaubsbadewanne Nummer eins und auch bei Deutschen sehr beliebt. So werden viele Besucher im kommenden Jahr Strand- und Kultururlaub miteinander verbinden. Ein Muss-Ausflug führt zudem zur Porzellanmanufaktur Herend, die mit Meissen und Royal Copenhagen zu den bedeutendsten weltweit zählt.
Frida Mika, die Programmdirektorin, sagt es so: „Unser Schwerpunkt liegt auf dem sozialen Diskurs – von der Klimakrise bis zur Stärkung lokaler Kulturgemeinschaften. Die Aktivitäten sollen den Namen der Stadt im europäischen Bewusstsein etablieren.“ Am Ende des Entwicklungsprozesses soll eine spannende und besonders anspruchsvolle Kulturlandschaft entstehen.
Ein kulturelles Netzwerk aus dem Engagement vieler lokaler Gemeinschaften geknüpft. Immerhin machen rund 120 der 220 Kommunen vor Ort mit. Wer sich Veszprém anschauen will, braucht dazu kaum mehr als zwei Tage. Die haben es in sich: Der Feuerturm und das Burgviertel, die Fenyves-Mühle, die anspruchsvolle Laszlo-Vass-Sammlung, die Basilika, viele kleine schöne Geschäfte – alles lässt sich in kurzen Etappen gut zu Fuß (wenn auch rauf und runter) erobern.
Und auch die, die zum Film- oder Tanzfestival im Mai und Juni anreisen, zum internationalen Auer-Festival mit klassischer Musik im August oder zum Operettenfestival im Juli kommen, werden ihre Übernachtungen eher in der näheren und weiteren Umgebung suchen müssen. In Veszprém selbst gibt es kaum mehr als 300 Hotelbetten.
Temeswar: Tarzans Heimat
In Temeswar setzt man andere Akzente. Im Opernhaus am Ende des Freiheitsplatzes, wo im Dezember 1989 die Revolution gegen die Ceausescu-Diktatur ihren Anfang nahm, steht Rudolf Herbert. Am anderen Ende des Platzes beherrscht die große serbisch-orthodoxe Kirche die Szene, in ihrem Schatten ein Denkmal mit den Namen der 56 Toten und Vermissten. Deren Asche war von den Schergen des stürzenden Diktators in die Bukarester Kanalisation gestreut worden. Der deutsche Bürgermeister Dominik Fritz sagt: „Temeswar ist rebellisch.“ Das Wort fällt oft. Dann fügt er hinzu: „Und träumerisch.“
Der berühmteste Sohn von Rumäniens drittgrößter Stadt ist Tarzan-Darsteller Johnny Weissmüller. Er erblickte am 2. Juni 1904 im Ortsteil Szabadfalu das Licht der Welt. „Klein-Wien“ wird der Ort nahe dem rumänisch-serbisch-ungarischen Dreiländereck oft genannt. Im 18. Jahrhundert von den Habsburgern gegründet, hört man in Temeswar heute noch viel Deutsch mit Wiener Dialekt. Viele sprechen auch aus einem anderen Grund Deutsch: Dies war einst Hauptstadt des Banat – Heimat der Donauschwaben. Die Österreicher haben prächtige Jugendstilbauten hinterlassen. Einst war die Stadt Motor des Fortschritts: 1884 erstrahlte in Temeswar die erste elektrische Straßenbeleuchtung Europas.
Temeswar beherbergt als einzige europäische Stadt drei Staatstheater in drei Sprachen: Ungarisch, Rumänisch, Deutsch. „Wir sind zwar jetzt europäische Kulturhauptstadt“, erklärt Ioan Coriolan Garboni, der zuständige Unterstaatssekretär im Kulturministerium, aber es gehe vor allem um Stadtentwicklung neben der Kultur. „Um uns. Temeswar ist eine unglaublich dynamische Stadt“, schwärmt der OB. Aber auch das sei klar: „Wir werden 2023 kein Mordsfeuerwerk abbrennen.“ Es gehe um ein langfristiges kulturelles Ökosystem und nicht um die Platzierung von Zirkusnummern.
Info: Kulturhauptstädte
Elefsina
: https://2023eleusis.eu/en/ ; http://ecoc2023.culture.gr/. Temeswar
: https://timisoara2023.eu/en; www.temeswar.info.
Veszprém
: https://veszprembalaton2023.hu/en; www.veszpreminfo.hu.