Peter Weigand an den Wagenhallen Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Peter Weigand und sein Partner Lukasz Lendzinski haben ein Wunder vollbracht. Und Stuttgart ans Meer gerückt. Ein Gespräch darüber, wie man Orte so gestalten kann, dass Menschen dort gerne sind.

Stuttgart - Der Fluss ist weit weg, draußen im Neckartal, der Nesenbach verdolt, der Eckensee muffelt, da wirkten zwei Becken mit Wasser vor dem Stadtmuseumwie eine Offenbarung. Tausende Menschen kamen, planschten, dösten in den Hängematten, lasen, rasten über die Halfpipe. Peter Weigand war dafür verantwortlich. Wir treffen einen der beiden Gründer des Architekturbüros Umschichten an den Wagenhallen, dort haben sie ihr Büro. Gebaut natürlich aus Material, das sie anderswo schon benutzt hatten.

 

Peter Weigand, eigentlich glaubte man, man könne eher über Wasser gehen, als Menschen an die Kulturmeile zu locken. Sie haben das geschafft. Warum?

Zunächst hat es den Mut von Direktor Torben Giese gebraucht, uns machen zu lassen und Verantwortung zu übernehmen. Denn wir müssen darauf vertrauen, dass alle die Bauten nach bestem Wissen und Gewissen nutzen. Gerade bei unseren Art des Bauens muss man damit leben, dass man nicht alles kontrollieren kann. Und wenn sich alle absichern, geschieht eben auch nichts.

Sie wollen also nicht alles vorgeben?

Nein. Ganz im Gegenteil. Die Spezialisten für einen Ort sind die Menschen, die dort wohnen, nicht der Architekt. Wir planen nicht alles fertig, die Leute wissen besser, was sie brauchen. Wir stellen Strukturen zur Verfügung, was die Leute daraus machen, entscheiden sie.

Wie sieht dieser Ansatz praktisch aus?

In Köln wollte man in Chorweiler zwischen den Plattenbauten die Freiflächen umgestalten. Die Anwohnerbeteiligung hat nicht funktioniert, also kamen wir ins Spiel. Wir haben mit den Anwohnern ein Fußballfeld gebaut, ein riesiges Schachbrett oder eine Kletterwand, haben eine Art alternatives Bürgerzentrum erstellt. So kamen wir mit den Menschen ins Gespräch und konnten Ideen sammeln. Ähnliches machen wir derzeit in Schwetzingen.

Wie sieht das aus?

Da wird ein Industrieareal umgewandelt in 600 Wohneinheiten. Da sind drei Architekturbüros beteiligt, wir machen eine künstlerisch begleitete Quartierentwicklung. Es entsteht eine Kunstmitte mit Ausstellungsflächen, Werkstätten, die später an eine Kita angeschlossen werden. Aber auch den Bauprozess begleiten wir.

Wie muss man sich das vorstellen?

Das Konzept heißt „Gestern, Heute, Morgen“. Wir versuchen, dass man von der Identität auch später noch etwas spürt. Das ehemalige Empfangsgebäude sollte abgerissen werden, unsere Idee war, dass es stehen bleibt und zur Lobby für das Quartier umgebaut wird. Wir sichern Materialien aus dem Altbestand und bauen diese in die neuen Gebäude ein. Wir haben ein großes Periskop aufgestellt, da kann man von außen in diese 300 Meter langen Hallen reingucken. Und haben in die Halle einen riesigen Wecker eingebaut, 20 auf sieben Meter groß. Die ganze Halle wird zum Wecker – als Zeichen für einen neuen Abschnitt.

Sind das nicht Spielereien?

Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Was passiert in diesen langen Bau- und Transformationsprozessen? Wie nimmt man da die Leute mit? Was wird überhaupt gebraucht? In wieweit kann man nachbessern? Das ist auch ein Aspekt von Nachhaltigkeit.

Inwiefern?

Das eine ist die Materialität, die Bauweise, also die Konstruktion, dass man so baut, dass es wieder gut zerlegbar ist, um es entweder wiederzuverwenden oder gut zu recyceln. Typologien können aber auch nachhaltig sein. Wenn ich ein Gebäude baue, das wirklich nur die eine Nutzung zulässt, dann ist es weniger nachhaltig als eines, das ich gut nachnutzen kann. Außerdem gibt es die soziale Nachhaltigkeit. Inwieweit binde ich die Leute ein, für die gebaut wird?

Aber ist das überhaupt möglich?

Man sollte in der Planungsphase herausfinden, was überhaupt ausgeschrieben werden soll. Denn wenn du ausschreibst, dann steht fest, was da stehen soll. Und das schon zehn Jahre bevor man baut. Der Bedarf kann bis dahin aber ein ganz anderer sein.

Die Prozesse dauern zu lange?

Die Stadtplanung hat das Problem, dass es über lange Zeiträume geht. Die Architektur hat wiederum das Problem, dass sie darauf nicht reagieren kann. Aber man könnte das Ungeplante miteinplanen und nicht bis in die letzte Ecke alles vergeben, sondern sagen, okay, es gibt so einige weiße Stellen, wo sich etwas entwickeln kann, wo wir jetzt noch gar nicht wissen, was wir in zehn Jahren brauchen.

Das hört sich doch gar nicht so kompliziert an.

Das ist schwer bei dem enormen ökonomischen Druck auf die Flächen, da muss man den Mut haben, wir lassen das frei und haben dadurch Experimentierflächen, wo man Dinge zulässt und daraus lernt. Aber dafür braucht es auch einen Rahmen. Sonst kommt wieder der mit dem meisten Geld zum Zuge. Der Schlüssel steckt wirklich darin ausprobieren, zuzulassen.

Improvisation war immer schon Teil Ihrer Idee?

Für die Kulturregion haben wir das Festivalzentrum am Pariser Platz gemacht. Eine Landschaft aus Schalungselementen, wo wir die Betonschalungen von der Haltestelle Staatsgalerie genutzt wurden. Das ist ein alter Trick von uns. Direkt nach dem Studium wollten wir sofort losbauen, hatten aber kein Geld, keinen Auftrag.

Was macht man dann?

Wir haben selbst unsere Aufträge generiert. Aber da stellte sich die Materialfrage. Da haben wir unterschiedliche Strategien entwickelt und neben dem Recycling auch das Precycling entwickelt und neues Material, neue Halbzeuge ausleiht. Und dann etwas temporär baut und das Material als Neuware zurückgibt.

Wie muss man sich das vorstellen?

Im Bauhaus Dessau haben wir riesige Kanalrohrschächte als Ausstellungsdesign verbaut – ausgeliehen von einem lokalen Hersteller. Im Osthang-Projekt an der Mathildenhöhe in Darmstadt haben wir für einen temporären Campus mit einem Baustoffhändler kooperiert und Materialien aus seinem Angebot ausgesucht. Das waren dann Teile eines Palettenregalsystems, Kunststoff-Lichtschächte, Gulli-Reinigungssiebe – vieles ging zurück, wurde wieder Lager, einiges ist Teil unseres Büros.

Und dann sieht es auch improvisiert aus?

Die Ästhetik, die dabei entsteht, ist uns wichtig. Wenn man Material sich nur ausleiht, darf man es nicht kaputt machen, man darf nicht schneiden, nicht reinbohren. Dadurch entstehen oft so ganz seltsame Konstruktion, da man nur pressen und zwingen kann, und es entstehen dabei eben ganz neue Ästhetiken.

Und man kann es wieder umbauen?

Ja. Das ist der Knackpunkt unserer Arbeit – zuerst auszuprobieren und dann zu verstetigen. Oft wird ja gesagt, das gehe nicht. Aber warum nicht mal den Wilhelmsplatz in Bad Cannstatt drei Tage lang sperren, sich eine andere Verkehrsführung ausdenken, vielleicht nur noch eine Spur statt dreien? Und dann bei temporären Aktionen mal schauen, was passiert? Über solche Interventionen kann man Denkanstöße geben und bei den Menschen etwas auslösen, wenn man sieht: Das funktioniert ja.

Und was könnte man dort konkret machen?

Es gibt überall Leute, die Ideen haben. Überall ist schon ziemlich viel da, schließlich wohnen Menschen dort, bewegen sich dort. Aber man muss rankommen an die Menschen, die Ideen einsammeln, bündeln, moderieren. Das ist etwas, was in der Stadtplanung verankert sein müsste. Ein Feld, für das man extra Stellen schaffen müsste.

Aber oft regiert die Angst vor solchen Experimenten und Zwischennutzungen?

Ja. Man hat Angst, dass sich was etabliert und man es nicht mehr wegbekommt. So sind die Wagenhallen schließlich entstanden. In anderen Städten, denen es nicht so gut geht, freuen sie sich über solche Entwicklungen, in Bochum etwa haben wir in einem Stadtlabor die Ressourcen der Innenstadt geprüft – die hätten sehr gerne, dass sich Kreative ansiedeln und den Leerstand wiederbeleben.

Das ist ja auch ein Riesenthema: Was passiert mit den Einzelhandelsflächen?

Nachhaltigkeit in der Architektur bedeutet eigentlich, mit dem Bestand zu arbeiten, nicht abzureißen und neu zu bauen. Das ist wie mit dem Züblin-Parkhaus: Könnte da eine gute Nutzung rein, die so ein Quartier braucht wie das Leonhardsviertel? In Köln hat ein Architekturbüro ein altes Kaufhaus umgenutzt und Wohnen reingekriegt. Es gibt wahnsinnig viel Bedarf. Das Gleiche gilt auch für Büroräume.

Inwiefern?

Bürogebäude sind nach 15 Jahren abgeschrieben. Dann kommt der Nächste und baut das Gleiche wieder hin, was ist das für eine Energieverschwendung. Dazu braucht es aber eine neue Bauordnung. Die Architects for Future habe eine Petition an den Bund aufgesetzt, wo es darum geht, das Gebäude als Ressource zu sehen, die wollen eine Um-Bauordnung braucht. Zusätzlich braucht es dann vielleicht noch Anreize wie: Wer umbaut, darf noch ein Geschoss draufsetzen.

Müsste man da mal beispielhaft tätig werden, mit einer Art Fluxus?

Klar, schön wäre es. Aber wer kann sich das leisten, so ein Gebäude zum Spielen und Ausprobieren zu nutzen? Man könnte sich vieles vorstellen. Es gibt große Flächen in der Innenstadt, die stehen nachts leer. Da gibt es Synergien, die man nutzen kann. Räume mehrfach nutzen, bei Tag und Nacht oder saisonal, Winter und Sommer. Da müsste man anders bauen, Verstaumöglichkeiten einplanen, flexible Grundrisse, verschiebbare Wände, aber da ginge viel mehr. Und es gibt auch gute Beispiele.

Welche?

In Paris haben die Architekten Lacaton Vasall 70er-Jahre-Wohntürme saniert, indem sie einen Wintergarten davor gebaut haben. So hat man ihn aufgewertet und den Raum erweitert. Statt einen Wohnturm abzureißen und neu aufzubauen, konnten sie mit dem Budget drei solche Türme renovieren. Ein anderes tolles Beispiel ist ihre Architekturschule in Nantes.

Was ist dort passiert?

Sie ist im Prinzip wie ein Parkhaus gebaut. Das ist eine riesige Betonstruktur mit sechs bis neun Meter hohen Geschossen, flexiblen Wandsystemen mit verschiebbaren Paneelen. Das ist im Prinzip nur eine Struktur, die unterschiedlich ausgefüllt werden kann. Das wäre auch etwas für den Interimsbau der Oper. Eine Struktur, die wächst, die für vieles funktioniert, die einfach umgebaut werden kann. Das ist sehr nachhaltig.