Der ehemalige Landesrabbiner von Württemberg Joel Berger ist am 26. März mit dem Stuttgarter Kammerorchester zu Gast im Stadtpalais. Joseph Haydn und „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“ stehen im Fokus des Konzertabends. Foto: Burkhard Riegels

Am 26. März ist das Stuttgarter Kammerorchester mit einem kommentierten Konzert zu Gast im Stadtpalais. Joseph Haydn und „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“ stehen im Fokus. Joel Berger steuert dazu seine Worte bei. Im Interview gibt der ehemalige Landesrabbiner von Württemberg persönliche Einblicke zum Thema „Passion“.

Nach einem einleitenden Gespräch des Intendanten Markus Korselt über Joseph Haydn und „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“ als christliche Passionsmusik wird an diesem Abend sehr unterschiedliche Musik zu hören sein: Haydn und „Seven Words“ für Violoncello, Bajan (Knopfakkordeon) und Streicher von Sofia Gubaidulina, abwechselnd ineinander verschränkt. Dazu trägt Joel Berger, der frühere Landesrabbiner von Württemberg, religionsphilosophische Betrachtungen vor.

Haydn hat seine Passionsmusik aus dem Jahr 1787, eine Auftragsarbeit für die Kathedrale von Cádiz, mit ihren sieben Adagios nacheinander als besonders schwierig und gelungen bezeichnet. Diese Musik ohne Worte hat auch die russische Komponistin Sofia Asgatowna Gubaidulina 1982 zu einer großen, ausdrucksstarken instrumentalen Meditation inspiriert. Diese Aufführung leitet Jan Bjøranger. Die Solisten sind Elsbeth Moser (Bajan) und der Cellist Nikolaus von Bülow.

Joel Berger: „Haydns Musik ist transzendental“

Joel Berger steuert dazu seine eigenen Worte bei, will aber keine Zitate kommentieren. Der 1937 Geborene wurde als Gelehrter und Vermittler zwischen Juden und Nicht-Juden unter anderem mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Was halten Sie davon, dass Haydns instrumentale Meditation „unseres Erlösers am Kreuze“ oft als eine Art Anleitung zum guten Sterben verstanden werden?

Nichts. Für Juden gibt es dergleichen nicht. Die nachbiblische, rabbinische Literatur spricht davon, dass der Mensch gegen seinen Willen geboren wird und auch gegen seinen Willen sterben muss. Da kann es angesichts des Todes nur darum gehen, dass wir mit uns selbst und mit Gott im Reinen sind.

Was ist Ihr persönlicher Zugang zum Thema „Passion“?

Ein Jude hat einen ganz anderen Blick auf Jesus als Christen. Wir nehmen den historischen Jesus nicht als Erlöser wahr, sondern als einen Menschen in der Frühgeschichte unseres Volkes, der von den römischen Besatzern Judäas gekreuzigt wurde. Die Juden sehnten sich damals nach einem Messias, einem Erlöser von römischer Besatzung. Aber die Römer und die Unterdrückung sind geblieben. Somit hat die Erlösung für das jüdische Volk nicht stattgefunden.

Haben wir die Hoffnung auf Verzeihung und Erlösung gemeinsam?

Die Szene mit dem reuigen Verbrecher am Nachbarkreuz ist eine christliche Inszenierung. Aber eine gute, denn sie erzählt von dem allgemein menschlichen Bedürfnis nach Verzeihung und Erlösung. Doch auch Verzeihen muss man lernen, es fällt oft schwer. Ehrliche Reue ist die Voraussetzung dafür. Für uns Juden ist der Jom Kippur, der Versöhnungstag, der Tag, an dem Reue und Vergebung im Mittelpunkt stehen. An diesem Tag bitten wir unsere Mitmenschen um Vergebung, denn erst dann können wir auch Vergebung von Gott erhoffen.

Wo sehen Sie die Verbindung zwischen Musik und Weisheit?

Haydns Musik ist transzendental: Sie drückt diese Gefühle religionsübergreifend auf universelle Weise aus, besser als alle Worte. Das macht diesen Klassiker so zeitlos aktuell. Hoffnung, Verzeihung und Erlösung sind sehr wichtige Begriffe im Judentum, eine Art Trinität. Auch wenn Jesus sich am Kreuz von Gott und den Menschen verlassen fühlt, ist das eine christliche Sichtweise. Sie ist ein Bild für die Menschlichkeit eines Erlösers, der Jesus für uns Juden nicht ist.

Ein Beispiel für jüdische Passion sehen wir im Bericht des Talmuds über die Ermordung des großen jüdischen Gelehrten Rabbi Akiba ben Josef, den die römischen Besatzer im 2. Jahrhundert auf dem Scheiterhaufen verbrannten. Anders als die Jünger Jesu sind die Schüler von Rabbi Akiba aber nicht weggelaufen, sondern haben bis zum Schluss einen Dialog mit dem Meister geführt, der im Talmud festgehalten wurde. Da fragte ihn einer: „Rabbi, so weit kann deine Hingabe an Gott führen?“ Und die Antwort des sterbenden Rabbi war: „Es steht geschrieben: Du sollst den Ewigen, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, deiner ganzen Seele und deiner ganzen Kraft. Und jetzt, wo ich die Möglichkeit habe, das unter Beweis zu stellen, soll ich es nicht tun?“ Und er sprach die Worte des jüdischen Glaubensbekenntnisses „Schma Jisrael“: „Höre Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig.“ Beim Wort „einzig“ wurde ihm schwarz vor Augen und er starb.

Was ist der Unterschied zwischen Zweifel und Verzweiflung?

Wer heute nicht zweifelt, ist meiner Ansicht nach nicht in dieser Welt. Jedoch der biblische Hiob, dem Gott alles nahm – Frau, Kinder, Güter und Gesundheit –, stellt für alle, die verzweifelt sind, ein gutes Beispiel dar, denn er sagt: „Selbst wenn Er (Gott) mich töten würde, würde ich Ihm vertrauen.“ Hiob klagte, aber er verzweifelte nicht. Verzagen ist ein Hindernis für die Hoffnung, ohne die es keine Erlösung geben kann.

Info: „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“ mit dem SKO und Joel Berger: 26. März, 20 Uhr, Stadtpalais, Tickets unter  07 11 / 6 19 21 44 sowie übetr die Homepage von reservix.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: