Siegmund Lindauer war ein guter Werber. Der Satz "Natur und Hautana - zwei große Künstler" wie hier auf der Werbung von 1930 stammen aus seiner Zeit als Firmenchef. Mehr Bilder finden Sie in unserer BildergalerieFoto:  

Das Stadtmuseum Bad Cannstatt zeigt die Geschichte der Korsettfabrik S. Lindauer.

Stuttgart - Seine Brust ist bis zum Überlaufen voll. Dann entweicht Manfred Schmid ein langer Seufzer: „Es mag für die Cannstatter eine schockierende Nachricht sein, aber der Büstenhalter wurde nicht in Bad Cannstatt erfunden.“ Es ist heraus. Schmids Brustkorb hebt und senkt sich heftig.

Hinter Manfred Schmid, der zum Planungsstab des Stadtmuseums Stuttgart gehört, prangt an einem Puppentorso ein Korsett. Auf den Holzboden unterhalb der Ankleidepuppe ist mit Kreide ein Oval gezeichnet. Vierzig Zentimeter Umfang hat dieses. Zwei Männerhände können es umspannen. „Damit wollen wir verdeutlichen, wie schmal die sogenannte Wespentaille war“, sagt Schmid und legt seine Fingerkuppen aneinander. Dann atmet er tief ein – und in diesem Moment glaubt man förmlich zu sehen, wie am Korsett hinter ihm die Halt gebenden Fischbeine aus Walfischknochen bersten, die Nähte reißen und die Brüste sich aus ihrer unnatürlich eingeklemmten Position befreien.

BH erstmals im großen Stil industriell hergestellt

Die Befreiung der Frau aus dem einengenden und gesundheitsschädlichen Korsett ist auch der Impulsgeber für die Ausstellung, die Schmid zusammen mit dem Historiker Olaf Schulze konzipiert hat: „Prima Donna – Zur wechselvollen Geschichte einer Cannstatter Korsettfabrik“ wird von heute an im Stadtmuseum Bad Cannstatt gezeigt.

Genau genommen war der Anlass dafür die Erfindung des ersten Hautana-Büstenhalters der Cannstatter Fabrik S. Lindauer. Diese wird in der Literatur meist auf das Jahr 1912 datiert. „Bei unseren Recherchen haben wir aber schnell gemerkt, dass sich das genaue Datum nicht feststellen lässt – wir können nur mit Sicherheit belegen, dass die erste Werbung dafür aus dem Jahr e 1914 stammt“, sagt Schulze.

Die Cannstatter Firma war damit nicht die Erfinderin des BHs, aber durch Sigmund Lindauer, den älteste Sohn des Firmengründers Salomon Lindauer, wurde der Büstenhalter nun erstmals im großen Stil industriell hergestellt und professionell vermarktet.

„Es war einfach die Zeit dafür gekommen“

„Der Büstenhalter hat offensichtlich mehrere Väter und Mütter“, sagtSchmid. Christine Hardt aus Dresden, Herminie Cadolle, eine Schneiderin aus Paris. der böhmische Industrielle Hugo Schindler und Mary Phelbs Jacob aus New York haben alle etwa zeitgleich Patente angemeldet. „Es war – wie beim Automobil – einfach die Zeit dafür gekommen“, sagt Schulze.

Dass gerade in jener Phase um 1900 der Weg für die Entwicklung des Büstenhalters freigemacht wurde, verwundert nicht. Die „Reformkleid“-Bewegung zum Ende des 19. Jahrhunderts, welche die Gesundheit der natürlichen Körperform propagierte, und auch das Aufkommen des Frauensports sowie der Emanzipation der Frauen im Allgemeinen veränderten das Frauen- und Körperbild.

Eingang in die Literatur

Die Familie Lindauer hatte mit ihrer Cannstatter Firma nach 1883 einen wesentlichen Teil der deutschen Korsettwarengeschichte mitgeschrieben und mitbestimmt – von 1914 an prägten sie auch die Geschichte des BHs. Zum geschützten Markenname Prima Donna für die Korsetts kam der Name Hautana für die BHs dazu – und dieser entwickelte sich bald zum Oberbegriff für Büstenhalter.

Selbst in die Literatur fand er Eingang: Otto Reutter schrieb um 1928 in „Der fliegende Warenhändler“ folgende frivole Gedichtzeilen: „Komm‘n Damen mal in ein gewisses Alter, Ihr „Busenfreund“ ist dann ein Büstenhalter. Erst war‘n sie platt – dann half Hautana ihnen – und neues Leben blüht aus den Ruinen.“

Noch im Jahr 1960 schrieb Arno Schmidt in der Glosse „Was soll ich tun?“: „Es gibt ja Autoren, die einen Hautana mit Inhalt dergestalt zu beschreiben verstehen, dass selbst graubärtige Prokuristen toll werden.“

Miederwäscheindustrie von großer Bedeutung

Siegmund Lindauer selbst war zwar kein begnadeter Literat, aber ein guter Werber: Es lässt sich zwar nicht mit Sicherheit belegen, dass der Satz „Was der Leuchtturm für die Küste, ist Hautana für die Brüste“ tatsächlich einer seiner Werbeslogans war. Aber Sätze wie „Natur und Hautana – zwei große Künstler“ stammen aus seiner Zeit als Firmenchef. Er schaltete in allen nur erdenklichen Zeitschriften Anzeigen – sogar in der „Lüderitzbuchter Zeitung“, die in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika (später Namibia) verlegt wurde. Auf diese Weise vermarktete Lindauer seine Produktion weltweit.

Die Ausstellung beschreibt anschaulich die Geschichte der Cannstatter Firma, die im Dritten Reich von der Arisierung bedroht war und die erst 1990 endete. Ein kleiner Ausflug über die Lindauer Firmengrenzen hinaus zeigt, dass in Stuttgart und der Region die Miederwäscheindustrie generell von großer Bedeutung war. Rund 15 Firmen waren dort angesiedelt, der Industriezweig war einer der größten Arbeitgeber. Im 19. Jahrhundert gab es Jahre, in denen aus der Region eine Millionen Korsetts exportiert wurden.

Die wahre Erfolgsgeschichte aber wurde bei Lindauer in Bad Cannstatt geschrieben. Oder, um es mit Thaddäus Troll zu sagen: „Wia s Auto erfonda ond Hautana ghoißa , en meim Cannschtatt , dem wo sei Wurmfortsatz Schtuagert hoißt“.

Die Ausstellung „Prima Donna“ ist bis zum 8. Juli im Stadtmuseum Bad Cannstatt („Klösterle“-Scheuer), Marktstraße 71/1, zu sehen. Öffnungszeiten: mittwochs von 14 bis 16 Uhr, samstags 10 bis 13 Uhr und sonntags 12 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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