Andrea Faller, Ingrid Albicker, Stephanie Day, Renate Hertler, Werner Albicker, Pauline Boldison und Sarah Faller (von links) stoßen mit Tee aufeinander an. Die Engländer aus Selby und die Deutschen aus Filderstadt besuchen sich regelmäßig gegenseitig. Foto: Horst Rudel

Am Donnerstag finden die vorgezogenen britischen Unterhauswahlen statt. Im Vorfeld dieser Abstimmung üben Filderstadt und Selby den Schulterschluss. Beide Seiten wollen auch im Falle eines EU-Austritts weiter aneinander festhalten.

Filderstadt - Bitte erwähnen Sie nicht das B-Wort. Das Land ist sehr gespalten“, sagt Pauline Boldison. Die Engländerin aus Selby ist zu Gast bei Freunden der Partnerstadt Filderstadt und nippt an ihrem Tee. Das B-Wort, von dem sie spricht, ist der Brexit. Viele Briten sind es längst leid, über den beim Referendum im Juni 2016 beschlossenen Austritt ihres Landes aus der Europäischen Union zu sprechen. Und doch ist das Thema auch beim Besuch der Delegation aus Selby in Filderstadt präsent – umso mehr als durch die Neuwahlen des britischen Unterhauses am 12. Dezember eine wichtige Weichenstellung unmittelbar bevorsteht.

Brexit-Befürworterin wackelt in ihrer Überzeugung

Vor dreieinhalb Jahren sei sie vom Brexit noch überzeugt gewesen, sagt Pauline Boldison. Die Auflagen und Vorschriften aus Brüssel, eine überbordende Bürokratie – all dies habe sie dazu bewogen, dass es besser wäre, wenn das Königreich aus der Union ausscheiden würde. Inzwischen sei sie sich aber längst nicht mehr so sicher. „Ich bin unentschieden“, sagt sie. Das Problem damals: Die Argumente der Befürworter eines Verbleibs in der EU hätten nicht so viel Gehör gefunden wie jene der Austrittswilligen.

„Politiker haben gelogen. Es gab nicht genügend Informationen, um eine richtige Entscheidung zu treffen“, bemängelt Andrea Faller. Sie ist ebenfalls dabei auf dem privaten Besuch und freut sich, gemeinsam mit ihrer Tochter Sarah und ihrer künftigen Schwiegertochter Stephanie Day einige Tage mit ihren deutschen Freunden, den Filderstädter Familien Albicker und Hertler, zu verbringen.

Junge Engländer sind gegen einen EU-Austritt

Die Fallers sind Brexit-Gegner und würden die Entscheidung am liebsten rückgängig machen. „Leider steht das nicht in unserer Macht“, sagt Andrea Faller aus Selby, deren Mann seine Wurzeln im Schwarzwald hat. Gerade unter der jüngeren Generation werden die Austrittspläne kritisch gesehen – so auch von Sarah Faller und Stephanie Day. Letztere junge Frau ist im nationalen Gesundheitsdienst beschäftigt. Sie erwartet unter anderem weiter steigende Medikamentenpreise infolge eines tatsächlichen Brexits. Weiter verweist sie auf eine Studie der Bank Goldman Sachs, wonach das Drama um den Brexit Großbritannien bis jetzt bereits umgerechnet 100 Milliarden Euro gekostet hat. „Es ist eine Verschwendung von Geld, von Zeit und von Ressourcen“, bilanziert Stephanie Day.

Die deutsch-britische Freundschaft zwischen Filderstadt und Selby soll selbst im Falle eines Brexits nicht leiden. Nach dem Motto „Jetzt erst recht“ wollen beide Seiten an ihr festhalten. „Wir haben keinerlei Absichten, die Partnerschaft aufzugeben“, bekräftigt Pauline Boldison. „Es ist jetzt umso wichtiger, dass man die persönlichen Kontakte pflegt“, pflichtet ihr Ingrid Albicker, die zweite Vorsitzende der Deutsch-Britischen Gesellschaft Filderstadt, bei.

Gegenseitige Besuche sollen auch Reisebarrieren trotzen

Im jährlichen Wechsel reist eine Delegation zum Austausch in die jeweilige Partnerstadt. Im September war eine 28-köpfige Gruppe aus Filderstadt in Selby, nächstes Jahr steht der Gegenbesuch der Freunde aus der nordenglischen Region Yorkshire an. Seit 20 Jahren besteht jetzt die Partnerschaft, die das gegenseitige Verständnis für unterschiedliche Lebensarten fördern und Sprachbarrieren abbauen soll. Außer dem jährlichen Besuch gibt es aber auch – so wie jetzt geschehen – private Besuche im kleineren Rahmen. Auf dem Programm standen bis zum Donnerstag unter anderem Besuche in Stuttgart, Ulm, Schorndorf und Esslingen an. Die Weihnachtsmärkte hier üben einen großen Reiz auf die Gäste aus England aus.

Die gegenseitigen Besuche sollen nicht abreißen. Dieses Bekenntnis steht auf beiden Seiten des Kanals. Auch wenn es zu Behinderungen im Reiseverkehr kommen sollte, etwa durch die Einführung einer Visa-Pflicht nach einem Brexit, und auch im Falle von höheren Ticketpreisen wird an eine Preisgabe der Freundschaft nicht gedacht. Mit dieser Haltung stehen Filderstadt und Selby nicht allein.

Esslingen und Nürtingen halten an Partnerschaften fest

Esslingen (Neath) und Nürtingen (Rhondda Cynon Taf) pflegen jeweils Partnerschaften zu walisischen Städten. Katrin Radtke, die im Esslinger Rathaus das Referat für Städtepartnerschaften zuständig ist, kann sich nicht vorstellen, dass ein Brexit die interkommunalen Beziehungen beeinträchtigen würde. Sollte es tatsächlich zu einem Austritt – geregelt oder ungeregelt – kommen, könnte dies sogar einen stärkenden Effekt auf die Partnerschaft zwischen den Städten haben, meint Katrin Radtke.

Nürtingen und Rhondda Cynon Taf sind bereits seit 51 Jahren verbandelt. „Alle sind sich einig, dass sich für uns und unsere Partner nichts ändern wird“, sagt der Nürtinger Städtepartnerschaftsbeauftragte Andreas Wallkamm. Und Rhondda Cynon Tafs Bürgermeister Steve Powderhill erklärte beim Jubiläumstreffen im vergangenen Jahr, dass er Brite und Waliser, in erster Linie aber Europäer sei.

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