Mehrere Stadträtinnen in Stuttgart haben Babys – und nehmen diese auch mit in Sitzungen. Funktioniert das? Und warum war vor allem ein Kind öfter Gesprächsthema im Ältestenrat?
Die häufigste Reaktion, die Anita von Brühl bekommt, wenn sie ihr Baby zu einer Sitzung ins Stuttgarter Rathaus, zu einem Neujahrsempfang oder einem Abendessen mitnimmt? „Also, mit meinem Kind wäre das ja nicht gegangen“, sagen andere Eltern dann zu ihr. Anita von Brühl ist unterdessen überzeugt: „Die meisten haben es einfach nie ausprobiert.“
Anita von Brühl hat fünf Kinder: der Älteste ist zehn, die Jüngste gerade ein Jahr alt geworden. Vor anderthalb Jahren ist die 38-Jährige für die CDU in den Gemeinderat nachgerückt. Damals wusste sie schon, dass sie mit Marie schwanger ist. Doch dass sie den Platz im Gemeinderat deshalb nicht annimmt, war keine Option: „Bis dahin war ich vor allem in der Mama- und Lehrerinnen-Bubble“, sagt sie, also umgeben von Kindern und anderen Eltern. Und wenngleich sie diese Welt liebe, sei es „ein Geschenk, nun in eine neue Bubble zu kommen“. Durch ihr Ehrenamt als Stadträtin lerne sie völlig andere Menschen kennen, als wenn sie etwa nur im Eltern-Kind-Zentrum Zeit verbringe, sagt sie.
Viel am Handy vor den Kindern
Nach der Geburt von Marie nahm sich Anita von Brühl acht Wochen Zeit – dann tauchte sie erstmals mit Baby im Rathaus auf. Seitdem nimmt sie die Kleine mit zu Gemeinderats- und Fraktionssitzungen sowie zu Abendterminen. „Das ist ein kompaktes Programm – aber sehr wertvoll“, sagt sie. Die Doppelrolle als Stadträtin und als Mutter bedeute aber auch, dass ihre Kinder sie viel am Handy sähen. Mails beantwortet sie in der Regel unterwegs, oft per Spracherkennung.
Szenenwechsel: Es ist kurz vor Weihnachten, der Gemeinderat verabschiedet den Haushalt. Die Stimmung im Rathaus ist angespannt, es muss an allen Ecken und Enden gespart werden. Von alldem ahnt das drei Monate alte Baby der Grünen-Stadträtin Sarah Wölfle nichts. Das kleine Mädchen liegt auf einer Decke, die seine Mutter auf dem Tisch ausgebreitet hat. Rechts und links von dem Baby kritzeln Stadträte in Unterlagen oder starren in Laptops. Zwischen zwei Mikrofonen hat Sarah Wölfle eine Schnur mit herabhängendem Spielzeug gespannt. Das Baby scheint mit diesem Ausblick rundum zufrieden zu sein.
Solange das Baby gestillt wird, kommt es mit
„Bisher klappt das gut, dass ich die Kleine zu allen Terminen mitnehme“, sagt Sarah Wölfle. „Wenn sie größer und mobiler wird, werden ihr Papa oder die Großeltern sie öfter nehmen.“ Momentan sei dies noch nicht für längere Zeit möglich, weil sie ihr Baby stille. Aber deshalb den Platz im Gemeinderat nicht anzunehmen, sei für sie ebenfalls keine Option gewesen. „Diese Chance wollte ich ergreifen, auch damit junge Mütter sichtbar werden“, sagt die 33-Jährige.
Ihr gehe es dabei auch darum, dass man bei Männern und Frauen andere Maßstäbe ansetze, sagt sie. Wenn ein Mann ein Baby in der Trage mit zur Arbeit nehme, seien die Reaktionen: Was für ein toller Papa! Wenn eine Frau dies mache, heiße es: das arme Kind! Und die Mutter kann sich doch so nicht konzentrieren! Sie merke, dass sie speziell von Männern aus anderen Fraktionen plötzlich weniger ernst genommen werde: „Die gehen bei fachlichen Fragen plötzlich lieber auf Kollegen von mir zu.“
Wertschätzung dafür, wie Fünffachmutter „alles wuppt“
Die CDU-Frau Anita von Brühl erinnert sich an einen negativen Kommentar, den jemand machte, als sie mit Baby ins Rathaus kam. Da fragte jemand: „Guckt dein Kind hier jetzt die Neonröhren an, oder was?“ Größtenteils aber habe sie Wertschätzung dafür bekommen, „wie ich das alles wuppe“. Wichtig war ihr eine gewisse Zurückhaltung: Zum Stillen zog sie sich in eine hintere Reihe zurück und legte ein Tuch über ihre Brust. Zum Wickeln ging sie aus dem Raum. „Mir war wichtig, dass Marie dabei ist, aber nicht im Zentrum steht.“ Für sie habe das mit Respekt zu tun: „Im Gemeinderat geht es nicht darum, ein Kind zu bespaßen.“
Wohl am meisten Aufsehen erregt hat mit ihrem Kind Ina Schumann, Stadträtin von Puls. Die 39-Jährige hat ihre Tochter zu so gut wie allen Sitzungen mitgenommen, bis diese im Herbst 2025 mit anderthalb Jahren in die Kita kam. „Mein Kind und ich waren mehrfach im Ältestenrat Thema“, weiß Schumann. Im Ältestenrat sprechen der Oberbürgermeister und einzelne Stadträte etwa darüber, wie im Gemeinderat Verhandlungen geführt werden.
Ina Schumann wickelte im Sitzungssaal – das störte manche
Dass Ina Schumann dort Thema war, lag unter anderem daran, dass sie ihr Kind im Saal gewickelt hatte. Sie erklärt dies so: „Im Rathaus gibt es nur einen Wickelraum im Erdgeschoss, nicht im dritten oder vierten Stock, wo unsere Sitzungen meistens sind.“ Bis sie mit Kind und Wickeltasche rausgegangen, den Aufzug bekommen, gewickelt und wieder zurückgekommen wäre, hätte sie manchmal mehrere Tagesordnungspunkte verpasst. „Und ich sitze ja oft allein für unsere Fraktion in Ausschüssen, da wir nur drei Personen sind.“
Dazu muss man auch wissen: Ina Schumann lebt nicht in einer klassischen Mama-Papa-Kind-Familie, sondern in einer Co-Elternschaft: „Ich bin nicht richtig alleinerziehend, aber der Vater wohnt auch nicht bei uns.“ Ihre eigene Mutter sei noch berufstätig, die andere Oma wohne 60 Kilometer entfernt. Das habe dazu geführt, dass Schumann im ersten Jahr das Kind nicht so leicht abgeben konnte.
Die Babys im Gemeinderat haben etwas verändert
Johanna Tiarks (Linke) sitzt schon seit vielen Jahren im Gemeinderat und ist selbst alleinerziehend. Sie findet, dass die generelle Unvereinbarkeit zwischen dem Amt als Stadträtin und dem Muttersein geblieben wäre – auch wenn sich einige Kleinigkeiten zuletzt verbessert hätten. So habe ein Antrag von ihr dazu geführt, dass der Gemeinderat nicht mehr am Mittwoch vor den Sommerferien tage. An diesem Tag bekommen Schüler Zeugnisse – und die Stadträte hingen im Rathaus fest. „Bei diesem Antrag hat Oberbürgermeister Frank Nopper mich überraschend unterstützt; seit 2025 ist die Sitzung donnerstags.“
Abgetan werde hingegen nach wie vor der Wunsch nach einer Kinderbetreuung im Rathaus während Sitzungen. „Da heißt es, dass man die Betreuung extern organisieren und von seiner Ehrenamtspauschale bezahlen solle. Ich finde das ungerecht, denn diese Pauschale bekommen ja alle – und gerade für Alleinerziehende ist das eine höhere finanzielle Belastung“, sagt Tiarks. Einiges verändert habe sich jedoch in den Haltungen einiger Stadträte: Durch die anwesenden Babys „mussten sich manche umgewöhnen – und das war gut“.
Das Krabbeln und Quieken habe manche gestört
„Manche Personen waren streckenweise garstig zu mir aufgrund meines Kinds“, berichtet Ina Schumann. Sie hätten sich gestört gefühlt durch das Krabbeln oder Quieken ihrer Tochter. „Wenn die Kleine arg geschrien hätte, wäre ich natürlich rausgegangen, aber bei einem kurzen Quieken habe ich sie im Saal beruhigt.“
Zugleich habe sie „ganz viel positive Rückmeldung bekommen“. Viele Kollegen hätten ihre Kleine auch mal auf den Schoß genommen und mit ihr etwas gemalt. „Ich finde: Eine Gesellschaft muss es aushalten, wenn Kinder dabei sind. Ich würde es jederzeit wieder so machen.“