„Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt“: Jaroslav Kalfar im Letna-Park über seiner Heimatstadt Prag Foto: Bernd Skupin

Der tschechisch-amerikanische Autor Jaroslav Kalfar erzählt in seinem gefeierten Debüt „Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt“. Ein Bummel quer durch seinen Roman und seine Heimatstadt Prag.

Prag - In was für Zeiten leben wir eigentlich? Beim Blick in die Gegenwartsliteratur lässt sich das nicht mit Bestimmtheit sagen. Gerne nämlich spielen Romane von heute in der Zukunft. Nicht weil es dort schöner wäre, sondern in der Regel, um zu zeigen, wie schlimm alles wird, wenn es immer so weiter geht. Verglichen mit manchen seiner Kollegen, hat der New Yorker Autor Jaroslav Kalfar nur einen kleinen Zeitsprung nach vorn gemacht, in den Frühling 2018, doch dafür trägt es seinen Helden um so weiter hinaus. Mit ihm beginnt an einem warmen Aprilnachmittag im kommenden Jahr „Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt“ (Tropen- Verlag, 22 Euro), wie sowohl der Titel wie die knappest mögliche Inhaltsangabe von Kalfars Debüt lautet, auf das in der angelsächsischen Welt wegen seiner überbordenden Fantasie galaktische Lobeshymnen angestimmt werden.

Begegnungen mit dem Märtyrer Jan Hus und der schönen Nixe Rusalka

Der Tscheche Jakub Prochazka bricht darin zu einer Mission im All auf, um eine mysteriöse Himmelserscheinung zu erkunden, entdeckt dabei aber vor allem, was in seinem Leben und der Geschichte seines Landes im Argen liegt. Und weil man von dort oben eine ziemlich weite Perspektive hat, begegnet man in dem nun auf Deutsch erschienenen Roman nicht nur außerirdischen Bewusstseinsformen, sondern durchmisst die kommunistischen und kapitalistischen Sphären der tschechischen Historie, bis tief in die mythische Ursuppe hinein, aus der sich die realen und erfundenen nationalen Lichtgestalten nähren, der Reform-Märtyrer Jan Hus oder die schöne Nixe Rusalka, die in Dvoraks gleichnamiger Oper so traurig den Mond ansingt.

An einem warmen Julinachmittag dieses Jahres steht man nun mit dem jungen Autor, der in dem amerikanischen Romancier Jonathan Safran Foer seinen Mentor gefunden hat, an der Stelle, an der sich das Raumschiff „Jan Hus 1“ untermalt von hymnischen Klängen der Tschechischen Philharmonie über die Türme der Stadt erheben soll. Kalfar verbrachte seine Jugend in Prag. Als die Eltern sich trennten, folgte er mit fünfzehn Jahren seiner Mutter in die USA. Und wer weiß, welchen Erfahrungen die Darstellung der kosmischen Einsamkeit in dem Roman ihre Überzeugungskraft verdankt. „Ich habe den Weltraum gewählt, nicht weil ich Science-Fiction schreiben wollte, sondern weil man nirgends so alleine ist, wie im All“, sagt der Autor, auf dessen Unterarm das große Tattoo eines Astronauten den existenziellen Zusammenhang mit seinem Buch markiert. In seine Heimatstadt ist Kalfar aus New York angereist, um an die Schauplätze des Romans zu führen, sofern sie im irdischen Umkreis liegen, versteht sich. Der hoch über der Stadt gelegene Letna-Park zählt gerade noch dazu.

In der Weite des Weltalls zu sich selbst finden

Es ist ein Sehnsuchtsbild, wie sich die goldene Stadt von hier aus zu beiden Seiten der Moldau vor dem Betrachter ausbreitet, umso mehr, wenn man die transatlantische Distanz hinzudenkt, aus der Kalfar darauf blickt – von der kosmischen des Romanhelden ganz zu schweigen. „Wir müssen weit gehen, wenn wir wissen wollen, wer wir sind“, sagt Kalfar, „mich hat der Weg nach Amerika geführt, Jakub musste ins Weltall reisen, um das Verhältnis zu seinem Vater zu durchschauen und zu erkennen, dass es um seine Ehe nicht zum Besten bestellt ist.“

Jakubs Vater war unter dem kommunistischen Regime ein Mitglied der Geheimpolizei, das sich nach der samtenen Revolution auf der Seite der Verlierer wiederfand. Wie die zu jeder vollen Stunde an der astronomischen Uhr auf dem Prager Rathausplatz vorbeiziehenden Figuren haben Täter und Opfer ihre Position gewechselt. Und doch bleibt die Vergangenheit präsent. „Die Frage der Kollaboration ist immer noch akut“, sagt Kalfar vor dem technischen Wunderwerk, das ähnlich dem Roman die Ortszeit mit dem Lauf der Gestirne verquickt. „Die Tschechen, waren diejenigen, die am schnellsten kapitalistisch werden wollten, doch anstatt nach vorn zu blicken, hadert man bis heute mit den Verstrickungen und weidet sich an Schuld und Scham.“

Jaroslav Kalfar verbindet Politik, Märchen und Trash

Quer über den angrenzenden Altstädter Ring rauscht eine Einheit behelmter Touristen auf Segways vorbei und unterstreicht in extraterrestrischer Fremdartigkeit den Geist der neuen Zeiten. Gleich um die Ecke hat Kafka gewohnt. Dass in der „Geschichte der böhmischen Raumfahrt“ ein sprechendes Insekt eine Rolle spielt, welches zudem noch den Namen des legendären Uhrmachers Hanus trägt, erklärt sich an diesem Ort wie von selbst. „Ich habe viel gelesen, neuere tschechische Literatur, seltsame Sachen, aber auch viel Amerikanisches, und ich liebe Science Fiction.“ In diesen Einflüssen spiegeln sich die unterschiedlichen Weltteile, die Kalfar geprägt haben. Und zwischen ihnen wuchert ein Stilmix mindestens so heterogen wie Segways vor gotischen Türmen. Nur wesentlich weitreichender. In imaginärerer Lichtgeschwindigkeit verbindet Kalfars Roman Politik, Märchen, Trash, die Geschichte einer scheiternden Liebe mit den ersten und letzten Dingen. Steven Spielberg trifft auf Bohumil Hrabal.

Wenige Straßen weiter steht das Haus, in dem der Autor als Kind gewohnt hat. Wo einst sein Kinderzimmer war, befindet sich nun ein schickes Café. Die traumatische Erfahrung, aus dem vertrauten Reich der Kindheit vertrieben zu werden, bleibt auch Jakub Prochazka nicht erspart. Was das Regime, dessen Büttel sein Vater war, mit ungerührter Grausamkeit an seinen Gegnern vollzog, fällt nach der Revolution auf die Familie zurück.

Die unerträgliche Schwerelosigkeit des Alls

„Ideologien ähneln sich, so gegensätzlich sie sind“, sagt Jaroslav Kalfar. Sicher kann man die sanfte Gewalt, in der die kapitalistische Marken-Welt das Stadtbild überformt, nicht mit der Brutalität vergleichen, die der Kommunismus zur Durchsetzung seiner Kollektivbeglückung mobilisierte. Touristische Heerscharen in Prager Straßen sind etwas anderes als russische Soldaten. Und doch ist es die zentrale Mission von Kalfars Himmelfahrtskommando, Abstand zu gewinnen von der fatalen Bereitschaft, sich für Ideen jedweder Art verheizen zu lassen und sein Leben im Dienst einer Sache zu opfern.

In der unerträglichen Schwerelosigkeit des Alls schärft dieser Roman den Sinn für das Gewicht des Lebens. „Ja, es gab noch etwas auf dieser Welt“, formuliert Jakub die Lehre seiner Expedition, „ich war durch das All gereist, ich hatte Wahrheiten ohnegleichen gesehen, und doch hatte ich in diesem Erdenleben noch fast nichts gesehen. Irgendetwas in der sterblichen Seele sehnt sich danach, alles und jedes in seinen unermesslichen Tiefen zu spüren.“

Die Karlsbrücke ist fest in asiatischer Hand. An Selfie-Sticks leuchtet der Abglanz des Lebens. Zu den Klängen eines Straßenmusikers ziehen auf der Moldau närrisch aufgemöbelte Tretboote ihre Runden, wie einst die Raumschiffe in Stanley Kubricks „Odyssee im Weltraum“ zum Donau-Walzer von Johann Strauß. Jaroslav Kalfar lehnt versonnen an der Brüstung und schaut ins Weite.

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