Landesbischof July (rechts) im Gespräch mit StN-Redakteur Martin Haar im Buchhaus Wittwer Foto: Leif Piechowski

  Religion nimmt im Leben vieler Menschen kaum noch einen Stellenwert ein. Die Zahl der Kirchenmitglieder und der Gottesdienstbesucher nimmt stetig ab. Umso wichtiger wird auch die Frage nach der Qualität des Gottesdienstes.

Stuttgart - Religion nimmt im Leben vieler Menschen kaum noch einen Stellenwert ein. Die Zahl der Kirchenmitglieder und der Gottesdienstbesucher nimmt stetig ab. Umso wichtiger wird auch die Frage nach der Qualität des Gottesdienstes. Schlechte Prediger und Predigten kann sich insbesondere die protestantische Kirche, in der das Wort im Mittelpunkt des Gottesdienstes steht, heute nicht mehr leisten.

Das weiß auch Landesbischof Frank Otfried July. „Die Sprachkultur hat sich verändert. In Zeiten von Twitter und Facebook sind es viele nicht mehr gewohnt, Predigten, die auf komplizierte Gedanken anspielen, zu hören“, sagt July am Samstag beim Stadtschreibtisch der Stuttgarter Nachrichten im Buchhaus Wittwer. Daher sei es „die größte Herausforderung, bei den Menschen mit veränderten Sprech- und Hörgewohnheiten“ wieder anzukommen. „Die Leute wollen weniger objektive Wahrheiten hören“, weiß der Landesbischof, „sie wollen hören, wie geht es dir als Prediger in deinem Leben mit dem, was du als Wahrheit ansiehst.“ Die Predigt müsse wieder mehr mit dem Alltag der Menschen zu tun haben.

Der evangelische Landesbischof hat dazu eine kleine Mustervorlage abgegeben. July hat im Radius-Verlag eine Predigtsammlung mit dem Titel „Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind“ herausgegeben. In diesen Predigten zu besonderen Anlässen, wie beispielsweise dem Trauergottesdienst nach dem Amoklauf in Winnenden und Wendlingen, versucht Frank Otfried July stets, seine „Worte wie Vögel zu entlassen“, damit sie in den Herzen und Köpfen der Zuhörer Nester bauen.

„Eine gute Predigt muss Bilder im Kopf entstehen lassen, Trost spenden und Zeitfragen mit biblischen Texten verknüpfen“, sagt July, „sie darf nicht zu abstrakt sein.“ Dies hatte früher auch Konrad Eißler als Stiftskirchenpfarrer geschafft. Wenn er sprach, strömten sonntags über 1000 Christen in die Stiftskirche, die damit eine Leuchtturmkirche für das ganze Land wurde. Konrad Eißler, der drei Tage an einer Predigt arbeitete, war auf diese Art auch eine Stimme der Stadtgesellschaft.

„Das waren selige Zeiten“, gibt July zu, stimmt aber nicht in den Chor der Kritiker ein, die diese Leuchtturmfunktion der Stiftskirche heutzutage schmerzlich vermissen. Dennoch sagt er: „Jeder Pfarrer muss daran arbeiten, wieder mit seiner Predigt bei Menschen anzukommen.“ So bleibe Kirche auch in Zukunft das, was sie aus Julys Sicht sein soll: „Eine wache Zeitgenossenschaft.“

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