Das veruntreute Geld hat der Angeklagte „verjuckt“, wie sein Verteidiger sagte. Foto: dpa-Zentralbild

Ein Finanzbuchhalter hat von 2015 bis 2018 rund 725 000 Euro veruntreut. Das Landgericht Stuttgart hat ihn am Freitag zu drei Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt.

Backnang - Das Landgericht ist weit unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft geblieben. Diese hatte fünfeinhalb Jahre Haft für einen 48-jährigen Angeklagten gefordert, der gestanden hatte, die Stadtwerke Backnang um 725 000 Euro gebracht zu haben. Drei Jahre und zehn Monate hielt die 18. Strafkammer am Freitag für angemessen, fünf Monate mehr als der Antrag des Verteidigers gelautet hatte. Die Vorsitzende Richterin Manuela Haußmann fand jedoch deutliche Worte in der mündlichen Urteilsbegründung.

Der veruntreute Geld verjuckt

„Sie haben in einem Betrieb gearbeitet, von dem wir hier den Eindruck gewonnen haben, dass dort ein sehr gutes Betriebsklima herrscht und Sie dort sehr angesehen waren. Dieses Vertrauen Ihrer Kollegen haben Sie verraten“, sagte die Richterin. Die Straftat der Untreue leite sich davon ab, dass jemand das in ihn gesetzte Vertrauen zu seinem Vorteil ausnutze.

In knapp drei Jahren hat der 48 -Jährige fast eine dreiviertel Million Euro aus den Konten der Stadtwerke Backnang auf seine eigenen überwiesen. „Ich zähle zu einer Personengruppe, die sicher kein geringfügiges Einkommen hat. Aber eine dreiviertel Million Euro anzuhäufen, das wäre für mich eine sehr sportliche Zahl“, rechnete die Richterin vor.

Vom Lebensgefährten ausgenutzt

Diesen Betrag hat der Mann „schlichtweg verjuckt“, wie es sein Verteidiger, der Rechtsanwalt Bernd Kiefer, ausdrückte. Neben zahllosen Bestellungen im Internet leistete sich der Angeklagte gute Autos, verreiste und zeigte sich großzügig im Stuttgarter Nachtleben. Die Champagnerrechnung eines Abends betrug 4400 Euro, wie ein Finanzermittler der Polizei herausfand.

Einen Lebensgefährten, den er im Internet kennengelernt hatte, versorgte er mit Limousinen, Handyverträgen und Unterstützung der Familie des Mannes im Ausland. Rund 100 000 Euro überließ er ihm, der ihn wahrscheinlich nur ausnutzte.

Die Kollegen waren völlig ahnungslos

Ausgenutzt habe der Angeklagte aber auch den Umstand, dass bei den Betriebsprüfungen sein Treiben nicht auffiel. Eigentlich habe er angenommen, bei der ersten aufzufliegen, hatte er am ersten Verhandlungstag geschildert. Doch auch die beiden folgenden Prüfungen brachten nichts zutage.

Solche Prüfungen zielten nicht auf „dolose“ – arglistige in der Fachsprache der Wirtschaftsprüfer – Handlungen ab, habe ihm der Chef der Gesellschaft gesagt, welche die Prüfungen gemacht habe, berichtete Markus Höfer, der Geschäftsführer der Stadtwerke, dem Gericht. Für ihn sei es bezeichnend, so der Verteidiger Kiefer, dass der Wirtschaftsprüfer das nur gesagt, aber nicht schriftlich festgehalten habe.

„Allerdings hat der Angeklagte das Geld veruntreut und sich schuldig gemacht“, betonte die Vorsitzende Richterin. Er solle sich nicht vormachen, man habe es ihm zu leicht gemacht. Dazu sei der 48-Jährige dann doch zu raffiniert vorgegangen.

Ein nicht alltägliches Geständnis

So hatte er extra Konten bei verschiedenen Banken angelegt, damit die häufigen Überweisungen nicht auffallen sollten. Das taten sie am Ende aber doch. „Ich war vollkommen von den Socken“, schilderte Höfer den Augenblick des Anrufs der Kreissparkasse. Dort hatte man den Verdacht gehegt, jemand wolle eventuell Geld waschen.

Das sofortige, umfassende Geständnis wog am Ende besonders zugunsten des Angeklagten. „In dem Prozess wäre genug Musik gewesen, um bis in den Sommer zu verhandeln“, so Kiefer. Sie könne sich nur an einen weiteren Fall erinnern, wo von Anfang an ein solch umfassendes Geständnis abgelegt worden sei, so die Richterin.

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