Egbert Dannenfeld fährt Evelin und Horst Gröbler durch die Innenstadt. Foto: Roberto Bulgri

Touristen werden durch die Stadt gefahren, und Bewohner erlangen den Touristenblick zurück: Egbert Dannenfeld fährt Kunden mit seinem Lastenrad durch Esslingen und erzählt dabei Geschichten der historischen Innenstadt.

Im Herzen Esslingens zeigt Egbert Dannenfeld auf den Adler am Rathaus und berichtet, dieser sei einst ein Zeichen des Reichtums, als er ganz zufällig von Evelin und Horst Gröbler angesprochen wird. Die beiden würden gerne mal auf seinem Lastenrad mitfahren und machen direkt einen Termin mit ihm aus. „Man kann bis zu 800 Jahren Geschichte hautnah erleben, wenn man sich mit offenen Augen durch die Stadt bewegt“, sagt Dannenfeld. Seit sechs Jahren kutschiert er auf seinem Lastenrad Kundschaft durch die Innenstadt. Im Frühjahr geht es für ihn wieder richtig los.

 

Auf seinen Fahrten zeigt er nicht nur Touristen die Stadt, er bietet auch Hochzeits- und Geburtstagsfahrten an und bringt Stammkunden mal zu einem Arzttermin. Dannenfeld selbst steht hinter seinem einzigartigen Beruf. Die Fahrten sind nicht nur nachhaltig, man erreiche auch mit dem Rad mehr Orte als mit üblichen Stadttouren. Die Liebe brachte Egbert Dannenfeld vor über zehn Jahren aus Norddeutschland nach Esslingen, er hatte also selbst den Blick durch die Touristenbrille. „Mein Job funktioniert nur, weil die Stadt so schön ist“, sagt er. Denn durch die Begeisterung von Touristen kam er darauf, die Stadt so zu zeigen, wie es vor ihm noch keiner getan hat. Der Tourguide vergleicht das Gefühl, mit dem Lastenrad zu fahren, mit den Gondeln in Venedig, da es durch die Federung auch auf Pflastersteinen die Gäste nicht durchschüttelt. Auch einen Motor besitzt das Gefährt. Gäste fühlten sich wohl bei ihm, und da die Chance groß ist, sich nie wieder zu sehen, schütten diese ihm auch mal ihr Herz aus. Auch für ältere Leute sehe er die Fahrten fast schon als Therapiemaßnahme, um mit Wind in den Haaren alte und neue Geschichten die Stadt zu erleben.

Erlebnisse mit Kunden und Kundinnen

„Die Fahrten bereichern die Gäste und mich auch.“ Dannenfeld berichtet von bewegenden und lustigen Erfahrungen mit Kunden. Ein Mann sprach ihn auf der Straße an und bat darum, durch die Stadt gefahren zu werden, um sein geparktes Auto wiederzufinden. Eine andere rührende Geschichte ist die einer Demenzkranken, die ihm bei einer Rundfahrt durch Esslingen noch genau sagen konnte, wo sie in ihrer Kindheit spielte und zum Bäcker ging. „Ich lerne ständig Neues von älterer Kundschaft und weiß noch längst nicht alles über die Stadt.“

Stadtgeschichte näherbringen

„Esslinger haben keinen Touristenblick mehr und vergessen, die Stadt zu bewundern.“ Ein Vorteil der Fahrt mit dem Lastenrad sei, dass man nicht stolpern kann. Dannenfeld rät, den Blick nach oben schweifen zu lassen und die Ornamente an den Häusern zu bestaunen, denn er biete nicht nur Stadtrundfahrten, sondern auch Geschichten an. Als ehemalige Reichsstadt habe Esslingen eine große historische Bandbreite an Erzählungen zu bieten, die bis ins Mittelalter zurückreicht. Details wie den Adler am Rathaus oder die Geschichte, die der Postmichelbrunnen erzählt, bemerkten die Bewohner gar nicht mehr. Die Postmichel-Sage erzähle er besonders gerne: Ein Postbote habe den Ring eines reichen Mannes gefunden, der ermordet worden war, und wurde selbst des Mordes beschuldigt und hingerichtet. Sein Geist soll Jahr für Jahr in der Michaelisnacht wieder aufgetaucht sein – bis sich der echte Mörder vor lauter schlechtem Gewissen stellte. Diese Geschichte ist am Postmichelbrunnen zu verfolgen, wo das Lastenrad natürlich auch vorbeikommt.