Oft wirkt die EU weit entfernt vom bürgerlichen Leben. Doch es gibt im Landkreis Göppingen einige Projekte, die das größte Friedensprojekt der Welt ganz persönlich werden lassen.
Die Europäische Union ist ein Friedensprojekt, das angesichts zunehmender globaler Konflikte wichtiger denn je erscheint. Und doch wirkt die EU oft sehr weit entfernt vom alltäglichen Leben der Bürgerinnen und Bürger. Ein Gegenentwurf zu diesem Verdruss sollen Städtepartnerschaften darstellen. Sie sollen Frieden persönlich machen, und zwar durch persönliche Begegnungen – und im Kreis Göppingen gibt es einige Beispiele, wie Europa Freundschaften ermöglicht.
„Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte die Initiative die aufgerissenen Wunden in Europa heilen“, sagt Heike Rapp, Partnerschaftsbeauftragte der Stadt Eislingen. Sie koordiniert die Partnerschaften zu Villány (Ungarn) und Oyonnax (Frankreich). Aussöhnung und Sicherung der friedlichen Beziehungen seien die obersten Ziele gewesen und sollten durch persönliche Begegnungen der Bürgerinnen und Bürger untereinander erreicht werden. Lange Zeit habe man sich in der Sicherheit gewogen, diese Ziele mehr oder weniger erreicht zu haben, sodass das Konzept der Städtepartnerschaften manchmal als nicht mehr zeitgemäß empfunden wurde. Doch Rapp mahnt an: „Toleranz verliert an Aktualität, heute ist es sogar aktueller denn je.“
Durch persönliche Kontakte lernt man Land und Leute kennen
Die Infrastruktur und offene Grenzen ermöglichen Bürgern mittlerweile, einfach und unkompliziert touristische Reisen ins europäische Ausland zu unternehmen. Doch solche Urlaube seien nicht zu vergleichen mit einer Partnerschaft. Denn Land und Leute lernt man über gegenseitige Besuche richtig kennen, wohnt sogar mit ihnen für die Zeit des Besuchs zusammen. Über die Zeit hätten sich so enge Freundschaften entwickelt, berichtet Rapp. Trotz so mancher Sprachbarriere, versichert sie. „Man spricht mit Händen und Füßen und ich kann Ihnen sagen: Das klappt!“
Das sagt auch Reinhard Deinfelder. Der Rentner ist Mitglied im Verein „Europabaum“, der die Partnerschaften der Stadt Donzdorf pflegt. Eine Partnerschaft besteht nach Riorges (Frankreich) und eine weitere nach Calasparra (Spanien) und eine nach Neusalza-Spremberg in Sachsen. Das Besondere an Donzdorf ist, dass sie jedes Jahr ein Jugendprojekt zusammen organisieren. In diesem Zusammenhang kommen Schüler aus Deutschland, Spanien und Frankreich zusammen. Jedes Jahr ist eine andere Stadt als Gastgeber an der Reihe. Die Schüler erarbeiten verschiedene Themen, die teils vom europäischen Bildungsprogramm Erasmus, teils vom Verein selbst vorgegeben werden. „Unsere Arbeit ist Friedensarbeit“, sagt Deinfelder. „Der Krieg mag zwar seit über 70 Jahren vorbei sein, aber etliche Menschen haben Angehörige in Dachau verloren.“ Dann ergänzt er noch: „Der Wind für Europa speist sich aus Menschen, die etwas dafür tun.“
Die Stadt Göppingen hat eine Partnerschaft, die in den Osten führt, dazu kommen drei im europäischen Ausland: Sonneberg in Thüringen, Foggia in Italien, Pessac in Frankreich und Klosterneuburg in Österreich. Die Arbeit ist dabei vielfältig. Die Partnerschaft mit Foggia stellt beispielsweise die gemeinsame Historie in den Fokus ihrer Arbeit. Die Stauferfamilie verbinde die beiden Städte, der Enkel von Barbarossa sei dort durch verschiedene Bauten sehr präsent, erzählt Martin Mundorff, Archivar am Stadtarchiv Göppingen und Mitglied im Arbeitskreis Foggia. Zudem organisiert der Arbeitskreis verschiedene Austausche, Stipendien, Besuche und Veranstaltungen.
Für nächstes Jahr ist ein Bierfest in Pessac geplant
Genauso wie die Partnerschaft mit Pessac, die Annemarie Schewe vom Verein „Freunde Göppingen-Pessac“ koordiniert. In diesem Jahr organisiert der Verein wieder ein Weinfest im Schulhof der Uhland-Schule (28./29. Juni) mit Spezialitäten der Partnerstadt. Im Jahr darauf findet dann ein Bierfest in Pessac statt. Doch der demografische Wandel mache sich auch hier bemerkbar. Deswegen will Schewe neue Projekte voranbringen, etwa Sportkooperationen im Handball oder Fußball. Schewe ist pensionierte Französisch-Lehrerin, die Arbeit des Vereins ist ihr ein persönliches Anliegen. Ein Satz von ihr fasst das Prinzip Europa am Ende gut zusammen: „Ich habe echte Freunde in Pessac.“ Frieden durch Freundschaft.
Deutsch-deutsche Verbindungen fördern
Verbindungen
Mehrere Gemeinden pflegen auch Partnerschaften in die ehemalige DDR. Mühlhausen beispielsweise organisiert Austausche nach Gaierswalde in der Lausitz. Oft gehe die deutsch-deutsche Partnerschaft unter, dabei sei sie genauso bedeutend für die Entwicklungen in Europa, sagt Bürgermeister Bernd Schaefer. Dabei sei die Partnerschaft mit Gaierswalde sehr lebendig. Vereine, Feuerwehren und die Bevölkerung organisierten viel eigenständig, die Gemeinde unterstütze das durch offizielle Veranstaltungen und finanzielle Zuschüsse. Im August findet ein Ferienaustausch in Gaierswalde statt. „Da wächst eine komplett neue Generation nach“, sagt Schaefer.
Europa-Union
Dieser Artikel kam durch eine Zusammenarbeit mit der Europa-Union Deutschland zustande. Die Organisation ist eine Bürgerinitiative, die sich unabhängig und überparteilich für Europa organisiert. Daniel Frey aus Heiningen ist Vorsitzender im Landkreis Göppingen: „Ich bin bekennender Europäer und der festen Überzeugung, dass Europa vor allem vor Ort erlebbar ist und wird.“ Städtepartnerschaften seien daher heute so wichtig wie eh und je, denn hier werde Europa für die Menschen greifbar und Kommunen könnten voneinander lernen.