Foto: Roberto Bulgrin

Sie haben so ihre Eigenheiten – die alt eingesessenen Einwohner des Stadtteils Zell. Ein wenig Trotz weht immer noch durch die Straßen, der Zusammenschluss mit Esslingen war eine schwierige kommunalpolitische Eheschließung. Denn früher war vieles anders. Und für dieses „Früher“ ist die Geschichtswerkstatt da.

Esslingen-Zell - Alt trifft auf Neu. Vergangenheit auf Zukunft. Gestern auf Heute. Der ideale Platz für Werner Barth und Hans-Joachim Bosse von der Geschichtswerkstatt. Denn die Ortsmitte von Zell ist für sie Stadt gewordenes Anschauungsmaterial. „Hier ist früher der Bach offen durchgeflossen, es gab viele Brücken über das Gewässer und jede Menge Landwirtschaft“, erzählen beide und deuten auf den nun versteckten, verdolten Bach, der unter Beton nur ab und zu verschämt hervor plätschert: „Es hat sich eben vieles verändert.“ Macht nichts. Für die Vergangenheit und den Blick zurück gibt es ja die Geschichtswerkstatt. Ihr Job: „Die Pflege und Fortschreibung der Zeller Geschichte“, wie es Michael Paulsen als Vorsitzender des örtlichen Bürgerausschusses treffend formuliert.

 

Fast-Ehe mit Deizisau und Altbach

Ein bisschen Wehmut schwingt mit. Da drüben, nur wenige Meter von der Ortsmitte entfernt, war früher das Rathaus mit eigenem Bürgermeister – das Gebäude wird nun privat genutzt. Es gab ein Bürgerbüro in dem Stadtteil, in dem beispielsweise Ausweise beantragt werden konnten. Das wurde geschlossen. Und auch ein Ortschaftsrat hat mal existiert. Doch das Gremium wurde abgeschafft und durch den Bürgerausschuss ersetzt. Wehmut klingt mit. Die Eingemeindung im Zuge der Gemeindereform 1974 hat Zell arg gebeutelt. Eigentlich, berichtet Werner Barth, war ein Zusammengehen von Altbach, Deizisau und Zell angedacht gewesen. Doch dann kam alles anders. Die potenziellen Partner sprangen ab – und so ging es in Richtung Esslingen. Eine schwierige Hochzeit, eine arrangierte Vernunftehe, jedoch eine stabile Verbindung. Aber ein bisschen Trotz weht noch immer durch den Stadtteil: „Man lässt sich hier nicht alles gefallen. Und schon gar nicht von Esslingen“, fasst es Werner Barth zusammen.

Geschichte geht weiter

Und um ein Stück Zeller Unabhängigkeit geht es auch bei der Geschichtswerkstatt. Der ehemalige örtliche Schulrektor Ernst Goll hatte in den 1970er Jahren eine Stadtgeschichte, ein Heimatbuch, eine datengespickte Chronik verfasst – doch die endet naturgemäß eben in den 70er Jahren. Als daher das Stadtmuseum Esslingen sein Programm „Stadtgefährten. Viele Teile - eine Stadt“ auflegte, formierte sich 2017, vor gut 2,5 Jahren, ein kleiner, aber feiner Kreis in Zell, der sich der Lokalhistorie annahm. „Wir sind sechs, sieben Leute. Kein geschlossener Kreis, eher ein loser Zusammenschluss, der keine festen Vereinsstrukturen hat“, beschreibt Hans-Joachim Bosse die Geschichtswerkstatt. Einen wissenschaftlichen Anspruch hat sie nicht, dürre Faktenwiedergabe und trockene Datenforschung sind nicht ihr Ding.

Lockeres Themenkorsett

Die Mitstreiter wollen mit Geschichte unterhalten, Spaß am Lokalkolorit der Vergangenheit wecken, Populär-Interessantes dem Vergessen entreißen. In typisch Zeller Manier pflegen sie die Eigenständigkeit „ihres“ im 13. Jahrhundert gegründeten Ortes. Und die Eigenständigkeit der Mitstreiter. Ein festes Konzept, feste Vorgaben, feste Regeln gibt es nicht. Das Themenkorsett ist sehr locker geschnürt.

Menschliches am Rande

Jeder sucht sich seine Spielwiese – und bearbeitet sie nach seiner Manier. Beispiel: die vielen Häuser mit Schieferfassaden in der Kernstadt, aber auch in Zell. „Sie stammen von einem Zimmermann auf der Walz, der der Liebe wegen am Neckar hängen geblieben ist. In seiner Heimat gab es viele Schieferfassaden – und die hat er um 1890 auch in Esslingen gebaut“, weiß Hans-Joachim Bosse. Sein großes Thema sind aber Flüchtlinge und Menschen mit Migrationshintergrund. Dabei stieß er auf Schicksale, aber auch auf Skurriles, Ungewöhnliches, Amüsantes. Eine Anekdote am Rande: Ein Mann kam im Zuge des Wirtschaftswunders aus Griechenland nach Zell, ist hiergeblieben, gründete eine Familie. Der Sohn arbeitete bei Festo, übernahm eine Niederlassung in Athen und musste dort mühsam Griechisch lernen. Denn er beherrschte nur die deutsche Sprache.

Ausstellung ist geplant

Es menschelt. Und die Geschichtswerkstatt will es menscheln lassen. „Wir sind keine Profis“, betont Werner Barth. Quellen sind für ihn und seine Mitstreiter das Stadtarchiv, Zeitzeugen, ältere Zeller, Chroniken, eigenes Film- und Fotomaterial. Alle so recherchierten Beiträge werden auf die Homepage der Geschichtswerkstatt eingestellt – ein spannender Setzkasten in Sachen Historie, der zum Stöbern, Schauen und Reinschnuppern einlädt: „Hochwasser im Ort“ – „Zeller Kirchen“ – „Müllverbrennung in Sirnau“ – „Verkehr einst und jetzt“- „Neubaugebiet Egert“. Dazu Fotos und Videos. Bisher alles online. Doch auch etwas Analoges war geplant. Eine Ausstellung im Gewächshaus des „Blumenhauses Lang“. Mehrere Tage lang. Mit historischen Fotos, Plakaten, vielen Informationen und Filmchen. Corona hat es verhindert. Vorerst. Soll aber nachgeholt werden.

Spuren der Vergangenheit

Denn bei jedem Schritt durch das neue Zell entdecken Werner Barth und Hans-Joachim Bosse Spuren vom alten Zell. „Das ist wohl die letzte landwirtschaftlich genutzte Scheune im Stadtteil“, erklären sie, nachdem sie etwa 100 Meter die Bachstraße hinaufgegangen sind: „Da steht sogar noch ein Traktor drin.“ Ein bisschen Wehmut schwingt mit. Alt trifft auf neu in der Ortsmitte von Zell. Das Neue ist deutlich sichtbar. Und für das Alte ist die Geschichtswerkstatt da.

Kontaktdaten

Die Beiträge der Geschichtswerkstatt Zell am Neckar stehen unter https://www.zell-am-neckar.de/geschichtswerkstatt-zell. Wer Bilder, Berichte oder Begebenheiten über oder aus Zell hat, kann sich unter der Mail-Adresse geschichtswerkstatt@zell-am-neckar.de melden.