Das Neubaugebiet Allmendäcker wird in einem zweiten Schritt um zusätzliche 360 Wohnungen wachsen. Foto: factum/Simon Granville

Die Stadt Sindelfingen müht sich um ein Konzept, das auch Mieten und Kaufpreise bremsen soll.

Sindelfingen - Zwei Kurven belegen den Fluch der Beliebtheit. 2011 hatte die Stadt Sindelfingen etwas mehr als 60 000 Einwohner. 2016 waren es erstmals mehr als 64 000. Die zweite Kurve biegt sich erheblich steiler in die Höhe. Sie verbildlicht, wie sich die Preise für Wohneigentum entwickelt haben. Neubauwohnungen sind 2016 in Sindelfingen für knapp 4000 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche gehandelt worden. Fünf Jahre zuvor kosteten sie etwas mehr als die Hälfte davon.

Das Problem hat die Stadt nicht allein. Wegen der Zuwanderung müsste Baden-Württemberg alle fünf Jahre eine Stadt der Größe Bochums bauen. Der Vergleich stammt vom Forschungsinstitut Prognos. Gemeint ist wohlgemerkt nicht die Zuwanderung durch Flüchtlinge, sondern die in den boomenden Arbeitsmarkt. Weil eben dies insbesondere für Sindelfingen gilt, schickt die Stadt sich an, für neue Bewohner neue Wohnungen zu schaffen. Dies verbunden mit der Hoffnung, dass die Kauf- und Mietpreise zumindest nicht mehr derart in die Höhe schnellen wie zuletzt.

Das Konzept ist schon zwei Jahre lang in Arbeit

Vor zwei Jahren hatte der Gemeinderat entschieden, die Verwaltung möge ein entsprechendes Konzept erarbeiten. Dabei „befinden wir uns auf den Mühen der Ebene“, sagt die Baubürgermeisterin Corinna Clemens. Was heißt: beim Erheben und Auswerten von Daten und weiteren Vorbereitungen. Jüngst hatte das Stadtplanungsamt einen Zwischenbericht vorgelegt. In dem ist vermerkt, dass aus jenen Mühen in naher Zukunft Sichtbares wachsen soll. Zuoberst betrifft dies das Neubaugebiet Allmendäcker II. „Anfang 2020 wird die Aufsiedlung mit 360 Wohneinheiten beginnen“, sagt der Planer Matthias Rothenbacher. Die Vorbereitungen dafür haben nicht erst vor zwei Jahren begonnen.

Auch in der Stadtmitte sollen zügig neue Wohnhäuser wachsen. Ein prominentes – weil ebenfalls lang diskutiertes – Beispiel dafür ist das Postareal nahe dem Marktplatz. Die Suche nach bebaubaren Lücken im Zentrum brachte ansonsten eine kurze Liste. Weshalb sich im Gemeinderat Kritik daran entzündet, dass größere Neubaugebiete die Stadtteile Darmsheim und Maichingen betreffen. Dort halte die Infrastruktur den Belastungen nicht stand. In Maichingen „droht der Kollaps“, meint der Christdemokrat Walter Arnold.

Die Zahl der Sozialwohnungen sinkt deutlich

Für Senioren, junge Familien, Alleinerziehende und Bedürftige soll ein eigenes „Sindelfinger Modell“ erarbeitet werden. Weil die Mietpreisbindung ausläuft, wird die Zahl der Sozialwohnungen bis Ende 2025 von 618 auf 496 fallen. Ersatz will die Stadt auch von Investoren einfordern. Wer mehr als 800 Quadratmeter Wohnraum schafft, soll verpflichtet sein, 20 Prozent der Wohnungen mindestens 20 Prozent unter der ortsüblichen Miete anzubieten. Wer sein Eigenheim baut, erfreut sich bis zu bestimmten Einkommensgrenzen zinsgünstiger oder gar zinsloser Darlehen aus dem Landesprogramm Wohnungsbau. In diesen Genuss kommt beispielsweise ein Dreipersonenhaushalt bis zu einem Jahreseinkommen von knapp 60 000 Euro. Diese Grenze liegt fast zehn Prozent über dem Durchschnittsverdienst im Land.

Bußgelder für unwillige Vermieter scheinen fragwürdig

Vermieter, die Wohnungen leer stehen lassen, möchte zumindest der Linke Richard Pitterle nach Stuttgarter Vorbild mit Bußgeld bestrafen. Deren Zahl hält die Baubürgermeisterin für vernachlässigbar. „Rechnerisch ist das Thema nicht vorhanden“, sagt Clemens, „wir haben eine Leerstandsquote unter drei Prozent.“

Inwieweit „der bunte Strauß von Maßnahmen“, wie Rothenbacher es nennt, tatsächlich die Mieten drückt, ist fraglich. Derzeit gilt vor allem die Baubranche als Preistreiber. Sie ließ sich allein 2018 ihre Leistungen 4,8 Prozent teurer bezahlen als im Jahr zuvor. Für 2019 ist ein Plus in ähnlicher Höhe vorausgesagt. Wären alle Prognosen korrekt, hätte die Stadt allerdings kein Problem mit dem Wohnungsmarkt. 2010 hatte das Statistische Landesamt vorhergesagt, dass die Einwohnerzahl binnen zehn Jahren unter 59 000 fallen wird.

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