Sagt man Jugendstil, meint man Prag. Oder Wien. Oder Paris. Dabei war auch die Mathildenhöhe in Darmstadt eine Hochburg der Jugendstilbewegung.
Darmstadt - „Eine Stadt müssen wir erbauen, eine ganze Stadt! Alles andere ist nichts!“, sagte der Wiener Joseph Maria Olbrich, einer der treibenden Kräfte der Darmstädter Künstlerkolonie um 1900, zu der sich Paul Bürck, Patriz Huber, Hans Christiansen und andere gesellten, Multitalente, Architekten, Maler, Bildhauer und Kunsthandwerker in einem. Förderer der Künstlerkolonie war Großherzog Ernst Ludwig. Er spürte: In Darmstadt ging es um mehr als um das Design einer Untertasse. Es ging um die Gestaltung einer neuen Lebenswelt.
Anfang des 20. Jahrhunderts galt die Mathildenhöhe deshalb als Tempel der Architektur. Sogar Walter Gropius, Mies van der Rohe und Le Corbusier holten sich von dort Inspirationen. Und wenn Olbrich schon eine ganze Stadt erbauen wollte, fing er mit seinem eigenen Haus 1901 an, in dem er bis zu seinem Tod 1908 lebte. Olbrichs Wohnhaus am Alexandraweg 28 wurde wegen Kriegsschäden vereinfacht wiederaufgebaut.
Jugendstil-Juwel Darmstadt
Art nouveau hieß es in Frankreich, Sezession in Österreich und dem heutigen Tschechien, Modernismo in Spanien, Stile Floreale in Italien, Jugendstil in Deutschland. Und in Europa gehört Darmstadt bis heute zu den besten Orten, Jugendstil zu begreifen. Schließlich ging es um nicht weniger als die Verschmelzung von Kunst und Leben, also um die Wiedereinbeziehung der Kunst ins Alltägliche.
Das Ensemble auf der Mathildenhöhe ist das Wahrzeichen der Stadt, Jugendstilgebäude, die sich um den Hochzeitsturm gruppieren, von dem man auf einer Aussichtsplattform in 33 Meter Höhe einen schönen Ausblick hat. Der Turm wurde bis 1908 zur Erinnerung an die Hochzeit des Großherzogs mit Prinzessin Eleonore errichtet. Er hat sieben Stockwerke mit Bibliothek sowie Zimmer für Großherzog und Großherzogin. Der Architekt hieß Josef Maria Olbrich, der 1899 von Ernst Ludwig in die Künstlerkolonie berufen wurde.
Der insgesamt 48 Meter hohe Turm aus Backstein ist ein recht exzentrisches Gebilde mit um die Ecken geführten Fensterbändern und einem eigenwilligen Abschluss mit fünf Bögen, die anmuten, als seien sie Wellen. So sieht es von der Seite aus. Steht man dagegen frontal vor dem Gebäude, erkennt man eine Hand und ihre fünf Finger. Heute kann man im Turm heiraten.
Vorschlagsliste Deutschlands für das Unesco-Welterbe
Im Museum Künstlerkolonie wird der Aufbruch dokumentiert. Gezeigt wird ein Querschnitt der entstandenen Werke aller 23 Künstler von der Gründung 1899 bis zur Auflösung 1914, vom Turmentwurf bis zum Design einer Untertasse, die schließlich ein Teil des Gesamten ist. Seit 2019 steht die Mathildenhöhe auf der offiziellen Vorschlagsliste Deutschlands für das Unesco-Welterbe.
Kurz ein Vergleich: Der Gang durch die Prager Kopfsteinpflastergassen ist wie ein Gang durch scheinbar frisch renovierte Jahrhunderte und Kulturen, wie ein fröhliches Blättern in literarischen Werken und Kompositionen sowie ein faszinierender Streifzug durch das Lehrbuch der europäischen Baukunst, auch in Sachen Jugendstil. Häuser und Paläste, Kirchen und Türme sind die steinernen Zeugen. Die Gebäude, ob bekannt oder unbekannt, geben der Innenstadt einen geradezu musealen Charakter. Keine Frage: Das kann Darmstadt nicht bieten. Aber ein Besuch – abseits der Mathildenhöhe – im 1909 erbauten Darmstädter Stadtbad gibt eine neue Perspektive.
Ein eigenes Gotteshaus für Zar Nikolaus II.
Das Jugendstilbad bot einst noch getrennte Schwimmhallen für Frauen und Männer sowie Wannen- und Duschbäder für die Teile der Bevölkerung, die keine Badezimmer hatten. Heute erfreut es nicht nur mit seinem Dekor, sondern auch mit seinen Angeboten. Aus dem Schwimm- und Wannenbad wurde ein Wellnesstempel mit Pools, Spa-Angeboten und Saunalandschaft auf zwei Ebenen: mit Hamam sowie mehreren Saunen mit 95 Grad über die japanische Rosensauna mit 65 Grad bis zum römisch-irischen Dampfbad mit 45 Grad. Dazu kommen Aktionen wie die Mitternachtssauna mit Aufgusskreationen von 22 Uhr bis 2 Uhr morgens
Zurück zur Mathildenhöhe, wo man sich wundert, warum auch eine schöne russische Kapelle zum dortigen Architekturensemble gehört. Wie ein Fremdling zwischen den Jugendstilgebäuden wirkt sie auf den ersten Blick. Aber der russische Zar Nikolaus II. heiratete die Darmstädter Prinzessin Alexandra und wünschte während der Besuche ein eigenes Gotteshaus.
In der 1899 mit blattgoldbelegten Turmkuppeln und bunt bemalten Kacheln erbauten Kirche finden bis heute orthodoxe Gottesdienste statt. Der Zar ließ sie auf importierter russischer Erde errichten und die Jugendstilbewegung integrierte das Kirchlein 1914 mit der im Jugendstil erbauten Brunnenanlage Lilienbecken. „Eine Stadt müssen wir erbauen, eine ganze Stadt! Alles andere ist nichts!“, sagte Olbrich schließlich. Und da gehören auch Kirche und Brunnen dazu.
Info: Anreise
Mit dem Auto über die A 8 und die A 5 nach Darmstadt. Mit dem Zug nach Frankfurt, dann weiter mit der S-Bahn.
Unterkunft
In unmittelbarer Nähe befindet sich das Boutiquehotel Mathildenhöhe mit 22 komfortablen Zimmern ab 100 Euro. Bunt, stylish und günstig ist das Moxy in der westlichen Innenstadt. DZ ab 65 Euro. Wer es luxuriöser haben möchte, wählt das 4-Sterne-Hotel Maritim, 2,7 Kilometer von der Mathildenhöhe entfernt, DZ/F ab 120 Euro.
Essen und Trinken
Das Shiraz mit persischer Küche gehört sicher zu den besten Restaurants seiner Art in Hessen. Hessisch-deutsche Gerichte gibt es im Apfelweinlokal Bembelsche.