Foto: Piechowski

Bei zwei Bauprojekten sollen Gastroflächen Büros weichen -Sorge um Belebung des Viertels.

Stuttgart - Symbolträchtig soll die neue Stadtbücherei im neuen Europaviertel am bundesweiten Tag der Bibliotheken am 24. Oktober 2011 in Betrieb gehen. Besucher müssen sich jedoch vorerst durch eine Einöde zum neuen Medientempel vorkämpfen. Die neue Bibliothek thront allein auf einer Art Feldherrnhügel, weil die Erschließung des neuen Stadtquartiers beim Hauptbahnhof hinter dem ursprünglichen Zeitplan herhinkt. Die angrenzende Bebauung existiert bislang nur als bunte Animation.

Ob die Nachbarschaft einmal tatsächlich so belebt wie in den Computerbildern aussehen wird, darüber macht sich im Stuttgarter Rathaus seit kurzem Unsicherheit breit. Grund für die Irritationen im Städtebaureferat sind veränderte Baugesuche von zwei Investoren, wie am Dienstag im Technikausschuss des Gemeinderats öffentlich wurde. So will die Fay Projects GmbH aus Frankfurt ihr "Europe Plaza" anders als ursprünglich beantragt realisieren. Der Komplex, dessen Zugangsportal den künftigen Stockholmer Platz des neuen Quartiers prägen wird, soll im Erdgeschoss mehr Büroflächen bekommen.

Im Gegenzug wollen die Investoren Gastronomie und Handel reduzieren. Auch der Sparkassenverband will sein Akademiegebäude südlich der Bibliothek anders als vorgesehen realisieren. So soll das 100-Millionen-Euro-Projekt in zwei Bauabschnitten entstehen. Das neue Baugesuch für den ersten Bauabschnitt sieht Grundrisse vor, die mehr Platz für interne Veranstaltungsräume auf Kosten öffentlicher Gastroflächen bietet.

Je weniger Läden, desto größer die Einsamkeit

Den Stadtplanern im Rathaus bereitet dies Bauchschmerzen. Die Befürchtung: Je weniger Läden, Kneipen und Restaurants, desto größer die Gefahr, dass das neue Vorzeige-Stadtquartier nach Büroschluss ausgestorben dasteht. Als abschreckendes Beispiel gilt das benachbarte Bankenquartier mit dem LBBW-Hauptsitz zwischen Kurt-Georg-Kiesinger- und Pariser-Platz, wo nachts "tote Hose" herrscht. Die Angst vor Verödung des künftigen Stockholmer Platzes ist umso berechtigter, weil der laut Bebauungsplan verbindliche Wohnanteil von fünfzig Prozent beim Europe Plaza auf die benachbarten Pariser Höfe übertragen wurde. Das Baurecht lässt diese Verschiebung von Wohnungen und Umwandlung zum Bürogebäude zu.

"Das Beispiel LBBW darf sich im neuen Europaviertel nicht wiederholen", bekräftigte Baubürgermeister Matthias Hahn (SPD) im Ausschuss. Mit aus diesem Grund habe die Stadt schon früh bei den Investoren darauf gedrängt, dass im Erdgeschoss der Neubauten hoher Flächenanteil für belebende Gastronomie und Läden reserviert werde. "Was auf Augenhöhe passiert ist entscheidend dafür, ob ein Viertel vital und urban ist", warnt Stadtplaner Franz Pesch von der Uni Stuttgart. Gerade bei der im Europaviertel geplanten großflächigen Blockbebauung brauche es anziehende Angebote. "Ein Kantine belebt die Umgebung nicht", nennt Pesch das L-Bank-Gebäude an der Friedrichstraße als Negativbeispiel.

"Die Einwirkung auf Bauherren ist aber begrenzt", musste Hahn den Gemeinderäten einräumen. Über den bestehenden Bebauungsplan seien konkrete Nutzungsanteile nicht vorzuschreiben. "Wir versuchen, die Investoren über städtebauliche Verträge zum Mitmachen zu bewegen", so Hahn. Fraktionsübergreifend stärkten die Gemeinderäte Hahn den Rücken, bei den Investoren weiter auf belebende Angebote zu drängen. "Wenn die Stadt das nicht durchsetzt, ist der Zug abgefahren", befürchtet Stadtplanungsexperte Pesch.

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